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oneginDer neue Ballettchef legt sich ins Zeug! Dass Manuel Legris bei den Proben zu „Onegin“ die Leitung übernahm hat sich ausgezahlt. Die erste Aufführung des Ensembles an der Wiener Staatsoper, das nun unter dem Wiener Staatsballett firmiert, wirkte wie neu – und doch sah man nur vertraute TänzerInnen auf der Bühne.


Diese waren aber kaum wiederzuerkennen. Einerseits tanzte das Corps de ballet exakt und inspiriert wie schon lange nicht mehr. Andererseits hat Legris den SolistInnen offensichtlich das Rollenverständnis für die handelnden Personen des von John Cranko choreografisch in Szene gesetzten Versromans von Alexander Puschkin vermitteln können.

Roman Lazik macht mit seinem differenzierten Charakterbild den Onegin so facettenreich, dass er nicht, wie in vielen Interpretationen, neben der sympathischen Figur des Lenski verblasst, sondern souverän im Zentrum des Plots steht. Etwas gelangweilt führt er als arroganter Städter die träumerische Tatjana zum Tanz, mutiert in ihrem Traum zum zärtlichen Liebhaber, weist in Realität aber ihre Liebesschwärmereien genervt zurück und tändelt mit ihrer Schwester Olga. Laut Pushkin (oder Cranko) entdeckt er Jahre später beim Wiedersehen seine große Liebe für Tatjana und wird zum verzweifelt Werbenden und – Abgewiesenen.

Lenski wird hingegen von Eno Peci mit freundlichem Charme getanzt, der ausrastet als sich seine Verlobte Olga (leichtfüßig und bezaubernd: Maria Yakovleva) auf einen harmlosen Flirt mit Onegin einlässt. Er fordert den vermeintlichen Rivalen zum Duell und lässt sich durch kein Bitten und Flehen der Frauen und Onegins zur Vernunft bringen. Eno Pecis Lenski ist ein hitzköpfiger junger Spund, der Opfer seines Machotums wird. Mit dieser Interpretation verliert das Ballett einiges an romantischem Pathos (den andere Tänzer bei Lenski gut einbringen), gleichzeitig aber verstärkt sie die zentrale Geschichte von Tatjana und Onegin.

Nina Poláková zeichnet behutsam und überzeugend die Entwicklung der Tatjana von einem verträumten Teenager zur reifen Frau. Den technisch schwierigen Pas de deux mit Onegin in der Abschlussszene meistert sie souverän und ausdrucksstark. Im Widerstreit ihrer Gefühle siegt die Vernunft über die Versuchung und Tatjana weist Onegin aus ihrem Haus.

„Onegin“ ist wahrscheinlich kein ideales Einstandsstück für einen neuen Ballettchef. (Angesichts des mageren Repertoires, das ihm von seinem Vorgänger geblieben ist, war die Auswahl an passenden Balletten für den ersten Abend allerdings auch nicht groß.) Das dramatische Ballett ist eher sperrig, da es sich ganz auf die Handlungsentwicklung konzentriert, die aus der inneren Motivation der Hauptfiguren in Gang gesetzt wird. Manuel Legris hat aber mit dieser Vorstellung gezeigt, wie wichtig seine Arbeit mit den TänzerInnen ist. Durch seine präzise Arbeit an der Rollengestaltung wird dieses Ballett zu einem zeitlosen Portrait menschlicher Gefühle, und es wird verständlich, warum dieses Cranko-Ballett noch immer ein Dauerbrenner im Repertoire großer Compagnien ist.

Mit Guillermo García Calvo hat das Orchester der Wiener Staatsoper einen großartigen Ballettdirigenten am Pult, der die Tschaikowski-Melodien zwischen dunkler Schwermut und schwebender Leichtigkeit oszillieren lässt.

Wiener Staatsballett: "Onegin", Ch: John Cranko, Wiener Staatsoper, 13. September 2010