songbooksScores N° 5, der künstlerisch-theoretische Parcours des Tanzquartiers Wien, beschäftigte sich diesmal mit einem großen Thema: dem Cháos, mit gesellschaftlichen und choreografischen Un-/Ordnungen.

An fünf Tagen im April setzten sich KünstlerInnen und TheoretikerInnen mit  theatralen, sozialen und gesellschaftlichen Prozessen der Bildung, aber auch des Scheiterns von Gemeinschaft auseinander. Aus den unterschiedlichen Methoden ergaben sich Arbeiten und Entwürfe, die unsere Wahrnehmung auf den Prüfstand stellen und dem Chaos - einer Auflösung von Ordnungen – Raum gaben. Mit dem Ziel, allzu Gewohntes zu erschüttern, um es wieder völlig neu denken zu können.

Mit „C.A.P.E. Tohoku“ der belgischen Gruppe CREW unternahm man – inmitten des frühlingshaften Treibens im Museumsquartier – eine Reise zugleich im eigenen und in einem „geborgten“ Körper:  Mit Videobrille, Kopfhörer und einem Computer ausgestattet, betrat man eine andere Wirklichkeit - vom Tsunami zerstörte Gebiete in Japan. 360° Filmszenen brachten einen in eine entfernte Welt, die man nicht nur betrachten konnte, sondern in der man sich gehend bewegen konnte. Das brachte die gewohnte Ordnung der Wahrnehmung gehörig ins Wanken, denn die Füße berührten einen anderen Boden, als die Augen sahen.

Bei „Tales of the Bodiless“ der ungarischen Künstlerin Eszter Salamon wurden die  Zuschauer in vier Stadien der Körperlosigkeit eingeführt: Wenn Dunkelheit den Augen jeglichen Anhaltspunkt entzieht, kann man sich in einem seltsam entkörperten Zustand fühlen, in dem dominante Industrieklänge durch jedes Wahrnehmungs-Schutz-Schild ungehindert eindringen. „Science Fiction Musical“ nennt die Choreografin ihre Arbeit, in der sie es schaffte, einen mit „Unmöglichem“ zu konfrontieren. Stimmen, die einander von Körperlosigkeit oder vom langsamen Entgleiten des Körpers erzählten, von Zuständen körperlosen sexuellen Verkehrs und einen in andere Realitäten und Vorstellungen führten. Vielleicht in eine nicht mehr allzu ferne Zukunft, in der wir unsere Körper hinter uns gelassen haben. Als Lichter den Raum wieder öffneten, zuerst mit zweidimensional wirkenden Bildern von dreidimensionalen Menschen auf der Bühne und in eine seltsame, sprachlich vermittelte Welt hündisch-menschlichen Daseins drangen, fand wieder eine irritierende Verschiebung statt, die eine Neuordnung der Sinne verlangte. Am Ende verrückte Eszter Salamon die „Welt“ (eine schäumende rote Nebel-Landschaft) noch einmal, wie wir es sonst am Theater gewohnt sind zurück auf die Bühne und gab uns die wohltuend vertraute Distanz zu den Bildern zurück.

Choreografische Recherchen um die 1970 komponierten Song Books von John Cage (anlässlich dessen 100. Geburtstags in diesem Jahr) wurden am zweiten Tag im Semperdepot aufgeführt. Die Akademie der Künste Berlin erarbeitete gemeinsam mit dem Zentrum Tanz Berlin im Rahmen von „Songbooks als Spielanleitung“ Choreografien, die mit einer Auftragsarbeit des Tanzquartiers Wien an NOID (A) gezeigt wurden. Das Ergebnis: Eine minutiös von fixem Zeitablauf strukturierte Performance mit einem zwar von Uhren bestimmten Ende, aber innerhalb der zeitlichen Strukturen dennoch offenen Charakter. Jede(r) der beteiligten PerformerInnen hatte sich einen oder mehrere Songs ausgesucht und musikalisch oder choreografisch umgesetzt. Laut Cage´s Anweisung in den Song Books sollten die einzelnen nebeneinandergestellten Performances nicht aneinander angeglichen werden. Die ZuschauerInnen konnten sich im Raum zwischen den AkteurInnen bewegen und wurden so Teil dieses „Social-Events“. Jeder Auf- und Abgang der PerformerInnen – oft mit Stöckelschuh-Sound oder bewusstem Türenschlagen – jede der geräuschvoll zersplitternden Kaffeetassen in einer der wunderbaren Teil-Performances dieses Abends, bekam seinen Platz im musikalisch-performativ gewebten Teppich. Großartig auch der „Chor der Atmenden“ aus fünf PerformerInnen, bei dem „reguläres oder irreguläres Atmen“ gefragt war.

Anatoli Vlassov (Rus/F) experimentierte in seinem „Outside IN, Tanzsolo für einen erweiterten Körper“ mit einer normalerweise zu medizinischen Zwecken verwendeten Endoskopie-Kamera, die den ZuschauerInnen erlaubte, einen Blick in das Innenleben eines tanzenden Körpers zu werfen. Sehr irritierend auch „GRIND“, eine Gemeinschaftsarbeit des Tänzers und Choreografen Jefta van Dinther, der Lichtdesignerin Minna Tiikkainen und des Sounddesigners David Kiers, die Dunkelheit, Licht, Klang, Rhythmus und Bewegung in herausfordernd neue Zusammenhänge stellten. Sie warfen den (zuschauenden) Körper in Alarmbereitschaft und in einen Deutungs-Notstand, wenn dunkle Schatten miteinander undeutlich korrespondierten. Je nachdem wie viel Licht den Situationen zugewiesen wurde, stetig wechselten die Interpretationsmöglichkeiten: Handelte es sich um eine oder mehrere Personen? Welche Tätigkeiten führten diese aus? Ging es um Gewalt, Sexualität, Arbeit oder Sport? Inspiriert wurden die PerformerInnen vom Prinzip der Synästhesie, bei der verschiedene Wahrnehmungen zu einem Sinnesreiz auftreten.

Daneben gab es auch einiges an Theorie:  Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH in Zürich, sprach in seiner Lecture von „Wissenschaft und Demokratie“. Wissenschaft könne nicht unabhängig von ihrem sozialen, politischen und kulturellen Kontext stehen, daher müsse die Beziehung neu überdacht werden. Der Regisseur und Choreograf Laurent Chetouane versuchte in seiner Lecture zum Thema „Demokratie und Tanz“ einen „Tanz des Offenen“ zu denken, , sodass auch TänzerInnen die im Team arbeiten, trotz den bei Gemeinschaftarbeit nötigen Vereinbarungen, das Chaotische, nicht Repräsentierbare bewahren könnten. Der Belgier Alain Franco erläuterte musikwissenschaftlich  die Arbeit von John Cage und positionierte sie im musikhistorischen Kontext.

Scores N° 5, 11. bis 15. April 2012, Tanzquartier Wien