Ich muss tun, was ich tun muss
Ein Gespräch mit Boris Eifman
Der in der sibirischen Verbannung geborene Boris Eifman fühlte schon als Kind seine Berufung zum Choreografieren. Seine Eltern Vater Ingenieur, Mutter Ärztin standen diesem Wunsch eher skeptisch gegenüber, aber der Junior setzte sich gegen alle Widerstände durch und ließ sich 1966 ins Seminar für choreografische Studien des Rimski-Korsakov-Konservatoriums in Leningrad einschreiben. Bereits Anfang der 70er Jahre erregte er bei den Kritikern große Aufmerksamkeit mit seinem ersten Stück Icarus. Die Ernennung zum offiziellen Choreografen der Waganova-Akademie kam im selben Jahr, Choreografie-Aufträge für das Maly Theater (Gajane, 1972) und das Kirov-Ballett (Feuervogel, 1973) folgten. 1977 gründete er seine eigenes Ensemble, das aus 50 TänzerInnen besteht. Ich muss tun, was ich tun muss, sagt Boris Eifman, der mittlerweile durch die zahlreichen Gastspiele und den Tanz-Beitrag für Kirov-Solisten beim letzten Neujahrskonzert international bekannt wurde. Selbstredend wurden diese Reisen erst durch Gorbatschov und Perestroika möglich, vorher war das kreative Schaffen nur unter schwierigsten Bedingungen möglich. Lässt er einen Vergleich mit Kasian Goleisofsky zu, der auch durch seine der damaligen Zeit vorausseilenden Piecen unterdrückt war? Da dessen Werke verboten waren, wusste Eifman lange Zeit nichts über ihn, die Ähnlichkeiten mit ihm im Kampf um offizielle Anerkennung bzw. expressiven Stil sieht er jetzt im nachhinein. Mittlerweile etabliert, war für Eifman eher Jacobson ein Vorbild, der im selben Jahr wie Balanchine ebenfalls in St.Petersburg geboren, einen komplett anderen Karriereverlauf erfuhr. Während Balanchine im Ausland berühmt wurde und seine Werke auch wieder vom Kirov-Ballett getanzt werden, er- und durchlitt der mindestens ebenso begabte Jacobson die Jahre der stalinistischen Herrschaft in der Sowjetunion.
Zensur aus Verantwortung
Seit 26 Jahren bereits als Choreograf tätig, hat sich Boris Eifman seine Eigenstängigkeit bewahrt und unterwirft sich nicht der Kommerzialisierung. Bei rund 150 Vorstellungen im Jahr findet der Grossteil außer Landes statt, da die Compagnie (noch) nicht über ein eigenes Theater verfügt und daher für jede Aufführungsserie eines anmieten muss. So werden 80 Prozent der Einnahmen durch Tourneen bestritten. Eifman sieht daher seine Mission in erster Linie darin, mit seinen Werken Erfolg haben zu müssen, weil so viele Menschen - neben den Tänzern auch deren Familien sowie das technische und administrative Personal - von ihm abhängig sind. Aus diesem Verantwortungsbewusstsein heraus stellt er sich einer persönlichen inneren Zensur, die nicht nur enormen Erfolgsdruck bedeutet, sondern strenger ist als die frühere politische im Sowjetregime. Jedes Jahr muss es eine neue Großproduktion geben. Seine Werke sind vielfältig, doch keine üblichen Handlungsballette alter traditioneller Ballettstoffe. Boris Eifman geht tiefer und verarbeitet historische Personen auf psychologischer Ebene. Er hinterfragt der Schicksal und gestaltet es mit packender Dramatik. In Red Giselle erzählt die Lebensgeschichte von Olga Spessivtzeva, die als denkwürdigste aller Ballerinen in die Annalen einging: sie wurde geisteskrank und musste sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Mit seinem Tschaikowsky-Ballett, in dem er den homosexuellen Komponisten zwischen persönlichen Nöten und gesellschaftlichen Zwängen darstellt, kratzt er an einem Mythos. Wenn er etwa ein traditionelles Ballett wie Don Quijote inszeniert, so sicher nicht die herzige Liebesgeschichte von Kitri und Basil. Anlässlich des 100. Geburtstages von George Balanchine wird er auf Einladung