strauss koliig fraupotipharEitel Freude herrscht auf dem Buch- und Tonträgermarkt: Ein Jubiläum steht an: Der Geburtstag von Richard Strauss jährt sich zum 150. Mal. Kein Opernhaus, keine Radiostation, die diesen Jahrestag nicht zum Anlass für ausgiebige Berieselung nimmt, die Verlage wollen auch nicht nachstehen und die Museen und Gedenkstätten erst recht nicht. Auch das Theatermuseum in Wien zeigt seine Strauss-Schätze.

Mit dem Motto „Trägt die Sprache schon den Gesang in sich …“ ist schon klar, dass sich die Ausstellung vor allem mit dem Opernkomponisten Strauss befasst. Die Sammlung des Theatermuseums ist reichhaltig, war doch Strauss (gemeinsam mit Franz Schalk) von 1919 bis 1924 Operndirektor in Wien und hat überdies 1947 die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Dankbarkeit ist angesagt. Die Jahre davor, als er sich zum Präsidenten der Reichsmusikkammer ernennen ließ und von Hitler auf die Sonderliste der „Unersetzlichen Künstler“ (mit den zwei anderen „wichtigsten Musikern“ Hans Pfitzner und Wilhelm Furtwängler) gesetzt worden ist, werden lediglich vorsichtig gestreift. Am Mythos darf nicht gekratzt werden. Das ist geschäftsschädigend.

So wandert man von Opernraum zu Opernraum, von „Salome“ zu „Elektra“, vom „Rosenkavalier“ zur „Frau ohne Schatten“, starrt auf Briefe und Autografen, hört in jedem Raum die passende Musik und sucht nach dem Theater, dem lebendigen Musiktheater. Ein wenig Farbe bringen die Kostüme im Glaskasten, die bunten Blätter der Bühnenbild- und Kostümentwürfe und Fotos von Sängerinnen und Sängern in die etwas staubig wirkende Schau. Die Materie bleibt seelenlos und kalt. Ein Bezug zur Gegenwart? Terpsichore und Polyhymnia haben keine Chance, da ist Klio vor.

Rückwärtsgewandt. Besonders schmerzhaft trifft dieser Mangel das tanzaffine Herz in der kleinen Abteilung „Strauss und das Ballett“. Zwei originale Ballette hat Strauss komponiert – „Schlagobers“ und „Josephs Legende “ –, ein drittes, „Verklungene Feste“, aus bearbeiteten Klavierstücken François Couperins 1941 in München zur Aufführung gebracht. Das zweiaktige Ballett „Schlagobers“, 1924 in Wien anlässlich des 60. Geburtstags des Komponisten und (noch Co-) Operndirektors uraufgeführt, hatte wenig Erfolg und wurde nicht ins Repertoire übernommen. Das dürfte kein Schaden sein, krankt doch das kitschige, „heitere“ Ballett, in dem Tortenstücke und Zuckerl lebendig werden, am von Strauss selbst geschriebenen Libretto. Die Originalpartitur hat Strauss der Stadt Wien zum Dank für die Erbpacht seines Wiener Grundstücks geschenkt. strauss kandierte-f

Nicht in der Versenkung verschwunden ist jedoch die „Josephs Legende “ (Libretto von Harry Graf Kessler und Hugo von Hofmannsthal nach dem Alten Testament), die Strauss für die Ballets Russes komponiert hat. Vaslaw Nijinkys wollte er als Choreograf und auch als Joseph tanzen sehen. Nijinksy war aber mit Strawinskys „Sacre“ beschäftigt und überließ die das Chorgeografieren Michel Fokine, das Tanzen der Titelrolle Leonid Massine. Für die Uraufführung 1914 in Paris, hatte Léon Bakst die Kostüme entworfen, Alexandre Benois das Bühnenbild, Strauss dirigierte selbst. Nach sieben Aufführungen war Schluss, der drohende Krieg vertrieb Diaghilev mit seiner Truppe aus Stadt und Land. In Wien wurde das Ballett in der Choreografie von Heinrich Kröller 1922 zum ersten Mal gezeigt. 1977 hat John Neumeier seine Version der biblischen Geschichte vom lüsternen Weib des ägyptischen Beamten und dem keuschen Sklaven Joseph für Wien choreografiert. Uraufgeführt mit Kevin Haigen in der Titelrolle, Karl Musil, Franz Wilhelm und Judith Jamison, ist die Choreografie bis heute im Repertoire des Wiener Staatsballetts. Am 4. Februar 1915 wird die „Josephs Legende“ wieder auf der Bühne erzählt, ergänzt von „Verklungene Feste“, ebenfalls in Choreografie und Inszenierung von John Neumeier.

Ehrfurcht im Leichenschauhaus. Aber das alles wird in der Ausstellung nicht erzählt. Gut, die Oper steht im Vordergrund. Aber auch der Hintergrund sollte ein wenig Licht bekommen. Der ganze Papierkram sagt Forschern und Dissertantinnen, wie es einmal war. Wer, wem, was geschrieben hat, wie schwierig die Zusammenarbeit der Librettisten (Hugo von Hofmannsthal oder Stefan Zweig) mit dem selbstbewussten Komponisten war. Doch wie es ist, was uns heute angeht oder aufregt, berührt und erfreut, muss vor der Museumstür bleiben. De Bühne der Oper ist zwar in Sichtweite, doch Fenster und Tüten bleiben verschlossen, der Weg scheint zu weit. Deshalb wird auch verschwiegen, dass die nachträglich zum Zyklus „Vier letzte Lieder“ zusammengefassten letzten Gedicht-Vertonungen, von Rudi van Dantzig als berührendes Ballett geschaffen, im aktuellen Repertoire des Staatsballetts Erfolge feiern. So gehe ich vom silbernen Klang der Rose und den Schmerzensschreien der Elektra begleitet an den Vitrinen vorbei, ehrfürchtig, als wäre ich in einem Leichenschauhaus.

Dass Wien eine Theatersammlung mit viel Papier hat, ist Grund zur Freude. Doch Theater als Museum, ohne Bezug zur lebendigen Gegenwart? Eine Contradictio in adiecto. Auch auf die aktuellen Strauss-Inszenierungen im Repertoire der Staatsoper ("Elektra" etwa, demnächst ganz neu, oder "Salome", unnachahmlich und lebendig trotz des Alters der Barlog-Regiearbeit) wird mit der winzigsten Bemerkung hingewiesen. Da tuts wirklich der Katalog auch. Der ist informativ, reich bebildert und kann im Lehnstuhl in aller Ruhe immer wieder betrachtet werden.

„Trägt die Sprache schon den Gesang in sich“ Richard Strauss und die Oper. Bis 9. Februar 2015, Theatermuseum, Lobkowitzplatz 2, 10 Wien. Täglich außer Dienstag, 10–18 Uhr. Begleitprogramm.

Katalog: Christiane Mühlegger-Henhapel  / Alexandra Steiner-Strauss (Hrsg.): „Richard Strauss und die Oper“ Residenz, 2014. 224 S., € 34,90. ISBN: 978-3-7017-3335-4

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