opercardillacGroßer Jubel herrschte auch bei der 3. Vorstellung der Eröffnungspemiere der neuen Staatsoperndirektion unter Dominique Meyer mit Paul Hindemiths „Cardillac“ in der Urfassung. Regisseur Sven-Eric Bechtolf zeigt einen spannenden Krimi, dem Dirigent Franz Welser-Möst die nötige musikalische Ausdruckskraft schenkt.

Uraufgeführt im November 1926 in Dresden, wurde Hindemiths Werk keineswegs wohlwollend aufgenommen. „Kakophone Gesamthaltung“ warfen ihm die Kritiker vor. Die Nationalsozialisten erklärten Hindemith zur Persona non grata und seine Werke verschwanden aus Konzertsälen und Opernhäusern. Nach dem Krieg hat Hindemith das Werk und auch den Text (nach der Novelle „Das Fräulein von Scuderi“ von E. T. A. Hoffmann von Ferdinand Lion) umgearbeitet, aus den drei Akten vier gemacht und die Musik geglättet, es aber damit keineswegs verbessert.

An der Wiener Staatsoper ist nun die erste Fassung zu sehen und zu hören und die geänderten Hörgewohnheiten bringen wohl kaum jemanden auf die Idee, von Kakophonie zu sprechen. Spannungsgeladen mit wild auflodernden und zart schmelzenden Tönen wird die Geschichte vom Juwelier Cardillac erzählt, der so sehr in seine Schöpfungen verliebt ist, dass er jeden, der ein Schmuckstück erwirbt, ermorden muss, um es wieder in seinen Besitz zu bekommen. Um Liebe und Begierde in allen Formen drehen sich die drei Akte und so flirrt Erotik und Begehren nicht nur auf der Bühne sondern auch im Orchestergraben. Cardillac (Juha Uusitalo) liebt sein Gold, seine Tochter (Juliane Banse) liebt den Offizier (Herbert Lippert), der Kavalier (Matthias Klink) begehrt die Dame (Ildikó Raimondi) und diese will den Kavalier verführen. Lange Zeit kann Cardillac seine Untaten im Verborgenen durchführen, doch schließlich muss er sich selbst bezichtigen und wird im Blutrausch vom wütenden Pariser Volk erstochen. Am Ende aber, so will es die Regie, wird ihm ein Denkmal gesetzt. Ganz in Gold steht er auf dem Sockel, ein Künstler, der nur sich und sein Werk gelten lässt.

Sven-Eric Bechtolf hat die Oper (Bühnenbild: Rolf Glittenberg, Kostüme; Marianne Glittenberg) nahezu choreografiert (Mitarbeit: Christian Herden). Jeder Figur sind eigene Bewegungen und Schritte zugeordnet, doch Zentrum der Bewegungen ist der besessene Goldschmied, dem das Volk und auch die Tochter hörig sind. Juha Uusitalo (Wotan im Wiener „Ring“) ist ein kräftiger, selbstbewusster, fast bürgerlich gemütlicher Goldschmied, erst in der Nacht, wenn er seinen Werken mit dem Dolch in der Hand nachschleicht, wird er zum unheimlichen Serienmörder. Sein Gegenspieler ist der Goldhändler, der Cardillacs geheime Machenschaften ausspioniert. Gesungen wird er von Tomasz Konieczny, der schon im „Ring“ als Alberich seine schauspielerisches Talent zeigen konnte.

Besonders glücklich geht Bechtolf auch mit dem Chor um. Wenn sich die schwarz gekleidete (sogenannt anonyme) Massen im geschlossenen Block bewegen, teilen und wieder zusammenschließen, wird das Grauen, das diese Erzählung aus dem 19. Jahrhundert, vom Autor im 17. angesiedelt, auslöst so recht spürbar. Bewusst haben die Figuren keine Namen, es sind Prototypen, wie sie uns auch heute noch begegnen.

Alle Mitwirkenden, SolistInnen und Chor, Dirigent und Orchester, Regisseur und sein Team, wurden mit langanhaltendem Applaus und freudvollen Jubelrufen bedankt. 

„Das ist eine Sensation: 2010 in Wien wurde Hindemiths Stück wirklich geboren.“ Besser als in diesem Zitat von Wilhelm Sinkovicz (Tageszeitung „Die Presse“) kann man den Eindruck nicht zusammenfassen.

Letzte Vorstellungen dieser Saison: 27., 30. Oktober