tqorchestermovementZuerst war die Musik da. Miniaturkompositionen, die das ORF-Sinfonieorchester zum 40. Geburtstag erhalten hatte. Dann kam die Bewegung. Fünf Choreografietalente der Performanceszene wählten einige Stückerl aus und setzen Bewegungen dazu. Die Uraufführung der „Pieces of movement for orchestra“ zeigte vor allem die Spiellaune des RSO.

 

So oder so ist Musik auch Bewegung. Die Bläser heben ihre Instrumente an den Mund, die Streicherinnen führen den Bogen oder zupfen die Saiten, die Schlagwerker schwingen ihre Schlegel und die Harfenistin breitet die Flügel aus, um die rhapsodischen Töne zu erzeugen. Vom Dirigenten (im konkreten Fall Gottfried Rabl) wollen wir gar nicht sprechen – eckig oder rund, sanft oder wild, er ist immer in Bewegung.

Claudia Bosse (Leiterin der Künstlerformation „theatercombinat“ und gern im Zwischenbereich arbeitend) hat diese Bewegung des Klangkörpers ausgeweitet und eine präzise, abwechslungsreiche Choreografie für das gesamte RSO geschaffen;  das Publikum war nolens volens mit einbezogen. Die angestammte Sitzordnung ist aufgehoben, die MusikerInnen sind in der ganzen Halle verteilt, die Zuhörerinnen befinden sich mitten darunter. Zu den Miniaturen von Radu Malfatti, Peter Ablinger, Burkhard Stangl und Mia Zabelka (die ihr auch erlaubt haben, in die Kompositionen verändernd – vor allem durch Wiederholungen – einzugreifen) bewegen sich die Bläser und Streicherinnen durch die Reihen, balancieren vorsichtig über Sitzpolster und um sitzende Lauscher herum und müssen trotzdem mit den Augen am Dirigenten hängen, der mitunter auch mit dem Rücken zu ihnen Einsatz und Pausen angibt. Schon um nicht im Weg zu sein, fühlt sich auch das Publikum bemüßigt, an der Choreografie teilzunehmen. Das Licht wandert mal hier hin mal dort hin, im Hintergrund leuchten die goldenen Posaunen, die Trompeten blitzen und allmählich bewegt sich der aufgesplitterte Klangkörper der Mitte zu, ins blaue Licht. Die Stühle werden von Sebastian Marschler und Thomas Köck wieder aufgestellt wie es sich gehört und die beiden Orchesterwarte haben ihren großen Auftritt, wenn sie erzählen dürfen, was ihre vielfältige, unsichtbare, aber hoffentlich bedankte Arbeit ist. Wenn endlich alle Orchestermitglieder auf ihren Plätzen sitzen, darf geplaudert werden. Wie das Stimmen der Instrumente klingt die Kakophonie der menschlichen Stimmen. Nichts blieb in dieser abwechslungsreichen und auch unterhaltsamen Inszenierung dem Zufall überlassen.

Auch Anne Juren hat Sinn und Ziel dieser von RSO und Tanzquartier gemeinsam in Schwung gebrachten “Choreografien für Orchesterminiaturen“ verstanden. Im goldfunkelnden Kostüm führt sie mit der koreanischen Tänzerin Eun Kyung Lee eine wahres Operndrama auf. Hat sie doch auch Miniaturen mit klingenden Namen ausgewählt. „Wutmarsch“ etwa von Johanna Doderer oder „Herr Supermann“ von Heinz Karl Gruber. Dem Anlass gemäß hat der Dirigent ein ordentliches dunkles Sakko über das verschwitzte Unterleiberl gezogen, in dem er davor den Klangkörper bewegt hat. Die Orchestermitglieder sind (zwischen den Akten) in die Choreografie eingebunden und angehalten mimische Kommentare abzugeben. Eine leichtfüßige Choreografie im witzigen Dialog mit den Orchesterstücken.

Mit Esprit und Witz hat sich auch Chris Haring mit der Aufgabe auseinander gesetzt. Schnell hat er erkannt, dass es nicht leicht ist, gegen die Orchesterchoreografie (Dirigent Rabl hält mehr als 80 MusikerInnen in Bewegung) anzutreten, mit dem Körper einer Tänzerin Aufmerksamkeit zu erregen. Rettung naht mit der Starperformerin von „Liquid Loft“, Stephanie Cumming. Die Musik wird kurzerhand als Filmmusik behandelt, die ein Videopuzzle aus der feinen Körperarbeit der Cumming begleitet. Im Spotlight steht die reale Tänzerin im glamourösen Abendkleid und kommentiert die Bilder, die in ihrem Kopf entstehen, während das Orchester spielt und im Hintergrund die Kunstfigur, eine zwar nicht kahle aber ziemlich verrückte Sängerin, zu sehen ist. Dass jede Musik Tanzmusik ist, beweist Cumming, wenn sie sich zu einem Ausschnitt aus Friedrich Cerhas „Moment“, weniger streng als eher lasziv bewegt, nachdem sie die High Heels von den Füßen geschleudert hat. Amüsant, inspiriert und frech, wie immer, wenn Stephanie Cumming und Chris Haring etwas aushecken.

Weniger Bezug auf die Musik und deren ErzeugerInnen nimmt Christine Gaigg, die sich in einem selbst gesprochenen Text auf eigene Erfahrungen mit anderen Medien bezieht und Eva-Maria Schaller sich dann (konventionell) bewegen lässt, wenn die Instrumente schweigen. Eine gedehnte Miniatur, farblos und ermüdend.

Paul Wenninger schließlich interessiert sich (gemeinsam mit Georg Blaschke und Rotraud Kern) für die Bewegung des Orchesters und lässt die Musiker diese genau nach dem Notenblatt ausführen, ohne dass Töne entstehen. Das ist allerdings nichts Neues, stumm gemimte Musikstücke erheitern oder verwirren uns auch in der Kleinkunst. Neu ist, dass diese nicht gehörten Töne durch Tanz  sichtbar gemacht (werden sollen). Damit das Publikum weiß, worum es geht, werden die kurzen Musikstücke hörbar gemacht, wenn die TänzerInnen Pause machen. Doch sorgen Mikrofone auch im stummen Spiel der Musiker für die Ohren, weil die Nebengeräusche übertragen werden. Eine verzwickte Choreografie, die ohne Mitarbeiter des Orchesters nicht auskommt.

Auch wenn die Stücke, die Komponistinnen und Komponisten dem RSO geschenkt haben, oft keine Minute dauern, ist der Abend mit guten anderthalb Stunden keineswegs kurz, aber recht kurzweilig und in jedem Fall ohne die engagierte Mitwirkung der Mitglieder des RSO und ihres Dirigenten nicht zu verwirklichen.

Pieces of movement for orchestra / Choreografien für Orchesterminiaturen, Tanzquartier, 21. Jänner 2009

 

 

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