Kirill Kourlaev
Ich will das Publikum mit meiner Interpretation berühren
Nach seinem grandiosen Debut im September als Franz in Coppélia bereitet sich Kirill KOURLAEV bereits auf seine nächste Hauptrolle vor. Anna Karenina hat am 24. November an der Volksoper Premiere und er wird den Ehemann verkörpern.
Nächste Herausforderung mit tiefer Bedeutung
Für jemanden mit russischer Abstammung bedeutet dieses Werk etwas ganz Besonderes. Jeder kennt bei uns diesen Roman und hat Mitleid mit dieser Frau, erklärt er seinen Zugang zum Stoff der Handlung. Ich lebe damit von Kindesbeinen an, natürlich haben wir den Roman in der Schule gelesen und eine russische Verfilmung davon gesehen. Das Schicksal von Anna Karenina ist in meinem Herzen, durch die Verwendung von Tschaikowskis Musik gleich noch einmal so tief. Zu seiner persönlichen Einstimmung auf die Rolle flog er diesen Sommer extra nach St. Petersburg, um an den Originalschauplätzen die schicksalsträchtige Geschichte auf sich wirken zu lassen. Als Premierenbesetzung wird neben Kourlaev als Karenin auch Olga Esina als Anna und Vladimir Shishov als Gegenspieler Wronski zu sehen sein.
Beziehungen als Lebenserfahrung
Jeder von uns hat schon Liebesbeziehungen erlebt und kann daher nachfühlen, wie es den 3 Protagonisten ergeht. Liebe ist schon immer ein Thema für die Menschen gewesen und auch im Leben gibt es nicht immer ein Happy-End, meint er. Die Technik hat sich seit der Entstehungszeit des Romans weiterentwickelt, die Moral der Gesellschaft jedoch nicht wesentlich.
Obwohl noch jung an Jahren wird Kirill Kourlaev dem Ehemann Gestalt verleihen. Er hat viel Sympathie für Karenin. Er ist viel älter als Anna, etwas langweilig, aber ein angesehener Mann der Öffentlichkeit, der sich bemüht seine Familie zu retten. Um die Liebe seiner Frau kämpft er mit den Möglichkeiten seiner Zeit unter dem Zwang der gesellschaftlichen Konventionen, charakterisiert er seinen Part. Anna dagegen ist jung und schön, aber unglücklich. Sie sucht Liebe und Glück, findet aber nur Verrat und hat unter dem Druck der Gesellschaft keinen anderen Ausweg als den Freitod.
Choreographie in expressionistischer Eindringlichkeit
Choreograph Boris Eifman hat die tragische Dreiecksgeschichte in dem ihm so eigenen Tanzstil umgesetzt. Seine plakativen, dynamischen Bewegungsformen machen die sich aufbauende Dramatik deutlich sichtbar. Bei Eifman hat jeder Schritt seine Bedeutung, es gibt keine leeren Gesten. Daher muss auch bei den Proben immer voll gearbeitet werden, gibt es auch in der Erarbeitungsphase keine Schonung. Seit Anfang September laufen die Vorbereitungen. Es gibt viele Pas de deux mit spektakulären Hebungen, hier muss jeder Griff perfekt sitzen. Probenleiterin Olga Kalmykowa ist streng, trotzdem kommt der Spaß an der Arbeit nicht zu kurz. Zur Schlussphase im November wird der Choreograph selbst nach Wien kommen, um die Produktion zu überwachen. Dass dann die Proben noch intensiver werden, ist sich Kirill Kourlaev bewusst, denn Boris Eifman ist bekannt dafür, von seinen Tänzern stets das äußerste zu verlangen. Am Ende der Proben ist man erschöpft und todmüde, aber glücklich, etwas erreicht zu haben. Kourlaev ist sehr froh, dass er sich mit dieser besonderen Partie bewähren darf und kann die Premiere daher kaum erwarten: Es ist mir so wichtig, mich mit meinen Emotionen hier einbringen zu können.
