bluelady

Mit ihrem Solo „Blue Lady“ aus dem Jahr 1983 gelang Carolyn Carlson die Darstellung des Lebenszyklus in einem eindrucksvoll komponierten tanztheatralen Werk. 2008 hat sie das Stück dem finnischen Tänzer und Choreografen Tero Saarinen übertragen, in der Version, die nun im Wiener Tanzquartier zu sehen war, war das Solo erstmals mit Jackie Berger, einem Mitglied der Carolyn Carlson Company, besetzt.

In Italien und Frankreich war Carolyn Carlson eine der prägenden Persönlichkeiten für die zeitgenössische Tanzentwicklung. Hierzulande war sie zwar wiederholt auf Gastspielen zu sehen, hat es aber nie zu jenem Kultstatus gebracht, der ihr in den Ländern, in denen sie kontinuierlich über Jahre hinweg tätig war, anhaftet.

1971 emigrierte die ehemalige Haupttänzerin der Compagnie von Alwin Nikolai, dessen Ideen sie stark beeinflusst haben, nach Europa und etablierte sich als Choreografin. An der Pariser Oper leitete sie die choreografische Recherchegruppe GRTOP und in Italien das Teatrodanza La Fenice in Venedig. Heute steht sie dem internationalen Zentrum für Meisterklassen „Atelier de Paris - Carolyn Carlson“ sowie dem choreografischen Zentrum in Roubaix Nord-Pas de Calais vor.

In ihrem Lebenswerk von über 100 Choreografien, für das sie 2006 von der Biennale di Venezia (deren Tanzsektion sie von 1999 bis 2002 leitete) mit dem Goldenen Löwen für Choreografie ausgezeichnet wurde, stellt „Blue Lady“ eines ihrer Schlüsselwerke dar. Carlson kehrte immer wieder zum Solo zurück, denn für sie war die Konfrontation mit sich selbst wesentlich für ihre künstlerische Arbeit.

„Blue Lady“ behandelt in einer Serie von Soli alle Lebensphasen von der Kindheit über die Jungend bis ins hohe Alter. Der Hintergrundprospekt, ein blauer, leicht bewölkter Himmel und der Stamm einer Palme auf der Bühne evozieren ebenso mediterrane Gefühle wie die wechselnden Kostüme (Chrystel Zingiro). Jalousienbahnen teilen die Bühne, geben Ausschnitte frei, oder verbergen Aspekte des Panoramas von Bühnenbildner Frédéric Robert. Im Hosenanzug  tanzt Berger leicht, jugendlich und ausgelassen, als genieße er einen Tag am Strand. In einem leichten Sommerkleid mit Strohhut kommuniziert er mit einem imaginären Wesen, winkt ihm zum Abschied. Ein schwarzes Kleid mit schwarzem Hut bringt einmal eine elegante Lady, dann eine Greisin oder einen bigotten Klerikalen hervor. Der Hüpftanz im goldgelb schimmernden Rock gehört eindeutig zu einem Kind. Das spektakulärste Kostüm ist eine rote Stoffbahn, in der der Tänzer eingehüllt ist und die sich von der Bühnenseite her ausdehnt. Aus ihr befreit, landet der Tänzer in einfachen Leggins auf dem Boden.

Die metaphorische Ebene dieser Choreografie als Lebenszyklus ist eindeutig und nachvollziehbar. In dieser Eindeutigkeit der Aussage erkennt man auch den Jahrgang der Choreografie ebenso wie in der Musik von René Aubrey mit ihrem unaufgeregten, repetitiven Minimalismus und Rhythmen, die den Tanz vor sich hertreiben.

Die Tanzsprache ist expressiv, aber nie überdramatisch. Jacky Berger dosiert die komplexen Phrasen mit großartigem Timing, ist dem Rollenbild gegenüber distanziert und vermeidet jede Übertreibung. Obwohl er eine Frau darstellt, bleibt er seinen ureigenen Bewegungsqualitäten treu und versucht nie feminin zu wirken. Doch die Kostüme verhindern eine androgyne Lesart des Stücks. „Blue Lady [revisited]“ bleibt eine Frau, auch wenn sie von einem Mann getanzt wird.

Carolyn Carlson „Blue Lady [revisited]“, getanzt von Jacky Berger, am 28. April 2012 im Tanzquartier Wien