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madldarkDer Titel, „Dark“, trügt, auch wenn die Bühne meist in diffuser Dämmerung, manchmal auch in totaler Finsternis liegt. Doch düster ist Roderich Madls dreiteiliges Tanzstück für ein Männertrio keineswegs. Madl spielt mit Licht, Musik und Choreografie und baut geheimnisvolle  Räume, in denen die Körper mitunter nur fragmentarisch zu sehen sind oder gänzlich verschwinden.

 

Der Raum ist dunkel, nur die drei goldblonden Lockenköpfe leuchten im Hintergrund, fallen und steigen, lassen die Stirn auf eine unsichtbare Horizontale fallen. Allmählich schälen sich auch vier Arme aus dem Dunkel. Körper haben die sich im Stakkato-Rhythmus der elektronischen Musik (Sadam Vahdat) biegenden und nickenden Köpfe keinen. Hölzerne Puppen, unheimliche Trolle, komische Gespenster könnten die Kopfärmler sein, die bald von blau gebündelten Leserstrahlen erfasst werden, in exaktem Takt das Licht küssen und berühren. Wenn sich die Lichtkomposition bewegt, dann tanzen die Köpfe auf den Strahlenbündeln, Geister mit Körpern aus Licht (Design: Peter Thalhammer).

Das Prinzip ist erfasst, die Überraschung löst sich auf, der Akt ist überdehnt. Doch da verschwinden die Lockenköpfe, lösen sich im Nichts auf und wir befinden uns in einem völlig anderen Raum. Drei Männer kehren uns die nackten, kräftigen Rücken zu, arbeiten an einem Gestänge, wieder bestimmt der Rhythmus aus dem Computer die Bewegung. Bald entspannt sich die Konstruktion, die Tänzer werden zu Individuen, jeder trägt einen Stab (Stütze, Ruder, Kreuzeslast?) in der Hand. Und diese gewagte Idee – gewagt, weil Tanzen mit Stäben dem vergangenen Jahrhundert angehört – gibt den hervorragenden Tänzern (Tomas Danielis, Alexander Gottfarb, Dominik Grünbühel) Gelegenheit in ausgeklügelter Geometrie neue Räume zu bauen. Sie sind Wanderer und Klosterbrüder, Arbeiter und Schiffer, vereinen sich zu dreidimensionalen Formen, bilden Pyramiden und Kegel und tanzen sich zur Kugelform, um sich gleich darauf wieder voneinander zu entfernen, als Einzelwesen ihre Wege abzuschreiten.

Die gemessenen Bewegungen der Tänzer mit und um ihre Stäbe  halten die Zeit an, ihre Linien und Kreise scheinen kein Ziel zu haben, das Licht wird fahler, Danielis und Grünbühle verschwinden aus dem Blickfeld. Unvermutet taucht  Gottfarb im Hintergrund auf erhöhter Rampe auf. Die Musik wird funkig wild. Nicht mehr sie bestimmt die Bewegung. Jetzt ist der Tänzer Herr über sie, ein DJ in Ektase scheint die Klänge im akrobatischen Tanz hervorzubringen. Die Kollegen haben sich in den Meditationsraum zurückgezogen, langsam sinkt die Decke auf sie nieder, kesselt sie ein, im Paradies oder im Kerker. Gottfarb aber arbeitet zu den schrillen Klängen bis zur Erschöpfung.

Licht aus, Ton aus, Film aus.

Roderich Madl hat mit seinem Team eine präzis durchdachte und feinst ausgeführte Arbeit gezeigt, die es wert wäre, länger auf Tanz-Spielplan zu stehen. Drei Tage  sind einfach zu wenig für diese be-merkenswerte Performance. Weder Mundpropaganda noch Presse-Empfehlungen können da funktionieren.

„Dark“, WuK, 25. September 2010