Ausdrucksstärke gepaart mit Technik
Früher in der Ballettschule wollte er als Heißsporn so wie viele andere auch nur möglichst viele tolle Sprünge oder Pirouetten zeigen. Jetzt sieht er die Sache differenzierter. Tanz ist nicht nur Technik, Ausdruck und Intensität sind mindestens genauso wichtig! Als Tänzer will er daher das Publikum berühren. Er hat daher auch keine spezielle Lieblingsrolle, ist offen für alle Angebote. Vielseitigkeit ist ihm ein Anliegen, denn man entwickelt sich viel mehr, wenn man Verschiedenes ausprobiert und nicht nur in eine Richtung geht. Der Franz war nach Partien wie u.a. Crassus (Spartakus) oder William (Wie es euch gefällt) seine erste richtige Hauptrolle. Neben technischer Präzision kam es hier auch besonders auf Ausstrahlung und Schauspiel an. Natürlich sieht er es als ganz besonderes Auszeichnung an, von einem Choreographen ausgewählt zu werden, eine neue Partie zu kreieren wie zuletzt bei Renard oder Tschaikowski Impressionen.
Vom sportlichen Knaben zum vielseitigen Tänzer
Mit 6 Jahren steckte seine Mutter den aufgeweckten Buben in eine private Ballettschule, da er starken Bewegungsdrang hatte und v.a. vom Applaus sehr fasziniert war, wenn er in Theatervorstellungen saß. Mit 10 Jahren wechselte er an die klassische Ballettschule in Moskau, betrieb aber vorerst weiterhin parallel dazu professionell Leistungssport wie Schwimmen, Akrobatik und Taekwondo. So oft es ging, trainierte er freiwillig zusätzlich bei den Tänzern des Bolshoi Balletts mit. Dort wurde er von Alex Ursuliak entdeckt, der den talentierten Jüngling nach St. Pölten ans Ballettkonservatorium von Michael Fichtenbaum holte. Ursuliak wurde dort sein ihn formender und fördernder Lehrer. So früh die Familie zu verlassen und in ein Land fern der Heimat ohne Sprachkenntnisse zu gehen, fiel ihm anfangs sehr schwer, aber viele Menschen halfen ihm in dieser Anfangsperiode der Eingewöhnung. Sie haben ihm das ungewohnte Leben leichter gemacht, ist er noch heute dankbar. Das Abschlussjahr absolvierte der aufstrebende Bursche an der Bundestheaterballettschule, wo er auf Renato Zanella traf. Dieser schuf einerseits ein Solo für den Prix de Lausanne für ihn, andererseits holte er ihn zunächst als Eleven in die Compagnie, dann 2001 mit Vertrag. Beim Prix de Lausanne kam er bis ins Semifinale, beim österreichischen Ballettcontest 2000 errang er den 3.Platz. Wettbewerbe sind gute und notwendige Erfahrungen für junge Tänzer, meint Kourlaev, aber wichtiger sei es, sich im Ensemble zu bewähren. Was ihm gelungen zu sein scheint, denn bereits 2004 avancierte der junge Tänzer zum Halbsolisten. Seinen beiden Ballettdirektoren verdankt er viel Renato Zanella gab ihm sein 1.Engagement sowie das Avancement und Gyula Harangozó unterstützt ihn mit anspruchsvollen Aufgaben.
Russische Seele
Wo fühlt er sich zu Hause? Dort wo meine Seele Ruhe findet, ist er dann wieder ganz der melancholische Russe (trotz der mittlerweile erworbenen österreichischen Staatsbürgerschaft). Er vermisst immer, was gerade nicht da ist - in Moskau hat er seine Familie, in Wien die vielen Freunde. So hält er immer noch innigen Kontakt zu seiner Verwandtschaft, gegenseitige Besuche sind häufig. Familiären Tänzerhintergrund hat er eigentlich keinen - seine Oma war Ärztin, die Mutter ist Sprachwissenschafterin und der Vater Physiker; der ältere Bruder unterrichtet als Jurist an der Universität in Moskau Bürgerrecht doch Musik spielte immer eine große Rolle, denn jeder in der Familie spielt Klavier.
Das Heute als Lebensmotto
Welche Pläne hat er für sich selbst? Wenn er nicht gerade probt oder Auftritte hat, erholt er sich zum Ausgleich mit Lesen oder in der freien Natur, macht gern Ausflüge, um Österreich näher zu erkunden. Das Leben ist so kurz, man muss es nützen und genießen nach dem Motto Carpe diem und so ist er stets bereit für alle neuen Eindrücke. Er wünscht sich so viel wie möglich im Leben zu erreichen. Man sieht immer wieder, wie schnell alles anders sein kann, sinniert er. Ich versuche daher im Heute zu leben. Was das Ballett betrifft, will ich alle Rollen tanzen, in denen ich auch meine Emotionen ausdrücken kann.
Ira Werbowsky
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