threekingdomsBabylonische Sprachverwirrung. Die Wiener Festwochen nähern sich ihrem Ende – und zeigen mit einem großartigem Ensemble aus drei Ländern ein Juwel theatraler Kunst - „Three Kingdoms“ des englischen Erfolgsdramatikers Simon Stephens. Eine Inszenierung, in der Sprache und Performativität in kongenialem Spiel miteinander verschmelzen.

Unter der Regie von Sebastian Nübling gelingt es, die aus den unterschiedlichsten Theatersystemen kommenden SchauspielerInnen zu vereinen, die dabei auch noch in drei verschiedenen Sprachen spielen. Nichts von ihrer Individualität und einem wunderbaren nebeneinander Fremd-Sein wird eingebüßt, ihre Konturen verlieren sich nicht in einer gesichtslosen europäischen Durchschnitts-Masse. Risto Kübar, ein androgyner Brad Pitt in weißem Anzug schwebt durch die Aufführung und webt in drei Sprachen Lieder wie Hans Albers` La Paloma ein, oder kehrt als überwältigende Prostituierte wieder oder als Pornodarsteller, um nur einige seiner Rollen zu nennen.

In einem hell getünchten Raum (Bühne und Kostüm Ene-Liis Semper) mit Fenster-, Tür- und einem Bar-Durchlass finden alle Schauplätze in drei Ländern – England, Deutschland und Estland - von der Polizei-Station bis zum Hotelraum, zur Sauna, zum Bordell, in dem Pornofilme gedreht werden – ihre geniale Entsprechung. Zunehmend wird die Umgebung gefährlicher, unberechenbarer, entwickelt ihren Sog in einen Krimi, in dem Detective Ignatius Stone (Nick Tennant) bei seinen Ermittlungsarbeiten immer mehr in einem moralischen Sumpf zu versinken droht. Die vornehme englische Überlegenheit geht flöten mit dem Verlust der Sprache, als ihn seine Ermittlungsarbeit über die Köpfung einer jungen Prostituierten nach Deutschland führt und er in Abhängigkeit zu seinem deutschsprechenden Kollegen Charly (Ferdy Roberts) gerät.

Dieser nutzt seine Überlegenheit, um nur nach eigenem Gutdünken, sehr sporadisch zu übersetzen. Ein wunderbarer deutscher Ermittler (Steven Scharf) mit zweifelhaften Methoden führt Detective Stone tiefer ins Milieu und nach Estland, den dritten Schauplatz im Stück. Zunehmend treibt Stone seine Einsamkeit und sein Orientierungslosigkeit durch den Verlust der Sprache in eine Schlaflosigkeit, in der die Realität immer mehr Risse bekommt. Aus den Durchlässen springen Paare - im Liebesspiel oder in Gewalt-Exzessen verbunden. Dem stummen, ausländischen Personal springt  Putzmaterial aus der Hand. Zufällig? Männer - in Wolfsmasken oder Frauen mit Rehköpfen verharren stumm in ihrem Anderssein. Es sind  Fremde, denen der Sprachverlust das menschliche Gesicht raubt.

Der in Estland spielende Teil wird zu einer Performance der besonderen Art: Hier bringt vor allem das Ensemble des Teater NO99 Tallinn seine außergewöhnlich physische, sehr tänzerische und akrobatische Schauspielkunst ein. Detective Stone gerät immer tiefer an den Abgrund – seiner selbst? Exstatische Drogentänze, Prozessionen, quer in den Durchlässen hängende Menschen, Männlichkeitsriten mit Boxhandschuhen, geben den Takt an. Die Überlegenheit des Westens über den Osten wird demontiert, wenn mit einem Blick ins Publikum Frauen aus Zentraleuropa auf ihren Marktwert in Asien oder Afrika bemessen werden.

Ein wunderbarer Abend, der dem Wunsch nach einem zwangshomogenisierten Europa ein Beispiel entgegenstellt, wie kulturellen Unvereinbarkeiten und Differenzen in einer gemeinsamen europäischen Theater-Arbeit mit Respekt begegnet werden können.

 Three Kingdoms, Simon Stephens / Sebastian Nübling, Theater an der Wien, 14. Juni 2012

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