gottfarb_movedbyfaithIn „Move by Faith“ hat sich Choreograf Alexander Gottfarb mit  Zeichen und Gesten in unterschiedlichen religiösen Gemeinschaften auseinander gesetzt. Gemeinsam mit seinem Team hat er ausgehend von den verschiedenen Bewegungsritualen der Glaubensgemeinschaften einen Tanzabend mit vielen Interpretationsmöglichkeiten geschaffen.

Hände falten, Kopf neigen, den Boden küssen, im Gleichschritt gehen, niederknien, aufstehen, sich zur Erde werfen, den Himmel anrufen, die Arme segnend ausbreiten, den Untertanen gnädig winken, in Andacht versinken, in der Prozession schreiten, aus der Reihe tanzen, die Litanei aufsagen, hinter dem Schamanen wandeln, ins Wasser getaucht werden, den Herrgott anrufen, in Ektase geraten, Mund halten, Hände falten …

Rituale von Religionsgemeinschaften und solchen, die es sein wollen, haben die TänzerInnen Sophie Augot, Alexander Deutinger, Agnieszka Dmochowska, Radek Hewelt und Nanina Kotlowksi gemeinsam mit Alexander Gottfarb als Grundlage für eine Stunde der „Bewegungen des Glaubens“ genommen. Zur Verfügung gestanden ist ein reichhaltiges Vokabular an vornehmlich gemeinschaftlich geübten körperlichen Ritualen, das den KünstlerInnen variable Möglichkeiten der Performance und dem Publikum ein breites Spektrum an Assoziationen geboten hat.

Im Lauf der in angenehmer Stille – nur vom rhythmischen Stampfen oder fröhlichen Quietschen der Füße und den keuchenden Atemzügen der PerformerInnen unterbrochen – weitet sich der gedankliche Horizont immer mehr, die Tanzenden kleben nicht mehr an den vorhandenen Gesten und Körperabläufen, lassen sich von eigenen Bewegungsimpulsen leiten. Lust und Lüsternheit, Humor und religiöse Metaphern lassen neue Bilder entstehn. Gegen Ende dieser „Kinetik des Glaubens“ staksen Vögel durch die Arena, schlagen mit den Flügeln, blicken verschmitzt ins Publikum, schütteln die Federn und versuchen sich zu den verwehten Klängen des Donauwalzers (zumindest in Wien auch Teil eines alljährlich geübten Rituals) in die Lüfte zu heben. funktioniert nicht. Erschöpft sinken sie zu Boden. Nur eine einzelne Tänzerin dreht sich unaufhörlich im Kreis, umgeben von einem leuchtenden Ring (Lichtdesign Peter Thalhammer), vielleicht ein Heiligenschein.

„Moved by Faith“ ist eine sehr genaue Arbeit, von den TänzerInnen mit größtem Körpereinsatz exakt ausgeführt. Doch Gottfarb und sein Team geben keinerlei Statement ab, werten nicht und beziehen keine Stellung zu Fragen der Religion oder des Glaubens. Sie nehmen einfach die vorhandenen Muster und Abläufe, verwandeln und variieren sie und erstellen daraus ihren eigenen tänzerischen Kanon.

Moved by Faith, Uraufführung im Tanzquartier, 7. Oktober 2011