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deMoroda iconAtmendes Archiv – lebendiges Gedächtnis. Archive kämpfen häufig gegen das Klischee des Verstaubens. Sortieren dort nicht weltfremde Angestellte Papier und Microfiche? Gerät dieser Staub nicht zur Lawine, sobald das Archiv ins Museum wandert, wie in Salzburg, wo man am 19. März die Ausstellung „Kunst – Musik – Tanz . Staging the Derra de Moroda Dance Archives“ im Museum der Moderne eröffnete?

Keineswegs, meint Sabine Breitwieser, Direktorin des Museums, im Interview. Auf das richtige Konzept käme es an. In enger Kooperation mit der Universität Salzburg, wo die „Derra de Moroda Dance Archives“ angesiedelt sind, wurde eine Präsentationsform entwickelt, die Intellektualität und Sinnlichkeit vereint. In der Gegenwart verankert die Ausstellung zehn Künstlerinnen und Künstler aus sechs Ländern, die stimuliert durch Archivrecherche eigene Positionen entwickeln, welche zeitgleich – quasi als Ausstellung in der Ausstellung – gezeigt werden. Nie zuvor war das Museum der Moderne in einem so großen Stil als Auftraggeber zeitgenössischer Kunst in Erscheinung getreten.Breitwieser

Das so gewürdigte Archiv ist nach seiner Gründerin Friderica Derra de Moroda (1897–1978) benannt. Die gebürtige Österreicherin, selbst Tänzerin, Tanzpädagogin und Choreografin, war eine schillernde Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Bereits früh verlegte sie sich auf das Sammeln und trug vor allem tanzgeschichtliche Artefakte der Zwischenkriegszeit zusammen. Aus der Fülle an Büchern, Fotografien, Notationen, Musikalien, Libretti, Briefen, Zeitschriften, ikonografischen Quellen und digitalen Medien wählte das Ausstellungsteam markante Beispiele, die in fünf Räumen thematisch gebündelt, einen kritischen Blick auf Tendenzen der Moderne freigeben. War es beispielsweise ursprünglich im modernen Tanz gang und gäbe, das Exotische als Inspirationsquelle zu feiern, so diskutiert man heute diese Ansätze mehrheitlich unter Einbeziehung postkolonialer Aspekte.

GeyerIm Kontrast zu den historischen Objekten reicht die Spannbreite der brandneuen Werke von Malerei (Paulina Olowska), Zeichnung (Ania Soliman) über Soundinstallationen (Eszter Salamon) bis hin zur Performance-Kunst (Jonathan Burrows). Philipp Gehmacher experimentiert in seiner skulpturalen Intervention „Who’s afraid? I am afraid“ mit der Idee des „Grauraums“ als Hybrid aus White Cube und Black Box. An zwei weiße Wände eines sonst leeren Raumes lehnt er Readymades aus Teilen gebrauchter Tanzböden. Die Ästhetisierung dieser schweißgetränkten Arbeitsfläche entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Historisch interessant ist der Beitrag von Andrea Geyer. Geyer setzt sich in ihrer Dreikanal-Videoinstallation „Truly Spun Never“ mit dem undurchsichtigsten Kapitel aus Friderica Derra de Morodas Leben auseinander. Derra de Moroda, seit 1936 britische Staatsbürgerin, leitete im Deutschland der 1940er Jahre das propagandistische Kraft-durch-Freude-Ballett. Ob die Künstlerin aufgrund einer faschistischen Ideologie, um einer ehrgeizigen Karriere Willen oder als Agentin mit den Nationalsozialisten kooperierte, ist bis heute höchst spekulativ. Geyer bezieht sich subtil auf die geschichtliche Leerstelle, indem sie Körpersprache und verbale Sprache als unterschiedliche „Wahrheiten“ kollidieren lässt.  

Erfreulich vielfältig gestaltet sich das neunteilige Begleitprogramm zur Ausstellung, welches Filme, Artistic Talks,   Führungen mit musikalischer Untermalung von Libretti aus dem Archiv und Lecture Performances zu modernen Tänzen von Alexander und Clotilde Sacharoff der Tanzwissenschafterin Claudia Jeschke mit Tanzschaffenden des Sead Bodhi Projects beinhaltet. Kann sich in dieser Bewegung Staub ansetzen? Keineswegs.

„Kunst – Musik – Tanz. Staging the Derra de Moroda Dance Archives” ist bis 3. Juli 2016 im Museum der Moderne Salzburg zu sehen.

Der Text ist ein überarbeiteter Beitrag der Kleinen Zeitung vom 29. März 2016