von Peter Martins, dem Direktor des New York City Ballet, eine Hommage an den weltberühmten Choreografen kreieren. Heuer brachte er seinen vielgerühmten Russischen Hamlet zum Tanzsommer nach Innsbruck und zum Bozener Tanzfestival. Die Russen selbst bezeichneten Zarewitsch Paul, Sohn der Katharina der Großen, zeitlebens so, da sich in seinem Leben zahlreiche Parallelen zum Shakespeareschen Dänenprinzen finden: er war Zeuge der Ermordung seines Vaters durch den Geliebten der Mutter und er kämpfte gegen die eigene Mutter um die Machtansprüche im Land. Dass er sich in dieser intriganten, verbrecherischen Atmosphäre aus der schrecklichen Realität der psychologisch diagnostizierbaren Traumata in Mystizismus flüchtet und unter Verfolgungswahn leidet, ist nicht weiter verwunderlich. Inspiration Musik, Tänzer und Emotionen Doch wie findet der Meister seine Musik? Hier gibt es keine vorgefertigten abgezählten Takte auf Bestellung wie zu Petipas Zeiten. Nur ein einziges Mal gab Eifman Musik für ein Ballett in Auftrag und konnte sie nach Fertigstellung nicht verwenden, da sie ihn nicht inspirierte. Denn die Inspiration bekommt Boris Eifmann immer durch die Musik, die Tänzer und die Emotionen. Musik ist für ihn ein großes Meer ohne Ufer. Wochen-, ja monatelang hört er Musik, bis er im Kopf Bilder sieht. Die Musik wird dann in den Tanz transponiert, jede Note muss in einen Bewegungsimpuls umgesetzt sein. In dem Versuch, in tausendmal gehörter Musik Unbekanntes zu entdecken, passt seine Musikauswahl immer in idealer Weise als wäre sie jeweils für die entsprechenden Stücken geschaffen. Für den Russischen Hamlet etwa verwendet er Beethoven und Mahler: ersterer macht die Machtkämpfe der aus Deutschland stammenden Herrscherin deutlich, für den zweiten Akt benötigt er Mahler zur Darstellung der Innenwelt, in der Paul gefangen ist. Denn auch dieses Stück ist mehr ein Ballett über die menschliche Seele als eine Nacherzählung der russischen Geschichte. Emotionen sind die zweite wesentliche Komponente in Eifmans Arbeiten. So wie ihn die jeweiligen Tänzerpersönlichkeiten inspirieren, um deren Körper als Übersetzungsinstrument seiner Visionen einzusetzen, ist für ihn Tanz ohne Gefühle leer. Sehr schwierig ist es daher auch, für historische Personen die Charaktere bühnengerecht zu entwickeln, was bei literarischen Figuren viel einfacher ist. Eifman ist bestrebt, immer das entsprechende Element, das den inneren Zustand einer Person bestmöglich beschreibt, einzusetzen. In dieser einzigartigen Synthese aus virtuosem (klassischen) Tanz, Expressivität und Schauspiel verlangt er seinem Ensemble alles ab. Sie müssen nicht nur exzellente Tänzer sein, sondern auch begabte Akteure. Immerhin kann unter den besten Absolventen des Waganova-Institutes auswählen.
Gesamtkünstler
Um mit seinen Werken die optimale Gesamtwirkung zu erzielen, schreibt er die Libretti selbst und setzt auch das Lichtdesign nach seine Vorstellungen ein. Licht und Dramaturgie hängen für ihn sehr eng miteinander zusammen, denn das Licht muss der emotionalen Situation entsprechen. Nur die Kostüme und die Bühnenausstattung überlässt er anderen. Dennoch möchte er mit seinen Piecen nicht mit Tanztheater verwechselt werden, obwohl er sich selbst das Attribut zeitgenössisch gibt: seine Tänzer seien Ausdruck der Zeit. Boris Eifmann ist davon überzeugt, dass durch den Tanz sich eine besondere Energie aus der Choreografie vom Tänzer auf das Publikum überträgt. Wenn man nicht vom Dargerstellten berührt wird, handelt es sich für mich nicht um Tanz, sondern nur um Bewegung und das kann jeder machen, stellt er seine Prinzipien klar.
Ira Werbowsky
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