Eine Frage von Form und Inhalt
"Mein Leben ist meine Arbeit, also suche ich nach dem Inneren"
Vicente Saez, in der südspanischen Ortschaft Elche geboren, entdeckte erst mit 19 Jahren das Tanzen für sich und verfolgte die spät entdeckte Leidenschaft mit großer Intensität, Hingabe und Duende. Saez studierte am Instituto de Teatro in Barcelona, tanzte bei Cesc Gelabert, Lydia Azzopardi und bei Anne Teresa de Keersmaeker. 1983 begann er mit seiner eigenen choreografischen Tätigkeit und präsentierte erste Stücke in öffentlichen Räumen wie etwa Garagen, Discotheken oder Tankstellen. 1987 gründete er seine eigene Compagnie und konzentrierte sich ab 1989 ausschließlich auf seine choreografische Arbeit. Der internationale Durchbruch gelang ihm im selben Jahr mit seinem Solo Ens, in dem er sich von den Aufnahmen des Fotografen Jean Pierre Stoop, die den Choreografen in einer kargen, trockenen Landschaft zeigten, zu einer Forschungsreise zu den Archetypen seiner Seele inspirieren ließ. War Saez Stil in seinen ersten Arbeiten knapp, mit reduziertem Bewegungsmaterial oder wie in seinem Solo hoch energetisch, zeigte er in seinem 1990 entstandenen Duo Rapta eine tänzerische Beziehung zwischen zwei Männern, die zwischen Anziehung und Ablehnung wechselte eine eher meditativ-langsame Grundstimmung.
Für das 1992 entstandene Uadi, ein Gruppenstück, wurde er von den zeitweise wasserführenden Flüssen der nordafrikanischen Wüste angeregt. Hier steht vor allem die physische Beschaffenheit des Körpers als Grundlage für den Tanz im Mittelpunkt, Partnering, das auf den physischen Gesetzmäßigkeiten basiert, ist choreografisches Element, der Kreis als Bewegungsmuster formal ständig präsent. Drei Jahre später wendet sich Saez mit Regina Mater (1995) der Suche nach dem Transzendentalen, Spirituellen zu. Er evoziert zwar den katholischen Marienkult, aber Regina Mater ist für mich der Geist, der Leben gibt, der Geist der Mutter, der Muttergöttin, und der Geist der bedingungslosen Liebe. Mit Atman 1996, wieder eine solistische Arbeit, untersucht er die Vereinigung der Gefühle und die Welt des analytischen Verstandes. In jeder seiner Choreografien, mittlerweile 19 Stücke, ging es ihm darum, die richtige Form für den emotionalen Inhalt zu finden und mit der reinen Bewegung als Ausdruck von Empfindungen zu experimentieren, das heißt, dass die Emotionalität zwischen den Tänzern aus der physikalischen Gesetzmäßigkeit von Bewegung entsteht und nicht aus deren psychologischen (Be-)Deutung. Der Begriff Seele, Geist und innerhalb der Bewegung-Sein sind in seiner Choreografie-Sprache grundlegend.
Improvisation als Katalysator
Zur Erarbeitung eines Stückes ist es für ihn notwendig, dass seine TänzerInnen ent-psychologisiert werden, um empfänglich für seine Ideen zu werden. Die Improvisation dient ihm dabei als Katalysator, und, wie er in einem Interview berichtet, als Möglichkeit die Suche nach der inneren Befindlichkeit zu unterstützen. Die Improvisation ist für Saez ein Mittel wo ich die Energie des Tänzers fühle, die Art von innerem Zustand, den er ausdrücken möchte. Gleichzeitig wird er sich dem Zustand annähern, den ich zum Ausdruck bringen möchte. Es ist dies eine Zeit im Arbeitsprozess, bei dem ich den inneren Ausdruck eindringen lasse, ihn katalysiere. Es ist ein ständiger Sensibilisierungsprozess und erfordert ein waches Bewusstsein, in dem Moment, wo du damit aufhörst, ist die Arbeit vorbei.
Diese Suche nach dem Inneren zeigt sich in allen seinen Stücken. Mein Leben ist meine Arbeit, also suche ich nach dem Inneren. Wie kann mich da die Schale interessieren? Es ist eine Frage von Form und Inhalt. Der Tanz, die Bewegung ist für mich die Manifestation unseres inneren Seins, und ein Weg, die Energie dieses Innenlebens aus zu drücken, und wenn die Bewegung diese Energie beim Tanzen nicht projiziert wird, ist sie leer, tot und bleibt formal. meint der Spanier in einem Interview 1996.
Seine Stücke sind kein akrobatischer High-Tech, sondern purer Tanz, zeigen südliches Temperament gepaart mit einer Brise Melancholie, die sich leicht über das Gemüt legt, wie ein Gazeschleier, der das strahlende, gleißende Licht wärmer und sanfter macht. Freude und Schmerz liegen eng beieinander.
2003 ist Vicente Saez wieder selbst auf der Bühne und in einem Solo zu sehen. Talisman greift zum einen die Thematik von Atman wieder auf, geht es doch auch hier um die Welt der Gefühle, jedoch untersucht Saez vor allem das Verhältnis von körperlichem Ausdruck und emotionalem Zustand. Wir alle brauchen in unserem Leben Träume, Liebe und Sicherheit. Wie bei einem Mosaik setzen wir unser Leben zusammen, suchen den Sinn unserer Existenz. Talisman ist eine Reise voller Überraschungen zu unserem eigenen Herzen.
Gabriele Haselberger
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