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talkingheadChris Haring integriert das Spiel mit den Möglichkeiten der neuen Videotechnologie in ein kurzweiliges Theaterevent, in dem Performer und Medien ständig neue Realitäten erfinden. In „Talking Heads“ wechseln Stephanie Cumming und Luke Baio lustvoll von einer Identität zur nächsten. 

Zuerst die Stimmen aus dem Off in sentimentalen Erinnerungen an Zeiten vor Facebook und Skype, als das Ferngespräch noch eine aufregende Sache war. Allmählich schälen sich Cumming und Baio aus dem Teppich aus Kartonpappe und setzen sich vor einen Laptop.

Die Webcam erfasst ihre Gesichter, verzerrt sie durch Grafikfilter bis zur Unkenntlichkeit. Diesen „neuen“ Gesichtern verleihen die PerformerInnen die passenden Charaktere, schlüpfen von einer Rolle in die andere, werden zu bedrohlich-zwielichtigen Gestalten, zu pathetischen Existenzen, zu beschränkten Kreaturen, zur plappernden Reporterin. Wenn der bedächtig formulierende Choreograf von seinen Punkten im Raum, die er zu Linien verbindet in seine Fantasiewelt abgleitet, dann geht man mit ihm durch die vielen Wiesen, die er immer animierter beschreibt. Wenn Stephanie Cumming tanzt, wird ihr Körper auf der Leinwand zu einer verbogenen Figur mit verlängerten Gliedmaßen und die Tänzerin fordert - fasziniert von den Veränderungen - immer neue mediale Transformationen heraus.

In den Monologen und Dialogen jagt ein Klischee das andere. Wir kennen sie alle, diese ExpertInnen und ihren Jargon, der vielen, oft sinnlosen Worte. Bei Haring und Co. wird das mit Leichtigkeit durchgespielt und überspielt. Die Geschwätzigkeit wird zu einem rhythmischen Gesang, der Gestik hervorruft und Bewegung provoziert. Um den Sinn der Worthülsen geht es hier schon lange nicht mehr. (Empfehlenswert dazu der Text von Fritz Ostermayer.)

Eine knappe Stunden lang lassen Cumming und Baio die Klaviatur der Performance erklingen, mit ansteckender Spielfreude und gleichzeitig mit pointierter Präzision, mit viel „Handwerk“ und großer Virtuosität, bevor sie die Leinwand herunterreißen – auch sie ist ein aufgeklappter Pappkarton – und sich unter den „Teppichen“ verkriechen, um über die Banalität von Facebook und Co. zu zu jammern.

Chris Haring und sein Team (neben den erwähnten großartigen PerformerInnen gebührt der Applaus der gesamten technisch-künstlerischen Crew) bestätigen mit „Talking Heads“ erneut ihre originelle künstlerische Vision und dass sie sehr genau wissen, wie sie diese prägnant vermitteln können. So ist die Arbeit von Liquid Loft mittlerweile unverkennbar und doch bleiben die Variationen zum künstlerischen Konzept der Verfremdung und Verzerrung spannend, denn bei jeder Produktion kommen unterschiedliche Stilmittel zum Einsatz. Und darüberhinaus bietet Liquid Loft auch immer kluges Entertainment.

Chris Haring / Liquid Loft „Talking Heads“, Uraufführung: 9. Dezember 2010, Tanzquartier Wien

www.liquidloft.at