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alcina__kasarova_harterosDas barockerfahrene Orchester „Les Musiciens du Louvre – Grenoble“ unter Mark Minkowski  lässt die Händel-Oper „Alcina“ zum Erlebnis werden. Anja Harteros in der Titelrolle der Zauberin betört auch das Publikum, selbst wen es mitten im geschnörkelten Schöngesang  mitunter sanft entschlummert. Mehr als drei Stunden in einer kaum bewegten Inszenierung tragen die Langeweile in sich.

Nicht nur Harteros als Zauberin, auch Vesselina Kasarova, als der von Alcina verzauberte Geliebte Ruggiero, verführt mit Gefühl und Innigkeit, auch wenn die Diva in der Tiefe mehr einem röhrenden Hirsch als einem verliebten Jüngling gleicht. Ungeteilte Freude jedoch bereitet der Florianer Sängerknabe Alois Mühlbacher als Oberto. Sicher singend und voll Spielfreude taucht er zur Freude des Publikums immer wieder im Nachthemd auf, um nach seinem verschwundenen Vater zu suchen.

Das Nachthemd des kleinen Oberto wie die Suche nach dem Vater erklärt sich aus Rahmen und Bild. Der Rahmen wurde der Handlung von Regisseur Adrian Noble verpasst. Eine noble englische Gesellschaft will zum eigenen Amüsement die Geschichte von der Zauberin Alcina und ihrer verlorenen Liebe (zwei Kapitel aus Ariosts Versepos „Orlando Furioso“ aus dem 16. Jahrhundert) aufführen. Der Komponist Georg Friedrich Händel verwendete für die 1735 uraufgeführte Oper das Textbuch von „L’Isola d’Alcina“ eines unbekannten Autors. Während der Ouvertüre also, werden die Rollen verteilt, ungefähr nach den Positionen und Beziehungen im realen Leben. Bald aber ist dieser Rahmen vergessen. Noble löst die Idee nicht auf, sie bleibt ein überflüssiger Gag.

Die Handlung ist wie in vielen Lustspielen William Shakespeares reichlich kompliziert, mit als Männer verkleideten Frauen  und irrtümlichen Liebesschwüren und  eifersüchtigen Nebenbuhlern. Im Zentrum aber steht die Zauberin Alcina, die ihre abgelegten Liebhaber in Tiere zu verwandeln pflegt. Sie hat durch Zauberkünste Ruggiero an sich gebunden, der dadurch seine Verlobte Bradamante (in der Hosenrolle erfolgreich Kristina Hammarström) vergisst. Mehr muss gar nicht erzählt werde, die Gefühlsbewegungen und das Suchen verlorener und neuer Lieben ergäbe ein Getümmel, das auf der Bühne keineswegs herrscht. Das Ende ist happy. Alle Zauber werden gelöst, jeder Topf findet seinen Deckel, nur Alcina bleibt übrig, verliert Zauberkraft und Liebesobjekt. Sie trägt es mit Fassung.

Auch wenn sich anfangs die Wände verschieben und eine Art Reisfeld im Hintergrund ergrünt, durch das die Gestalten hübsch beschirmt schreiten, damit das Spiel im Spiel beginnen kann, erstarrt die Handlung bald zum Tableau. Hie und da werden von Lakaien (ach ja, die Gesellschaft spielt ja das Liebesdrama) Stühle gerückt und Polster aufgelegt, dann besteigen die Sängerinnen jene oder legen sich auf diesen zurecht, doch man könnte als Liebhaberin von herrlichem Barockgesang auch die Augen schließen, versäumen würde man kaum etwas. Was hat Sascha Waltz,  was hat Deborah Warner aus Purcells Oper „Dido und Aeneas“ gemacht! Adrian Noble hat seine Chance vergeben, was auch Choreografin Sue Lefton vorgeworfen werden muss. Die in Weiß und Schwarz verhüllten Geister, die sie im Reigen drehen lässt, hopsen hart an der Grenze zur Parodie und das liegt nicht an den ausführenden Tänzern. Möglich, dass dieses Divertissement echt barock ist, doch im Parkett und auf den Rängen sitzt ein heutiges Publikum. Das hat Minkowski bestens verstanden. Ohne stur auf Originalklang zu beharren animiert er sein Orchester zu lebhafter Bravour, lyrisch zarten Schattierungen und auch wohltönender Unterhaltung. Wie hervorragend die Musiker sind, ist en Detail zu hören, wenn sie als Bühnenmusik ins Spiel einbezogen sind. Flötisten, Geiger und Cellist stehen den Sängerinnen in Nichts nach.

Mit dem Dialog zweier musikbegeisterter Herren eine Stunde vor Mitternacht, wird wohl ein Gutteil des Publikums konform gehen: „Meine Lieblingsoper wird das nicht“, meinte der eine. „Eine szenische Aufführungen in den schönen Kostümen hätte auch gereicht“, konterte der andere. Oper aber ist mehr als schöner Gesang und großartig gespielte Musik. Bravorufe und langanhaltenden Applaus gab es dennoch, vor allem für Anja Harteros, Mark Minkowski und seine MusikerInnen.

Georg Friedrich Händel „Alcina“, 17. November 2010, Staatsoper Wien

Letzte Vorstellungen: 20., 23. 26.November 2010, 19 Uhr