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proust

Gyula Harangozó nahm nach sechs Jahren als Ballettdirektor mit einer Gala Abschied von Wien. Für seinen letzten Auftritt stand ihm jedoch  nicht die Wiener Staatsoper zu Verfügung. Die brauchte Langzeit-Operndirektor Ioan Holender für seine eigene, ausgiebige Verabschiedung. Das Ende der Amtszeit Harangozós wurde an der Wiener Volksoper begangen, wo die kleine Bühne den TänzerInnen oft enge Grenzen setzte.

Wenn der Staatsoperndirektor zum Abschied singt, dann muss der Ballettdirektor tanzen. Im Finale legte Harangozó ein paar Schritte aufs Parkett – er machte es kurz und schmerzlos und tanzt eindeutig besser als Holender singt. (Die beiden werden ja demnächst wahrscheinlich an der Budapester Staatsoper wieder als leitendes Team aktiv sein.)

Harangozós Leistungen als Direktor des Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper und künstlerischer Leiters der Ballettschule der Wiener Staatsoper wurden vom offiziellen Österreich mit einer der höchsten Auszeichnungen, dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, anerkannt. Unter seiner Direktion wurde die Ballettreform an der Wiener Staatsoper und Volksoper vollzogen. Die beiden Ensembles wurden formal zu einem eigenständigen Rechtskörper mit über 100 TänzerInnen. (Dass diese Zusammenlegung ein Etikettenschwindel ist, wurde auch bei der Ballett-Gala deutlich.)
Die Bilanz der Amtszeit Harangozó fällt aber in künstlerischer Hinsicht zwiespältig aus. Daher mischten sich beim Schlussapplaus der Abschieds-Ballettgala auch lautstarke Buh-Rufe.

Das Repertoire war die große Schwachstelle der Direktion Harangozó. Seine Spielplangestaltung war populistisch geprägt und der kommerzielle Erfolg ging auf Kosten qualitativer und ästhetischer Standards. So gab es zum Beispiel keine einzige Premiere aus der großen klassischen Ballettliteratur. Statt dessen setzte Harangozó junior in Wien auf ältere Handlungsballette etwa von John Cranko, Kenneth MacMillan, Boris Eifman oder Roland Petit, brachte Choreografien seines Vaters aus den 1950er Jahren nach Wien und zeigte bei der Auswahl junger Choreografen oft keine glückliche Hand (zuletzt mit Davide Bombanas „Carmen“).

Bei über dreistündigen Abschieds-Gala zeigte das Ensemble der StaatsoperntänzerInnen Ausschnitte aus „Glow – Stop“ von Jorma Elo, aus dem „Platzkonzert“ von Gyula Harangozó sen. und aus „Anna Karenina“ von Boris Eifman.
Nicht nur Harangozó, sondern auch Michael Kropf, Ballettmeister und künstlerische Stellvertreter des Ballettdirektors an der Wiener Volksoper nahm mit dieser Gala seinen Abschied vom Wiener Publikum. Mit einer sehr persönlichen tänzerischen Einlage „Es geht alles einmal zu Ende“ (Péter László) als Geschenk für den Direktor und mit der Uraufführung seiner Choreografie „City Life“ für VolksoperntänzerInnen und sind ebenso entbehrlich wie die Repertoirestücke „Tanzhommage an Queen“ von Ben van Cauwenbergh und „Max und Moritz“ (Ferenc Barbay und Michael Kropf), aus denen es an diesem Abend ebenfalls Ausschnitte zu sehen gab.

Mit diesem Repertoire ist kein Staat zu machen. Interessanter als Roland Petits „Fledermaus“ war dessen an diesem Abend gezeigte Duo aus„Proust ou les intermittences du coeur“, getanzt von Roman Lazik und Vladimir Shishov. Wassili Wainonens choreografische Handschrift kam mit dem „Moszkowski-Walzer“ (Irina Tsymbal und Ivan Popov) besser zur Geltung als in der „Nussknacker“-Inszenierung des Ballett-Chefs.

Auf der anderen Seite der Bilanz stehen technisch starke TänzerInnen von internationalem Niveau, wie die Durchmischung an diesem Abend zeigte. Zirzensische Virtuosität in klassischen Bravourstücken boten Nina Poláková und ein glänzender Mihail Sosnovshi in „Le Corsaire“, die edle Maria Yakovleva mit Denys Cherevychko in „Don Quixote“ und die ehemalige Wiener und nunmehr Züricher Solistin Aliya Tanikpaeva mit Mariinsky-Star Andrian Fadeyev in „Dornröschen“.

Wenn tänzerische Persönlichkeiten gefragt ist, dann vermisst man zur Zeit in Wien jenen Esprit, mit dem etwa Iana Salenko und Rainer Krenstetter (Berliner Staatsballett) in der „Tarantella“ von George Balanchine über die Bühne fegen. Oder die tänzerische Spielfreude, die Linda Celeste Sims und Matthew Rushing von der Alvin Ailey Dance Company im „Pas de ‚Duke’“ zeigten. Auch bei der hohen Schule der klassischen Moderne wurde der Unterschied bei zwei Forsythe-Duos deutlich: Olga Esina und Eno Peci tanzten das „Slingerland Pas de deux“ einwandfrei, aber unterkühlt. Nadja Saidakova und Noah Gelber (Staatsballett Berlin) interpretierten hingegen „Herman Schmerman“ mit subtilem Witz.

Nachfolger Manuel Legris hat die notwendige Veränderungen für das Wiener Ballett schnell und richtig erkannt: er setzt auf ein herausforderndes Repertoire, um das Feuer der TänzerInnen zu entfachen. Eine leichte Aufgabe ist es nicht.

Das Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper: Ballett Gala, 29. Juni 2010, Wiener Volksoper