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narrenschifft-1Tanzen vor dem Sturm. Ein Roman, ein Film, ein Ballett. Jochen Ulrich, Ballettchef am Linzer Landestheatern,  hat Katherine Anne Porters berühmten Roman "Das Narrenschiff" als Libretto für ein neues Ballett genommen und wollte keine der vielen Personen auf dem Oberdeck und ihre Schicksale auslassen. Ehrenvolles Scheitern war vorprogrammiert.

Porter erzählt in ihrem an Figuren und Geschichten reichen Roman, erschienen 1962, von einer Schiffsreise 1931 von Mexiko nach Bremerhaven. An Bord befindet sich eine gemischte Gesellschaft, Verliebte, Verlassene, Verängstigte, Verbitterte und Verlorene. Sie alle tanzen auf einem Vulkan und wissen es nicht – oder wollen es nicht wissen. So richtig bekannt geworden ist der gefühlvolle metaphernreiche Roman durch die kongeniale Verfilmung von Stanley Kramer mit Simone Signoret, Vivienne Leigh, Heinz Rühmann und Oskar Werner. Pech für den Choreografen Ulrich.

Die feinen Dialoge, die delikaten Liebesszenen zwischen der drogensüchtigen ehemaligen Freiheitskämpferin, La Condesa, und dem bitteren, herzkranken Schiffsarzt, die wachsende Furcht des einzigen Juden an Bord, die Sehnsüchte, Träume und persönlichen Ängste der Passagiere, so wie die immer deutlicher spürbare Bedrohung durch die mächtiger werdenden Emporkömmlinge, das alles ist in Tanz schwer einzulösen. So verlässt sich Ulrich, ein Meister im Übersetzen von Gefühlen und Gedanken, diesmal aufs Grobe, gibt der mitreisenden Mambotruppe breiten Raum und fokussiert das Stück weniger auf die Solisten und die ihm eigene ausdrucksstarke Körpersprache, sondern auf die Ensembleszenen und die von David Wagner arrangierte Tanz- und Filmmusik.

Die fulminanten Auftritte der Tanztruppe, an denen sich sämtliche Passagiere und die Crew beteiligen, werden zum Zentrum der 100 pausenlosen Minuten. Wesentlich beteiligt daran ist der Arrangeur und seine Band, sowie die Sängerin Daniela Dett, die ohne große Anstrengung eine immer bedrohlicher werdende Untergangsstimmung vermittelt. Weniger geglückt die „Raumklänge“ mit Kompositionen von Andres Brosshard und Bernd Kranebitter. Nicht das Wellenklatschen oder das Stampfen des Dampfers ist zu hören, sondern das Krachen wenn Chips geknabbert werden und elektronische Klingeltöne. Lediglich der Schlot des Schiffes, der mit seinen Dampfwolken zunehmend die anfangs so fröhliche Gesellschaft einnebelt, bringt ein wenig Atmosphäre.

Gemeinsam mit Jean Bernard Fontus, der die Mambo-Szenen choreografiert hat, gelingt es Ulrich und seinem Ensemble jedoch die allmählich in Aggression und Depression kippende Stimmung auf diesem Schiff der vielen verlorenen Seelen darzustellen. Der Strauß-Walzer „Wiener Blut“ erklingt inmitten der Schlagerseligkeit, die Einsamen suchen Gleichgesinnte, man dreht sich im Dreivierteltakt und bemerkt nicht, wie das Grauen heran kriecht. Das Bordfest artet immer mehr aus, es wird getanzt und gelacht, getrunken und geküsst, die Hemmungen fallen, Angriffslust und Angst steigen. Löwenthal, der einzige Jude an Bord, bekommt das an Haut und Knochen zu spüren. Doch man trinkt und tanzt weiter, bis ein Sturm dem Taumel ein Ende bereitet. Dieser, beängstigend realistisch inszeniert und getanzt, fegt nicht nur das Deck leer sondern macht auch den Menschen auf dem Schiff klar, dass nichts mehr so sein wird, wie es war und auch nicht so, wie sie es für das Ende ihrer Reise erhofft haben.

Dass die Choreografie den Tänzern in Ulrichs Compagnie (vor allen Fabrice Jucquois / Dr. Schuhmann und Wallace Jones / Löwenthal) keine Gelegenheit bietet, ihr Können zu zeigen und auch die Damen hinter den Ensembleszenen verschwinden, ist schade. Zwar kann Jucquois den kranken und von der Welt angeekelten Schiffsarzt Profil geben (das in Haltung und Gestus frappant an Oskar Werner in der Filmrolle erinnert, auch wenn Jucquois diesem in keiner Weise ähnelt), doch ohne Kenntnis der Vorbildgeschichte, bleibt auch er ein Schatten. Wie die ehemalige Tänzerin Dary Cardin, die in der Charge der La Condesa bestens besetzt ist. Wie einst die Signoret, die für ihre Gestaltung mit einer Oscarnominierung belohnt wurde, erträgt auch Cardin ihre Verbannung aus Spanien stumm aber deutlich leidend. Die diffizile Beziehung zu Schuhmann ist kaum erkennbar.  Für das Theaterpublikum gibt es keine Nahaufnahmen und Closeups, die Mimik (des stummen Leidens) kann auf der fernen Bühne nicht gesehen werden. Ein paar Wiegeschritte, ein zögernder Kuss und die Silhouette einer vom Leben Enttäuschten allein genügen nicht, um das Interesse an der Figur zu wecken. So bleiben die rasanten revueartigen Tanzszenen, die schräg arrangierte Musik und das so einfache wie realistische Bühnenbild – durch die simulierte Schieflage des Schiffes eine Herausforderung für das gesamte Ensemble – von Alexandra Pitz (Licht: Johann Hofbauer), die dem Tanzstück einigen Glanz verleihen.

„Das Narrenschiff“, Ballett von Jochen Ulrich, Uraufführung im Landestheater Linz,  23. Mai 1012.

Weitere Aufführungen: 1., 7., 23., 27. Juni 2012.