ohoWenn Liz King sich im furiosen Finale der Eröffnungsperformance „Gezeiten weitgehend unbemerkt unter die TänzerInnen mengt, bemerkt wenig später nahezu jeder, dass diese, ihre (Bewegungs-) Energie, mehr als nur eine additive ist: Es ist vielmehr eine, die Homogenität in eine heterogene Gruppe bringt, sie an einem Bewegungsstrang ziehen lässt – mit Kraft und Zielgerichtetheit.

Und dies in der jedem einzelnen entsprechenden, also individuellen Art. Die Mischung aus (An-) Leitung im Grundsätzlichen und Anregung zum Ureigenen im Besonderen ist wohl auch eines der Erfolgsrezepte für Liz Kings Tanz-Arbeiten mit nicht professionellen TänzerInnen.

Die zahlreichen Zuseher (in letzter Minute wurden noch zusätzliche Sesselreihen aufgestellt) waren entsprechend eingenommen von dieser schwungvollen Vorführung, in der nichts aufgesetzt war, aber sehr wohl jeder mit totalem Einsatz an seine Grenzen ging; das zu spüren geht unter die Haut; und das stimmige Mit- und Ohne- oder auch Gegeneinander der choreographischen Struktur zu erleben, überzeugt.

Der zweite choreographische Programmpunkt an diesem ersten Abend der 6. burgenländischen Tanztage, „Im Wandel, geleitet wiederum von Liz King, wird von dieser als Improvisation angekündigt. Nichtsdestoweniger dominierte der Eindruck, es könnte in jedem einzelnen Augenblick keine Fingerbewegung anders gewesen sein. Das gerichtete Wogen und Weben dieser zwei Paare ist von einem feinpoetisch-authentischen Fluss, wie er nicht oft im Zeitgenössischen gelingt; kontrapunktisch dazu Tonmalereien zwischen CD-soundscaping, Sprachmodulation und feedback-saxophon und mobiltelephongesteuertem super collider synth von coin (Michael Fischer, Stefan Nussbaumer) – alles live. Auch wenn diese Kreationen vielleicht nicht jedermanns Ohr offen erreichen konnten: Sie waren wesentliche, ebenso feinfühlig eingesetzte wie eigenständige Teile dieser Performance: sich an Bewegungen schmiegend, über ihnen vibrierend, unter ihnen Löcher reißend – die TänzerInnen anspornend und von diesen, indirekt klanggestaltend, angeregt.

Dass die hohe Bewegungsqualität der vier TänzerInnen (Laura Amtmann, Dominik Birkmeyer, András Dobi, Celia Hickey) eine Grundlage dieser Choreographie bildet, ist Faktum. Ein weiteres ist die belebende Unterschiedlichkeit der KünstlerInnen in Rhythmik und Dynamik, in Interpretationen gleicher Bewegungssequenzen, die teilweise eine gegebene ist, mit der aber auch ganz wunderbar gespielt wird: Mit großer Offenheit, leichtfüßig wie mit festem Schritt einen Weg, einen Raum suchend, erkundend: allein, mit und beim anderen, zu viert, mit jedem anderen, einander abstoßend wie anziehend … keine Variante fehlt in diesem Pas de quatre; kaum eine Distanz bleibt, mal getrieben, mal geleitet, unerforscht - mit gleichermaßen geordneter wie unbändiger Kraft.
Außer durch größte Aufmerksamkeit und Respekt gegenüber dem anderen gekennzeichneten Vorgehen kennt Ihr Tun keine Grenzen – risikobereite Offenheit, getanzt.

6. Burgenländischen Tanztage - International zeitgenössischer Tanz, 6. Mai 2011 (Eröffnungsabend), OHO – Offenes Haus Oberwart

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