gastarbeiteroperWarten auf die Revolution. Der Figur des Gastarbeiters in den 1960er und 70er-Jahren hat sich der Künstler und Aktivist Alexander Nikolic im Rahmen des Forum Festwochen ff  mit seiner „New BOEM*ian Gastarbeiter Opera“ angenommen. Mit seinem Partisanenchor Hor 29. Novembar feierte er im WUK fröhliche Urständ.

Es begann mit Zeltfest-Flair: Eine hauptberufliche Kellnerin aus dem Arbeiterkaffeehaus Boem gab im Vorraum ein Lied zum Besten, die Stimme eines Jörg Haider Doubles begrüßte das Publikum und riet, das Handy auch während der Vorstellung eingeschaltet zu lassen. Um mittels selbst formulierter SMS-Nachrichten, die direkt auf einen Screen über der Bühne geschickt werden konnten, den Abend mitzugestalten. Bier, frittierte Sardellen und Wodka sorgten für die kulinarische Unterlage, Heurigentische simulierten Gemütlichkeit. Wer dort nicht Platz fand, durfte sich auf harte Tribünenbretter setzen, um dessen zu harren, was kommen möge. Doch es kam nicht: Alle Versuche, den Saal auf Partystimmung aufzuheizen, prallten an den zwar aufgeschlossenen, aber gleichwohl zurückhaltenden Festwochen-Besuchern ab.

„Wer einmal aufgestanden ist, sollte sich widersetzen.“, stand auf einem der Screens. Sicherheitshalber stand deshalb wohl niemand mehr auf. Denn – es blieb auch relativ unklar, wogegen man sich widersetzen sollte. In einer Einführung wurde man zu Beginn vom Plot der Oper unterrichtet: Der Gastarbeiter sei in zwei Figuren zerfallen – den Arbeiter und den Ausländer. Und: es fehle eine epochale politische Revolution in Europa und es ginge um die Frage, welche "Klasse" wohl die Oper erneuern wird. Auch Walter Benjamin wurde zitiert: Die Bourgeoisie finde ihr Vergnügen an der Arbeit, an Moral und am Aufschieben von Genuss. Im Gegensatz dazu würden sich Proletariat und Aristokratie andere Eigenschaften teilen, nämlich Arbeit und Moral zu verachten und das exzessive Vergnügen zu lieben.

Deshalb versuchte man es an diesem illustren Abend mit Musik, Brot und Spielen. Das Haider-Double lud einen zum Boccia-Spielen ein und ein Animateur versuchte mit einem „Tanz die Angela Merkel“ nunmehr an den Tribünen festklebenden „Popos zum wokln“ zu bringen, wie das schon andere in diesen Wochen – siehe Songcontest - erfolglos probiert hatten. Die  Bemühungen des Integrationsstaatssekretariats bekamen einen Korb, da sich die Kinder der Zuwanderer längst als Teil der österreichischen Gesellschaft begreifen und auch so behandelt werden möchten: „Wir wollen keine Integration. Wir gehören schon dazu. Schon seit langem.“

Zwischen den Party-Songs mit revolutionärem Einschlag gab es Interviews: Eines mit Gordana, einer seit vier Jahrzehnten in Wien lebenden Selbstständigen, die sich auf österreichische Trachtenmode spezialisiert hat. Die alle fünf Jahre ihr Visum verlängern muss, weil sie sich die österreichische Staatsbürgerschaft nicht leisten möchte. Und eines mit dem - in Tracht gehüllten - wiedererstandenen Jörg Haider, der prompt mit Bier beschüttet wurde. Was ihn nicht daran hinderte, Regisseur Alexander Nikolic vorzuwerfen, mit der „rot-grünen Kulturmafia“ gemeinsame Sache zu machen, indem man – mit heimischem Steuergeld – Ausländer im Rahmen der Festwochen nach Österreich schleusen würde.

Die epochale politische Revolution scheint nach diesem Abend in noch weitere Ferne gerückt zu sein. Eine etwaig spürbare Desintegration können ÖsterreicherInnen vielleicht bei God`s Entertainments „Österreicher integriert euch“, bis 9. Juni (10 bis 21 Uhr) noch auf der Mariahilfer Strasse Ecke Museumsplatz, dann am Meidlinger Platzl (Meidlinger Hauptstrasse / Niederhofstrasse, 1120 Wien) zu heilen versuchen. Hier wird in einem Einstufungstest der Integrationsbedarf ermittelt, der dann in einer je nach Grad des Bedarfs ausfallenden Therapie mündet.

New BOEMIAN Gastarbeiter Opera, gesehen am 6. Juni 2012, Wuk

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