Mammatango
Das Interview führte Brigitte Steiner.
Viele Frauen leben mit der Diagnose Brustkrebs. Viele leben damit im Verborgenen. Das Ringen mit der Krankheit ist ein Ringen mit der Angst. Mit MammaTango möchte ich ein neues,
lebensbejahendes Licht auf diese Krankheit werfen, Berührungsängste nehmen, einen positiven und lebendigen Umgang mit dem Thema Krebs schaffen. Ich möchte Mut machen und inspirie-ren, schreibt die Tänzerin Karoline Erdmann auf ihrer Homepage.
Am 31. Oktober gastiert sie im Wiener Odeon bei einem Charity-Abend anlässlich des 5-jährigen Bestehens der "knospe, einer Initiative zur ganzheitlichen Beratung krebskranker Menschen der Abteilung für Gynäkologie im Wilhelminenspital Wien. Außer Karoline Erdmann, die mit ihrem Partner Manuel Sanchez den Mammatango tanzt und aus ihrem Buch Ich tanze mit der Angst ich tanze mit der Freude liest, treten Maria Bill, Otto Tausig und das Ted Nash-Quintett, eine Jazzband aus New York auf. Das Interview führte Brigitte Steiner.
tanz.at: Frau Erdmann, Sie leben seit 1999 mit der Diagnose Brustkrebs. Ist: Ich tanze trotzdem Ihre Maxime?
K. Erdmann: Nein, trotzdem wäre mir zu trotzig. Ich habe schon immer getanzt und ich tanze weiter. Als die Diagnose Brustkrebs kam dachte ich: Ist das jetzt das Ende vom Tanzen? Was mache ich jetzt?, und ich merkte, es ist nicht das Ende vom Tanzen, nur weil ich eine Brust verloren habe! Ich kann weiter tanzen, auch in meinen engen Kleidern und in meinen Trikots. Das hat natürlich eine Weile gedauert, es war ein Prozess, bis ich merkte: Ich bin auch mit nur einer Brust schön und der Tanz geht weiter. Es ist, glaube ich, einfach ein anderer Tanz geworden.
tanz.at: Was bedeutet Ihnen der Tanz, die Bewegung zur der Musik ja auch, das sich verbinden mit der Musik?
K. Erdmann: Wenn ich tanze, kann ich alles vergessen, ich bin eins mit mir. Es ist für mich ein Moment der Glückseligkeit! Ich bin erfüllt, völlig erfüllt von Musik, erfüllt von Bewegung. Ich lebe im Moment. Wenn ich mit der über die Narbe gemalten Blume tanze, dann ist es für Alle offensichtlich, dass ich eine Frau mit Brustkrebs bin aber ich kann es in dem Moment des Tanzens wieder völlig vergessen und glaube und hoffe, dass ich dies auch den Zuschauerinnen und Zuschauern vermitteln kann. Im Moment des Tanzes bin ich glücklich, mit mir, mit meinem Körper, mit meinem Schicksal.
tanz.at: MammaTango ist ja nicht mit Mutter-Tango zu übersetzen sondern ist vom lateinischen Wort Mamma (Brustdrüse) abgeleitet.
K.Erdmann: Ja, Mamma ist der medizinische Fachausdruck für Brust, Mamma-Karzinom heisst Brustkrebs. Betroffene Frauen, denke ich, wissen, dass ich damit Brustkrebs und Tango verbinde.
tanz.at: Wie sind Sie zum Tango gekommen, wieso haben Sie den Tango gewählt?
K. Erdmann: Ich hatte begonnen Standard zu tanzen, weil ich gern tanze, aber auch, weil das Soziale, Das-sich-treffen-mit-Leuten eine Rolle spielte und da ist mir der Tango, der ja in den letzten zehn Jahren sehr populär geworden ist, begegnet. Mit dem ersten Tango Argentino Kurs entdeckte ich die Kreativität, die in diesem Tanz steckt. Er lässt ausserdem sehr viel Raum für persönlichen Ausdruck. Tango ist verspielt, kreativ, eine ständige Herausforderung. Ich erlebe dies bei keinem anderen Paartanz so wie beim Tango.
tanz.at: Der Tango ist ja auch ein sehr erotischer Tanz, setzt Wünsche, Sehnsüchte frei. Trotz körperlicher Verletzung ist diese erotische Ausstrahlung bei Ihnen stark spürbar. Erotik ist für viele Menschen lebenslang ein Wunschtraum. Bedeutet das erotische Moment nicht auch Kraftquelle für Sie?
K. Erdmann: Ja, sicher! Erotik, denke ich bedeutet für mich, meinen Körper zu lieben, mich als Frau auf einen anderen Körper, z.B. den Körper eines Mannes zu beziehen. Und wenn ich das mit Liebe zu meinem Körper tue und mein Gegenüber auch diese Liebe spürt, dann ist das ein Austausch, der unglaublich viel Kraft gibt. Der Körper ist etwas Wunderschönes und ich denke, der Tanz ist ein Ausdruck davon.
tanz.at: Zu Idee und Choreografie: Ist das eine gemeinsame Arbeit von Ihnen und ihrem Partner Manuel Sanchez oder wie erarbeiten Sie die Tänze?
