BORIS EIFMAN

Ich wollte ein Ballett über die Liebe machen

Seit Anfang November probt Boris Eifman mit dem Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper für die Premiere (am 24.11.) von „Anna Karenina“. Boris Eifmans Choreographien wurden durch zahlreiche Gastspiele, u.a. beim Tanzsommer Innsbruck 2003 („Der Russische Hamlet“), Tanzsommer Graz 2004 („Tschaikovsky“) und 2005 („Who is who?“) sowie den Tanz-Beiträgen für die Neujahrskonzerte 2003 und 2004 bei uns in Österreich bekannt. Im Mai hatte sein „Tschaikowsky“-Ballett, getanzt vom Staatsballett Berlin, an der Staatsoper Unter den Linden Premiere. Am 20.Jänner gastiert er mit seinem eigenen Ensemble, dem St.Petersburger Ballett-Theater Boris Eifman im St.Pöltner Festspielhaus mit „Die Brüder Karamasow“. Eifman wollte schon immer in Wien eines seiner Werke herausbringen und so ist er sehr froh über dieses Angebot von Ballettdirektor Gyula Harangozó. Seit mehr als 30 Jahren bereits als Choreograf tätig, hat sich Boris Eifman stets seine Eigenständigkeit bewahrt. Seine Werke sind vielfältig, doch keine üblichen Handlungsballette. Er geht tiefer, er verarbeitet historische Personen auf psychologischer Ebene. Er hinterfragt, gestaltet in packender Dramatik deren Schicksale. Die Wiener Compagnie ist die erste, an die das im Vorjahr uraufgeführte und heuer mit dem Ballettoskar „Prix Benois de la Danse“ ausgezeichnete Tanzstück weitergegeben wird.

Romanfigur als Ballettvorlage
„Anna Karenina“ ist wohl eine der bekanntesten Ehebrecherinnen der Weltliteratur. Viele haben vielleicht den Roman des russischen Autors Leo Tolstoi gelesen oder natürlich die Verfilmung der tragischen Liebesgeschichte gesehen – sei es in der berühmten Version von 1935 mit Greta Garbo oder in der späteren Fassung von 1948 mit Vivian Leigh. Der russische Regisseur Alexander Sarchi verfilmte den Stoff 1967 mit Tatjana Samoilowa in der Titelrolle, zuletzt stand 1997 Sophie Marceau für „Anna Karenina“ vor der Film-Kamera.
Der achtteilige Roman entstand in den Jahren 1873 - 1878 in der Epoche des russischen Realismus. Er handelt von den Moralvorstellungen in der adligen russischen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts. Je nach Druckgröße jedenfalls mehr als 1000 Seiten umfassend, sind die Geschichten von 3 Familien in Handlungssträngen miteinander verwoben: Fürst Oblonski und seine Frau Dolly, Dollys Schwester Kitti und deren Mann Gutsbesitzer Lewin sowie die Titelheldin Anna als Schwester des Fürsten Oblonski. Sie ist mit dem wesentlich älteren Staatsbeamten Karenin verheiratet. Annas Liebesaffäre mit dem Grafen Wronski führt zum Ehebruch, sie verlässt Mann und Sohn und begeht schlussendlich aus Verzweiflung Selbstmord, indem sie sich vor einen fahrenden Zug wirft. Daneben spielt sich im Buch das harmonische Leben von Kittis Familie auf dem Land ab und macht damit des Dichters Einstellung in der Figur des Gutsherren Lewin klar, dass dem Landleben ein höherer Stellenwert zukomme als dem von Oberflächlichkeit geprägtem Stadtdasein.

