Den Jazz in der Musik hören
Das etwas andere Weihnachtsballett
Einer sitzt in einem Stuhl mit Rollen, verbirgt sich unter einem weißen Handtuch, ein anderer schreitet im Profil durch den Raum, mit einer Waschmaschine auf dem Kopf. Auf dem alten Sofa spielt ein Mädchen mit einer hölzernen Puppe. An ihr vorbei paradieren schöne junge Frauen auf Stöckelschuhen. Später landen die Schuhe in der Waschmaschine - und dann ist Mittagspause.
Nicolas Musin probt mit seiner abcdancecompany den Nussknacker, das berühmte Weihnachtsballett vom hölzernen Nussknacker, der für eine Nacht zum Prinzen wird. Ob jedoch die gezeigte Szene je auf der Bühne zu sehen sein wird, ist nicht sicher, noch wird in der Werkstatt gearbeitet. Noch kennen die TänzerInnen nicht jeden Schritt, sie wissen nur eines: Es wird komisch und schön. Es wird ein richtiges Märchen für Kinder.
Die Kinder werden mitleben
In seiner tänzerischen Karriere hat der Belgier Musin selbst oft genug im Nussknacker zu Tschaikowskis Musik getanzt. Zuletzt bei John Neumair in Hamburg. Aber die Handlung finde ich ziemlich langweilig, es sind eigentlich nur Szenen, ohne jegliche Logik und mit den Figuren kann man sich nicht wirklich identifizieren, die bleiben doch leblos. Deshalb also ein neuer Nussknacker in St. Pölten mit einem Libretto von Nicolas Musin. Auch wenn die Premiere in der Vorweihnachtszeit ist, will der Choreograf das Stück nicht als das übliche für Kinder hingeschluderte Weihnachtsballett sehen. Ich erzähle eine echte Geschichte, die Figuren entwickeln sich und es wird viel Komik geben, die Kinder werden mitleben.
Damit die Handlung nicht so fern jeglicher Aktualität ist, hat Musin der Figur der Marie Leben und Dramatik eingehaucht. Ihre Eltern haben Pleite gemacht und die Kinder fortgeschickt. Marie lebt nicht in einem reichen Haushalt mit vielen Geschenken und diesem typischen riesigen Weihnachtsbaum, sie steht auf der Straße und muss für sich selbst sorgen. Auch der Patenonkel Drosselmeyer hat mehr Konturen bekommen. Monica Cervantès und Yester Mulens Garcia, die Marie und Drosselmeyer tanzen, werden außerdem von Maxime Lachaume (als Fritz, Bruder von Marie) und Fernanda Diniz als Louise durch die Handlung begleitet.
Tschaikowski ist ein Theatraliker
Die Idee zum neuen Nussknacker kam Musin durch seine Liebe zu Tschaikowski: Die Leute denken immer nur an Dornröschen oder Schwanensee, aber Tschaikowski ist mehr als ein Ballettkomponist, seine Musik hat Rhythmus und Dramatik, sie ist ganz farbig. Er war auch in seiner Kunst ein Theatraliker. Und ich höre auch Jazzelemente heraus, also manche Passagen klingen wie eine Big-Band. Das wollen wir auch herausarbeiten. Das gibt der Musik den narrativen Teil.
Wird dieser neue Nussknacker nun ein Stück Modern Dance? Nein, es ist Ballett, Ballett, Ballett, das hört man in der Musik. Dennoch mache ich keinen klassischen Nussknacker. Wir werden aber die großen Gesten haben und auch Spitze tanzen. Und ich versuche den TänzerInnen beizubringen, mit anderen Ohren aufzutreten, sie sollen den Jazz in der Musik hören.
Musik + Tanz = Unterhaltung
Musin will aber nicht nur eine rührselige Handlung von armen Geschwistern zu Weihnachten erzählen, sondern den jungen ZuschauerInnen auch eine Weisheit vermitteln. Die Geschichte handelt auch von der Kunst und ihrer Rolle im Leben der Menschen. Marie entdeckt die Kunst und dadurch sich selbst. Wie wichtig Kunst im Leben ist, hat Nicolas Musin selbst schon als ganz kleiner Bub erfahren: Mit sechs Jahren habe ich ein Aquarell von Calder zum Geburtstag bekommen. Das hat zu mir gesprochen und ich habe verstanden, dass die Kunst das Leben schön und reich macht, dass ich ohne Kunst gar nicht leben will. Klingt ein wenig nach Unterricht? Nein, keine Angst, das ist nur mein Ansatz, für Kinder ist der Abend vor allem komisch, schön, süß, sehr leicht auf jeden Fall.
Die Mäuse (im klassischen Libretto und in E. T. A. Hoffmanns Märchen die ganz Bösen) sind bei Musin aus Disneyland, und die Musik wird an den Soundtrack eines Hollywoodfilms erinnern, schwarzer Humor und surrealistische Elemente sorgen dafür, dass dieser neue Nussknacker neben Musik und Tanz auch genügend Unterhaltung bietet. Die Musik wird bei allen Vorstellungen von den NÖ Tonkünstlern gespielt. Das wird schwierig werden. Die Tonkünstler sind 60 Musiker, wir sind nur 15 TänzerInnen. Eine Herausforderung für alle.
Die Pause ist vorbei, Nicolas Musin eilt mit wehendem Haar in den Probensaal er hat die Herausforderung angenommen.
Ditta Rudle
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