Shoko Nakamura

Die Solistin des Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper verabschiedet sich mit Dornröschen

„Die wichtigen Änderungen in meinem Leben sind mir immer passiert, ich habe sie nie selbst angestrebt“, meint Shoko Nakamura, (Noch-)Solistin im Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper. Natürlich waren diese Änderungen Folgen ihres ungeheuren Eifers und großer Disziplin – und so führt sie ihr Weg von Fukuoka über Lausanne, Stuttgart, Nürnberg und Wien ab Herbst nach Berlin.

Offen für Neues

Durch den sportliche Hintergrund der Eltern bedingt (die Mutter spielt Basketball, der Vater ist Turner) kam Klein-Shoko samt der um 3 Jahre jüngeren Schwester Joko schon früh in eine private Ballettschule, damit die Mädchen „schöne Körper“ bekommen. Shoko stürzte sich ins harte Training und absolvierte zahlreiche Wettbewerbe – wie in Japan üblich, wo der Wettkampf als strenge Schule fürs Leben gesehen wird. So wurde sie auch mit 16 Jahren zum Prix de Lausanne geschickt und gewann dort ein Stipendium für die John Cranko Ballettschule in Stuttgart (damaliger Leiter: Alex Ursuliak). Also reiste die gesamte Familie nach Europa, um Shoko die erste Zeit der Eingewöhnung zu erleichtern. Sobald sie jedoch wieder allein war, fühlte sie sich einsam und verloren, sie war nur beim Tanzen glücklich. Bei ihrer Pädagogin, der Ostdeutschen Frau Mittreuter, hat sie alles Wichtige gelernt. Deren Maxime war „Du musst deinen Weg für deinen Körper finden.“ Also perfektionierte Shoko ihre Technik, modellierte durch die Muskelarbeit ihren Körper gleichsam wie eine Skulptur. 1999 wurde sie Elevin am Stuttgarter Ballett, danach gastierte sie für ein Kaspar Hauser-Ballett in Nürnberg bei Ballettchefin Daniela Kurz.

Wechsel nach Wien

Schwester Joko vervollständigte mittlerweile ihre Ballettstudien in Hamburg und so folgte ihr Shoko nach, um sich von dort aus für weitere Verpflichtungen vorzubereiten. Bei einer Audition in Wien wurde sie von Renato Zanella entdeckt und erhielt ein Engagement. „Ich machte eine Attitüde und bin damit Carlos Gacio aufgefallen“, erinnert sie sich. 2002 zur Solistin ernannt, tanzte sie in klassischen und zeitgenössischen Stücken, darunter „Die Bajadere“ (Gamsatti), „Verdi Ballett: Ein Maskenball“ (Winter), zuletzt unter Harangozó „Coppélia“ (Puppe Coppélia), sowie Hauptpartien in „Thema und Variationen“, „Serenade“, „Apollo“, „Petite Mort“, „Alles Walzer“.
Die groß gewachsene Ballerina kreierte in den darauf folgenden Jahren Partien u.a. in Zanella´s „Duke´s Nuts“ und „Petruschka“.


Debut zum Abschied

Zu ihrem Wien-Abschied erarbeitete sie noch eine neue Rolle. „Ich bin Aurora“, strahlt sie. Als „Dornröschen“-Prinzessin darf sie auch viel Rollengestaltung einbringen, was ihr immer ein großes Anliegen ist. Auch die Doppelrolle der Odette/Odile ist für sie eine schöne Herausforderung gewesen, aber Shoko findet, dass sie hier in den Ausdrucksmöglichkeiten zu eingeschränkt ist, empfindet sie die Schwanenprinzesin doch als Kunstfigur und erscheint ihr Aurora mehr „lebendig“ zu sein. Wie bereitet sie sich auf eine neue Rolle vor? Sie versetzt sich ganz in das Kommende, probiert auch im täglichen Training immer ein bisschen vom jeweiligen verlangten Stil einzubringen. Für die Aurora will sie viele Facetten zeigen, vom unbeschwerten Teenager bis zur erwachsenen Frau. Nicht nur Choreograph Sir Peter Wright war von ihr bereits in der Erarbeitungsphase begeistert, auch das Publikum bejubelte sie bei ihrem Debut. Dabei wäre die Giselle auch noch so eine Wunschrolle, die sie gern für ihre Mutter tanzen möchte, wie sie schüchtern anmerkt. „Ich durfte Myrtha sein, bedauert sie. „Aber leider noch nie Giselle. Ich will so gern Gefühl auf der Bühne zeigen und nicht nur Technik“.

Erfüllte Träume

Nie hätte sie gedacht so „weit“ zu kommen. Natürlich träumte sie als kleines Mädchen davon Ballerina zu werden, aber nie hätte sie zu hoffen gewagt, alle die schönen Prinzessinenrollen in den wunderschönen Kostümen auch tatsächlich zu tanzen. Sie ist sehr froh, wie alles gekommen ist. Vladimir Malakhov hat ihr einen Vertrag als Solistin im Staatsballett Berlin angeboten und sie hat gerne angenommen. „Ich glaube, dass es Zeit für einen Wechsel ist“, freut sie sich auf das attraktive Repertoire in Berlin. V.a. die Balanchine–Werke haben es ihr angetan. „Die sind so schön anzuschauen, aber sie sind so schwer und konditionsraubend“, sieht sie sich zwar in erster Linie als klassische Tänzerin, die aber doch gern auch Anderes tanzen möchte. „Mein Körper ist das nicht gewöhnt, ich muss noch an meinem Bewegungsgefühl arbeiten“, ist sie strenger als nötig mit sich. Für Stücke wie von Balanchine braucht man ein anderes Körpererleben und muss die Atmung auch anders spüren“, erläutert sie. Von klein auf hat sie gelernt hart zu arbeiten und zu kämpfen. „Man ist gern bequem, es ist schwierig, das zu überwinden“, meint sie. Unvorstellbar, dass Shoko jemals faul sein könnte. Wenn sie nicht trainiert oder probiert, schaut sie den Kolleginnen zu oder sieht sich Ballettvideos an. Sie will immer und von allen lernen. Daher war sie auch Margaret Illmann für deren Ratschläge sehr dankbar.
Was möchte sie noch erreichen? „Ich bin glücklich, wie es ist“, antwortet sie bescheiden.“ Für mich hat sich bereits so viel erfüllt.“

Auf dem Weg zum Weltstar

Mit Malakhov hat sie bald den Bekanntheitsgrad in Japan gemeinsam. Obwohl ihr Startum fern liegt, ist sie bereits sehr bekannt in ihrer Heimat. Das japanische Fernsehen drehte einen Bericht über sie und so reisen bereits Scharen von Fans zu ihren Vorstellungen nach Wien. Zuletzt wartete eine ganze Ballettschulklasse nach einer „Schwanensee“-Vorstellung auf sie beim Bühneneingang.
Ihre Heimat vermisst sie immer noch, daher freut sie sich besonders auf den Urlaub zu Hause. Derzeit ist ihre Familie in Wien zu Besuch, um ihre Abschiedsvorstellung hier zu sehen. Im Sommer wird sie in Japan nicht nur eine Gala tanzen, sondern auch Massagen nehmen, um sich bestens körperlich vorzubereiten, damit sie sich frisch und voller Energie auf die neuen Aufgaben ab September stürzen kann.
Selbst zu choreographieren traut sie sich nicht zu, dafür will sie lieber alles tanzen, was sich ihr bietet. „Ich möchte meine Seele mit meinem Tanz für das Publikum geben“. Künftig leider in Berlin

Ira Werbowsky

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