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prantlmotionEin rares Tanzereignis samt Lesung bescherte Sebastian Prantl im ebenso modernen wie historischen Ambiente des ehemaligen Jesuitentheaters in der Aula der Wissenschaften in der Wiener Wollzeile. Das jüngste Buch „ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nicht geschriebenen Werk“ der Dichterin Friederike Mayröcker hat Prantl zur Choreografie „MOTION PHONOTOP Fusznoten…“ inspiriert.

Die Premiere des letzten Teils der Aufführungsserie „MOTION PHONOTOP“ (Bewegung und Klang) stand unter einem besonderen Stern: Friederike Mayröcker war nicht nur anwesend, sondern eröffnete die Vorstellung mit einer ihrer raren Lesungen. Ein Geschenk.

 

Prantl, der der Mayröcker seit Kindheitstagen freundschaftlich und liebevoll verbunden ist, hat die Texte der Autorin als Inspirationsquelle genutzt, um mit fünf TänzerInnen (Caitlyn Lace Carradine, Claire Granier, Alexsandro Araujo Guerra, Antonio Izquierdo Martinez, Valentina Moar) so assoziativ und gefühlsbetont zu arbeiten, wie Mayröcker mit der Sprache.

Die Autorin las im abgedunkelten Saal, nur die Leselampe erleuchtete ihr Gesicht. Allein die Poesie der „Bettlerin des Wortes“, die von „Sprache, die in meinem Kopf sich dreht“ las, ergab schon einen wunderbaren Abend. Doch Mayröckers Kommen war ehrenvolle Zugabe (spätere Afführungen werden mit ihrer Tonbandstimme arbeiten) und nach deren Ende öffnet im Hintergrund eine Wand, durch drei Türen flutet Licht herein. Auch hinter dem Publikum geht die Wand hoch, die Scheinwerfer erstrahlen. Mit weichen, schwingenden Bewegungen erobern die TänzerInnen die breite Bühne. Immer wieder überraschen sie mit dem Ballett entlehnten Haltungen, Hebungen und Drehungen und zeigen im unaufhörlichen Fluss der sich begegnenden Körper, eine Palette von Gefühlen.

Begleitet werden die weit ausholenden Drehungen, Biegungen und Beugungen, das Aufeinandertreffen und Sichwiederlösen von Cecilia Li am Klavier (Claude Debussy, Alexander Scriabin) , und Einspielungen der Komposition „Sweet Air“ des Amerikaners David Lang sowie „in a landscape“ von John Cage. Wie sich LeserInnen / HörerInnen am Klang von Mayröckers Texten berauschen können, so berauschen sich die TänzerInnen an den sie begleitenden Klängen, tauchen aus dem Licht ins Dunkel, verschwinden mitunter, um gleich darauf wieder präsent auf der Bühne zu sein.

Das von Prantl schon vor vielen Jahren für seine Choreografien entdeckte, damals noch völlig verfallene, Jesuitentheater eignet sich allerdings nur bedingt für eine Tanzaufführung. Die Sesselreihen stehen in einer Ebene, nur die erste Reihe hatte wirklich gute Sicht auf die Bühne. Mit der Akustik steht es auch nicht zum Besten. Die Texte, die die aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammenden Mitwirkenden sprachen, waren nicht mal im Ansatz als Sprache zu erkennen, geschweige denn zu verstehen. Sei’s drum, die Dichterin ehrte die Premiere und die zahlenden Gäste wohnten einem Charity-Ereignis bei, dessen Erlös zu 50 Prozent für das Bundesinstitut für Gehörlosenbildung gedacht ist, um Tanz- Bewegungs- und Literaturprojekte für gehörlose Kinder zu unterstützen. Die zweite der beiden Vorstellungen in der Saal der Aula am Samstag war eine Fortsetzung und Weiterentwicklung des ersten Abends. Gesponsert durch "Aula der Wissenschaften – science goes public", war der Eintritt frei. Sebastian Prantl wird an dieser poetischen und vielschichtigen Choeografie weiter arbeiten und sie auch in intimeren Räumen zeigen.

"MOTION PHONOTOP Fusznoten …", Aula der Wissenschaft, Wien, 15. Oktober 2010