Ein Ballett über die Liebe
Boris Eifman hat aus diesem komplexen Handlungsgefüge die Dreiecksbeziehung Anna – Karenin – Wronski herausgeschält und gibt in seinem 2-aktigen Ballett eine psychologische Analyse der Persönlichkeit seiner Titelheldin. Für ihn war der Autor Lew Tolstoi der 1. Psychoanalytiker noch vor Sigmund Freud, dessen Museum in Wien Eifman unbedingt besuchen wollte. Anna bricht also mit der Moral ihrer Zeit und zerstört alles, was in ihrem Leben Wert hatte, so der Choreograph über die berühmte Frauenfigur der Literatur. Für Eifman haben wahre Liebe und tiefe Gefühle in der heutigen schnelllebigen Konsumwelt an Bedeutung verloren. Daher will er die Wichtigkeit von Liebe und Beziehungen wieder in Erinnerung rufen, die Liebesthematik ist für ihn zeitlos und immer gültig .
Mit den Möglichkeiten des Tanzes stellt er diese dramatische Gefühlswelt dar. Seiner Deutung nach fühlt Anna in sich ein zweites „ich“. Ein Wesen, das sie einem unersättlichen Feuer gleich, von innen her auffrisst, so dass sie letztlich keinen anderen Ausweg sieht, als dieses innere Wesen dadurch zu töten, dass sie Selbstmord begeht. Dieser Kampf gegen das andere „ich“, lässt sie zwischen Himmel und Hölle empfinden. Liebe ist eine große Macht, sie kann den Menschen Hochgefühle bringen, aber auch Schmerz, in jedem Fall ist sie ein wesentliches Gefühl im Leben. Eifman moralisiert und verurteilt nicht. Er beantwortet auch nicht die Frage, welcher Entscheidung der Vorrang zu geben sei: der Hingabe an grenzenlose Leidenschaft oder dem vernunftmäßigem Handeln. Dies zu bewerten sei jedermanns persönliche Sache.

Vier Protagonisten
Dieses Stück hat eigentlich 4 Hauptakteure – neben Anna, Karenin und Wronski ist das Corps de ballet ebenbürtig tänzerisch eingesetzt. „Anna Karenina“ ist diesbezüglich sein schwierigstes Werk und so lobt Eifman die Wiener Tänzer sehr für ihren Eifer und unermüdlichen Probeneinsatz: „Sowohl die Tänzer als auch ich geben unser Bestes“. Während Olga Kalmykowa als Eifmans Assistentin die Proben mit den SolistInnen leitete, haben Oxana Tverdoklebova und Igor Poliakov das Corps de ballet betreut. Die beiden mussten leider bereits wieder wegen anderer Verpflichtungen abreisen. In der Schlussphase überwacht nun der Maestro selbst die Einstudierung. Er hofft, dass dem Wiener Publikum sein Ballett gefallen wird, hat er doch für Wien 2 gleichwertige, aber sehr verschiedenartige Besetzungen ausgewählt. „Die Zuschauer werden durch die individuellen Persönlichkeiten der jeweiligen Protagonisten eigentlich verschiede Produktionen sehen, obwohl die Schritte dieselben sind, erläutert Eifman. Olga Esina, seit September als Solistin engagiert, verkörpert die Premieren-Anna. Sie ist noch sehr jung und daher ist es in ihrer Interpretation das erste Mal, dass sie sich richtig verliebt. Ihre Anna ist romantisch und ahnt nichts vom letalen Ende ihrer Affäre. Dagmar Kronberger hingegen weiß als Anna von Anbeginn, dass diese Liebe ihre letzte sein und ihr den Tod bringen wird. Für die Rolle des betrogenen Ehemanns, eines steifen älteren Staatsbeamten, hat er Kirill Kourlaev und Eno Peci ausgesucht. Während letzterer sehr verschlossen und introvertiert ist, erscheint ersterer als etwas offenerer Typ, der darum umso mehr überrascht ist, dass ihn Anna verlässt. Die beiden Tänzer Vladimir Shishov (ebenfalls seit September als Solist bei der Compagnie) bzw. Ivan Popov könnten auch nicht gegensätzlicher im Aussehen und in der Persönlichkeit sein, um den Liebhaber Wronski darzustellen.

Leidenschaft in den Noten
Mit Vorliebe benutzt Eifman Musik von Tschaikowsky, so auch hier, denn sie ist zeitlos: „Der Komponist lässt mich in seinen Noten einen Ozean der Leidenschaft spüren, und das ist für „Anna Karenina“ genau richtig.“ Womöglich ist dies sein letztes Ballett zu Musikstücken seines bevorzugten Komponisten, weil er befürchtet, nicht mehr genug Neues in der Musik heraus zu hören, um sie zu verwenden. Eifman, der unermüdliche, ist natürlich bereits mitten in der Vorbereitung für sein nächstes Opus.

Ira Werbowsky

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