ipt_burrows_fargion_hermansorgeloosGlitzerndes Juwel der Tanz- und Performancekunst. „Counting To One Hundred“ ist das jüngste Bravourstück des Tänzers Jonathan Burrows mit dem tanzenden Komponisten Matteo Fargion. Das weltweit erfolgreiche, sechste, Duett, ist bei der Wiener Premiere  kräftig bejubelt worden.

Nach einer linkischen Verbeugung, als ob die Vorstellung nicht gerade erst beginnen würde, sondern bereits beendet wäre, sitzen Burrows und Fargion wie so oft auf ihren Stühlen und zählen bis Hundert. Hintereinander, miteinander, gegeneinander. Manchmal gesellt sich aus dem Off ein Chor dazu, ein wenig Percussionmusik sorgt ebenfalls für Abwechslung. Notwendig wären die rhythmisch-musikalische Begleitung allerdings nicht. Fargion und Burrows schaffen es auch ganz ohne Unterstützung zu fesseln und zu unterhalten. Mal (er)zählen sie eine lustige, dann wieder eine traurige Geschichte, bestechen durch ihre Körpersprache (Burrows auch durch zaghafte Tanzschritte en Miniature) und ihre Mimik und auch dadurch, dass alles wie zufällig aussieht und doch präzise einstudiert ist. Da sitzt jeder Schnalzer mit den Fingern, jedes Sesselrücken und jedes Schulterzucken. Das wird alles mit einer Leichtigkeit, teilweise sogar Beiläufigkeit vorgetragen, als könnte man auf keine andere Weise bis hundert zählen –  singend, schluchzend, mahnend, belehrend, englisch oder italienisch –, als gäbe es keine andere Möglichkeit den Bühnenraum zu durchmessen, einander zu berühren,  oder auch nur anzusehen (oder womöglich genau das zu vermeiden).

Wenn Klugheit, Körperbeherrschung und lebhafte darstellerische Freude einander paaren, dann wird dem Publikum ein Meisterstück geboten, das nach (nur) dreißig Minuten voll befriedigt und mit Freude erfüllt.

Biografisches. Jonathan Burrows tanzte 13 Jahre mit dem Royal Ballet, zuletzt als Solist, bevor er sich 1991 selbständig machte, um selbst zu choreografieren. 2002 begann seine Zusammenarbeit mit dem italienischen Komponisten Matteo Fargion in „Both Sitting Duet“. Damit war das Duo 2003 auch bei ImPulsTanz zu Gast und fand so begeisterte Zustimmung bei Publikum und Kritik, dass sie immer wieder auf dem Festival-Programm stehen. Burrows war bereits bekannt, war er doch mit seiner eigenen Gruppe und in unterschiedlichen Kooperationen ein Höhepunkt mehrerer ImPulsTanz-Festivals. Ganz fremd ist auch Fargion der Tanz nie gewesen. Eine Aufführung der Merce Cunningham Dance Company begeisterte ihn so, dass er sich an der "International Course for Choreographers and Composers" bewarb, wo er erstmals Musik für den Tanz komponierte. Hier lernte er den Choreographen Jonathan Burrows kennen, mit dem er für mehr als 20 Jahre zusammenarbeitet. Nicht nur für Linda Gaudreau oder Russell Maliphant hat Fargion komponiert, sondern auch für das Residenz Theater in München, die Schaubühne in Berlin und das Theater in der Josefstadt in Wien (Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Premiere 1. März 2012). Beide Herren haben die 50 bereits überschritten, sind aber jünger und sprühender als so mancher Nachwuchs, der aus dünnen Konzepten keine bühnengerechte Aufführung zustande bringt. Wie mit allen ihren Miniaturkostbarkeiten sind Burrows & Fargion auch mit dieser weltweit unterwegs und werden auf allen Kontinenten gefeiert.

Jonathan Burrows & Matteo Fargion: „Counting To One Hundred“, 7. August 2012, Schauspielhaus im Rahmen von ImPulsTanz.