K. Erdmann: Ich hatte natürlich schon vor meiner Zusammenarbeit mit Manuel MammaTango-Auftritte getanzt, aber mit Manuel kam mehr Ruhe in meine Arbeit, wir haben uns überlegt, was wir zusammen ausdrücken wollen und tanzen drei verschiedenen Tangos, den Tango, den Tango-Vals und die Milonga. Es sind drei verschiedene Rhythmen.
tanz.at: Ich sah Sie heute zum ersten Mal. Auf mich wirkte der Tanz sehr symbiotisch. Übernimmt einer von Ihnen doch die Führung?
K. Erdmann: Ja, ganz sicher. Manuel, der Herr führt, das ist ganz klar, und gleichzeitig gibt es sehr viele Momente, in denen ich Vorschläge mache. Wie z.B. in dem Moment, wo ich ihm näherkomme, ihn enger umarme und vorschlage, lass uns noch intimer tanzen.
Oder, ich löse mich ein bisschen, schlage Distanz vor, was auch ganz andere Tanzfiguren herausfordert. Oder Manuel bietet mir eine Figur an und ich sage vielleicht, nein, anders. Manchmal überrasche ich ihn mit einer Spielerei, einer Verzierung, wie wir sie im Tango nennen, und gebe ihm einen Impuls in einer bestimmten anderen Richtung weiterzutanzen. Das ist ja das Wunderschöne am Tango, man unterhält sich zusammen. Der Tango ist eine getanzte Unterhaltung und eine getanzte Umarmung.
tanz.at: Sie tanzen in einem asymmetrischen Kleid, das die Seite mit der fehlenden Brust freilegt diese Seite ist tätowiert. Das löst Emotionen aus, evtl. Ängste? Ihr Beweggrund, mit entblösster Brust zu tanzen?
K. Erdmann: Die Blume ist nicht tätowiert, sondern ich male sie für jeden Auftritt neu, so ist es immer ein Wandel, dies ist für mich auch wichtig. Eine Frau mit einer amputierten Brust, das ist irgendwo ganz furchtbar, nicht nur äusserlich, auch innerlich, es bedeutet auch die Konfrontation mit der Krankheit Krebs, mit dem Sterben. Ich verwandle diese Angst, in dem Moment, in dem ich auftrete, ich verwandle sie für mich. Die Seite mit der amputierten Brust wird zu etwas sehr Schönem, wird ästhetisch, indem ich sie mit der Blume schmücke.
Das will ich will mit meinem Tanz sagen: es ist furchtbar, aber es gibt einen Weg dies zu verwandeln, in etwas Neues, sogar in etwas Schönes. Als ich mit der Diagnose konfrontiert wurde, hätte es mir sehr geholfen, wenn ich schon einmal eine Frau mit einer amputierten Brust gesehen hätte. Es hätte mir viel Fantasien und viel Angst erspart. Ich möchte, dass das jetzt durch meine Tango-Auftritte passiert, dass Frauen und auch Männer sehen: Ah, es ist ja gar nicht so furchtbar, das Leben geht weiter, der Tanz geht weiter, es ist gut, es kann sogar wunderschön aussehen.
tanz.at: Sie lieben den Tanz. Gibt es auch Zeiten, wo Sie sich überwinden müssen, die Bühne zu betreten?
K. Erdmann: Nun - es ist einfach so. Für mich ist ein Auftritt wie ein Fest und das ist für mich auch wie ein Geschenk. Wenn ich vielleicht gerade traurig bin, wandelt sich dies meist nach zwei Takten Musik, die Zeit auf der Bühne gehört den Zuschauern.
Es ist für mich auch eine Ehre, wenn ich gefragt werde, zu tanzen. Es ist wunderbar, dass es Menschen gibt, die möchten, dass ich tanze und den Mut haben zu sagen: kommen Sie zu uns. Es braucht nicht nur meinen Mut, es braucht auch den Mut der Anderen, den Mut der Zuschauerinnen und Zuschauer.
tanz.at: Frau Erdmann , eine letzte, sehr intime Frage, wie gehen Sie mit Trauer um?
K. Erdmann: Ich lasse ihr ihren Raum. Ich versuche nicht, sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden, sondern sehe in ihr ein sehr zartes und irgendwo ein sehr liebendes Gefühl...
Das Buch Ich tanze mit der Angst ich tanze mit der Freude von Karoline Erdmann ist 2002 im Herder Verlag als Taschenbuch erschienen. Mehr Informationen zum Projekt MammaTango finden Sie auch im Internet unter www.mammatango.de
Brigitte Steiner
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