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adlerjenniferGewalt und Brutalität herrschen in Nikolaus Adlers neuem Tanzstück „Jennifer“. Die Fortsetzung der romantischen Geschichte von Giselle, die als Betrogene zur Wili wird und Männer in den Tod tanzt, endet in roher Bestialität. Liebe und Zärtlichkeit sind unbekannt, es herrscht nur noch Mord und Totschlag. Für den Tanz ist da kaum noch Platz.

Harmlos, fast fröhlich beginnt „Jennifer“ im weiten nahezu leeren Bühnenraum des Odeon. Ein Mädchen vergnügt sich mit Tempelhüpfen, Schnurspringen und ihrer Puppe. Das Vorspiel erweist sich als Illusion, wenn die halbnackten Männer auftreten, sich in Szene setzen und versuchen, den vordersten Platz auf der Bühne, die die Welt ist, zu erobern. Das Testosteron ist am Dampfen. Das spüren auch die Hexen, die zur hart hämmernden Musik der britischen Alternativmusikerin PJ Harvey ihren Sabbat tanzen. Schließlich heißt das Stück auch „Die Rückkehr der Wilis“.

Verraten und verlassen lassen sich diese Urenkelinnen der „Giselle“ nicht mehr, sie sterben auch nicht mehr an gebrochenem Herzen. Sie machen die Männer noch bei Lebzeiten zu folgsamen Hündchen und willenlosen Sexspielzeugen, die getreten und einfach weggeworfen, wenn nicht gleich ermordet werden. Diese Frauen sind sich selbst genug, vernichten alle, die sich ihnen in den Weg stellen, ihren Wünschen nicht beugen. Auch die Geschlechtsgenossinnen. Die Männer stehen ihnen in Nichts nach. Sie bedrängen und quälen, fuchteln mit der Pistole und mit dem umgeschnallten Kunstpenis und enden mit Vergewaltigung und Mord. Wissen nichts Besseres. Quälen und töten auch ihre eigenen Kinder.

Viehisch rohes Betragen (Mayers Konversationslexikon, 1888 für Brutalität) statt ans Herz greifender Romantik. In keiner der beiden Welten will ich leben.

Der Choreograf Nikolaus Adler arbeitet mit schockierender Drastik und erschreckender Unmittelbarkeit. Erschreckend vor allem, wenn dieser sadistische Kampf aller gegen alle, die Welt sein soll, in der Adler, in der wir alle, leben. Im Furor der gezeigten Grausamkeiten und Gewalttätigkeiten hat er die Distanz zur Bühne verloren, hat, so scheint mir, vergessen, dass es auch um das Theater, eine Inszenierung, eine Choreografie, um den Tanz vor allem, geht. Ich fühle mich eher in einen Beichtstuhl gepresst denn auf die Zuschauerbank und muss mir die bange Frage stellen, ob ich das alles wissen, sehen und fühlen will, was Adler mir hinknallt. Die aneinander gereihten Minigeschichten tragen die Namen von Frauen, doch sie sind austauschbar und unterscheiden sich lediglich durch die Steigerung der Intensität und das Wachsen des Leichenbergs, bis auch die letzten Frauen gegeneinander antreten.

Die hervorragenden Tänzerinnen und Tänzer müssen in langen, auch redundanten Passagen, als platte AkteurInnen herhalten und können nur in wenigen einprägsamen Szenen zeigen, was sie können. Martin Dvorák (ehedem Mitglied in Jochen Ulrichs Linzer Ballettensemble), Anna Hein, Esther Koller und der 26jährige Simon Mayer (Tänzer, Choreograf und Musiker, ausgebildet an der Ballettschule der Wiener Staatsoper und bei P.A.R.T.S in Brüssel) führen das Ensemble an und dürfen in raren , aber mit Bedacht choreografierten Pas de deux bestätigen, dass doch ein Tanzabend hätte entstehen sollen. Aufgefallen ist im Duett mit Dvorák Celia Hickey, Studentin am Konservatorium Wien Privatuniversität. Dass mit ihr ein Star heranwächst, hat auch der Grazer Ballettchef und Leiter des Ensembles Alphagroup Darrel Toulon schon bemerkt und Hickey im heurigen Frühjahr für sein Stück „Moonphases“ engagiert. Adler ist ein erfahrener und auch erfolgreicher Choreograf und es gelingen ihm auch einige stimmige Bilder (choreografische Mitarbeit: Karin Steinbrugger). Diese flüchtigen Momente gehen in der Reihe krasser Szenen von Gewalt und Destruktion einfach unter und lassen doch ahnen, wie diese Choreografie aussähe, könnte sich der Choreograf gegen den Autor durchsetzen, sich selbst aus dem Werk herausnehmen und es von außen betrachten. Wie es das Publikum auch tun muss, nur tun kann.

Nikolaus Adler / Company Homunculus "Jennifer oder – Die Rückkehr der Wilis“,  Uraufführung am  4. Dezember 2010 im Rahmen von "OdeonTanz II" im Odeon-Theater