Ketevan Papava begeistert durch Leiden und Leidenschaft

Anna Karenina, Wiener Staatsoper, 12.01.2010

Endlich ist das Konzept der Übersiedlung des Balletts von Boris Eifman von der Volksoper auf die große Bühne der Staatsoper aufgegangen. Das Corps de Ballet, wesentlicher Teil des Zweiakters nach Lew Tolstois Roman über das Schicksal der Ehebrecherin (pardon, doch damals nannte man untreue Ehefrauen so) Anna Karenina, zeigte sich in bester Form, homogen und präzise. Die Männer (beim Pferderennen, im Offiziersklub, am Bahnhof) kamen mit dem Tempo, das Dirigent Guillermo Garcia Calvo vorgab, bestens zurecht; die Damen wirbelten in den Ballszenen leicht und arrogant in ihren silbrig schimmernden Kleidern.
Shane A. Wuerthner, der „neue“ Wronski kommt mit der Rolle allmählich besser zurecht, als noch bei seinem Debüt. Ein schlaksiger sympathisch wirkender Jüngling, der die attraktive Dame von Welt umgarnt und sich um die Zukunft keine Gedanken macht. Auch die kleinen Unsicherheiten in den Beinen wird er bei den folgenden Auftritten bewältigen.
Eno Peci hat diese Routine bereits, und doch zeigt sein Karenin eindrucksvolle Bühnepräsenz. Die Sprünge werden sicher aufgesetzt, die Szenen mit Anna lassen den Menschen hinter dem steifen Gehabe ahnen. Peci will gar nicht leugnen, dass auch ein nach außen hin beherrschter Staatsbeamter Gefühle hat und kann doch, ratlos die Hände knetend, das angelegte Korsett nicht ablegen.
Zwischen den beiden Ketevan Papava. Ihre Anna ist ganz hormongesteuerte Leidenschaft, nur flüchtig wird dem zurückgelassenen Kind gewinkt, dem schönen, jungen Offizier Wronski gilt ihre ganze Aufmerksamkeit. Papava tanzt (leichtfüßig, sicher und ausdrucksvoll) nicht die literarische Figur, die Gattin und Geliebte Anna, sondern deren Gefühle, die plötzliche Leidenschaft und das darauffolgende Leiden dieser sich gedankenlos den gesellschaftlichen Normen widersetzenden Frau. Die Liebesglut des jungen Kerls hält nicht lang, Anna ist nur noch Einsamkeit, Verzweiflung. In Venedig betäubt sie sich mit Drogen und Papava wird zum flirrenden, irren Wesen, das nicht mehr von dieser Welt ist. Ihr Sprung auf die Bahngleise erscheint als Erlösung.