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tezukaSidi Larbi Cherkaoui, Choreograf, Comic-Freak und Manga-Aficionado, hat mit seinem letzten Stück „TeZukA“ eine Hommage an den titelgebenden Manga-Zeichner, der als „Gott des Manga“ bezeichnet wird, geschaffen und einige seiner Figuren und Comics durch Musik, Visuals und Tanz zum Leben erweckt.

Osamu Tezuka (1928-1989) hat 150.000 Seiten Comics und zahlreiche Animationsfilme kreiert. Tezukas Mangas sind nicht nur heiter und kinderfreundlich wie in „Kimba, der weiße Löwe“. Immer wieder blitzt darin eine gesellschaftskritische Haltung auf und unter seinen Figuren tummeln sich Mutanten, Killer und furchterregende Gruseltiere, mit denen sich der Künstler mehr und mehr einem erwachsenen Publikum zuwandte.

Aus diesem Riesen-Oeuvre hat Cherkaoui einige Momente und Charaktere herausgefiltert, hat diese mit biografischen Fakten sowie mit einer TED-Lecture über Bakterien vermischt.

Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki haben Japan geprägt, kein Künstler konnte dieses Trauma ignorieren. Mit dem Supergau in Fukushima ist der Alptraum wieder auferstanden und Cherkaoui lässt von Dreiergruppen das Atom-Symbol vielfältig vertanzen. Es beginnt wortreich auf französisch: Tezuka wird vorgestellt und eine seiner Figuren als Alter Ego des Manga-Künstlers enttarnt: „Astro Boy“, der robotische Superheld in engen Boxershorts und roten Stiefeln, ist so etwas wie der rote Faden in einem Stück, das durch großartige visuelle Effekten (durch die Videos von Taiki Ueda und Visuals von Willy Cessa)  punktet, aber aufgrund der vielfältigen Ansätze und Überfrachtungen schwächelt. Denn nach der verbalen Einführung beginnt Bonnie Bassler ihre Vorlesung über Bakterien auf englisch. Beide Male kann man den schnell gesprochenen Texten kaum folgen, denn das ist ja bei weitem nicht das Einzige, das auf der Bühne passiert.

Die unterschiedlichen Ebenen sind typisch für Cherkaoui. Während die Gruppe tanzt, zeichnen zwei Tänzer an den Seiten kalligrafische Symbole, läuft im Hintergrund Tezukas Comics vorüber, vorne rechts sitzen zwei Figuren an einem Tisch, einer davon – mit dem Rücken zum Publikum – malt anscheinend, der andere schminkt sich. Doch das kriegt man schon gar nicht mehr mit.

Immer wieder gelingt es Cherkaoui bestechend, Tezukas Arbeit in Tanz zu übersetzen. Acht Tänzer, eine Tänzerin und zwei Kampfkünstler werden zu Comic-Figuren, zu kalligrafischen Zeichen, ja sogar zum Material, auf dem diese entstehen: dem Papier. Der Impakt der Samurai-Kämpfer, der Insekten-Frau, eines Liebesduetts, der grausamen, homosexuellen Beziehung zwischen einem katholischen Priester und einem Serienkiller vor dem Hintergrund chemischer Kriegsführung, und der vielen weiteren getanzten Geschichten und Anekdoten wird durch die Musik von Nitin Sawhney und drei traditionelle, japanische Musikerinnen kongenial verstärkt.

Und so schwanke ich zwischen Begeisterung über die künstlerischen Interpretation einerseits und Verwirrung über den Dokumentationscharakter andererseits. Ich wünschte, Cherkaoui hätte sich auf die poetische Ebene konzentriert, und nicht didaktisch über biografische, psychologische, soziokulturelle und wissenschaftliche Aspekte lektorieren lassen. Offensichtlich war er von Tazuka so hingerissen, dass er möglichst alle Informationen über und Assoziationen zu ihm in das Stück verpacken wollte. (Auch wenn der Ausflug in die Bakteriensprache in direktem Bezug zur Handlung steht, wenn man erfährt, dass es Bakterien gibt, die atomare Substanzen absorbieren können. Bei diesen „tröstlichen“ Aussichten eröffnet sich gleich ein neues Horror-Szenario …)

Doch Cherkaoui bleibt ein Humanist und beendet sein Stück mit der aufgehenden roten Sonne Japans, nachdem Tezukas Figuren nach dessen Tod zu Boden fallen. Nur „Astro Boy“ überlebt den Exitus und verneigt sich höflich vor dem Publikum.

Sidi Larbi Cherkaoui „TeZuKA“ im Festspielhaus St. Pölten am 29. Oktober 2011