Jirí Jelinek
Sympathisch als Prinz wie als Bösewicht
Alter als Rollenvorteil
Obwohl erst 28 Jahre jung, blickt er doch bereits auf mehrfache Erfahrungen mit der Figur des Onegin zurück. Am Beginn seiner Tänzerkarriere tanzte er diesen Part in Vasilij Medvedevs Version in Prag, ebenfalls zu Tschaikowski-Musik. Vor 3 Jahren durfte er in Stuttgart erstmals diese Rolle interpretieren. Natürlich hat sich seine Rollengestaltung seither immer wieder verändert und intensiviert. Die wichtigste Erkenntnis um den Onegin zu tanzen ist, dass hier das Alter ein Vorteil ist, meint er. Als Tänzer wird man als Onegin umso überzeugender, je reifer, erfahrender und älter man ist. Auch den Fürst Gremin tanzt er gern. Alle Rollen, in denen viel Krafteinsatz erforderlich ist, liegen ihm besonders.
Ersatzpartnerin als Glücksfall
Für seinen Erstauftritt in Wien hat er sich sorgfältig mit der Berliner Ballerina Polina Semionova vorbereitet. Ihren kurzfristigen Ausfall wegen eines Bänderrisses bedauert er sehr. Glücklicherweise fand er in Sue Jin Kang einen perfekten Ersatz. Damals, bei einem Jour fixe-Gespräch der John Cranko-Gesellschaft, hatte er angegeben, gern einmal mit der zierliche Koreanerin tanzen zu wollen. Der Wusch erfüllte sich bald danach - und sie war seine Tatjana, ist es immer noch, tanzen die beiden doch ausschließlich in Onegin miteinander. War sie zunächst eine große Hilfe für ihn bei der Erarbeitung, sind die beiden mittlerweile ein eingespieltes Dream-Team. Jeder Griff sitzt, dem Gefühl kann breiter Raum gegeben werden. Um sich in Wien zu orientieren, tanzte er die beiden Hauptproben mit Irina Tsymbal, erst für die Generalprobe konnte Frau Kang anreisen.
Künstlerische Familie
Der junge Prager wurde in seiner Heimatstadt ausgebildet. Meine älteren Geschwister waren bereits in der Ballettschule, also schickte meine Mutter auch mich hin, erinnert er sich an seine Anfänge. Trotz eines sofortigen Vertragsangebotes nach Abschluss seiner Ballettstudien zog er es vor, sich mangels freier Stelle im Hamburger Ensemble - vorerst noch an John Neumeiers Ballettzentrum fortzubilden. Erst danach trat er ins Ballett des Prager Nationaltheaters ein und tanzte dort ein breit gestreutes Repertoire, u.a. arbeitete er dort auch mit dem weltberühmten Choreographen Jirí Kylián.
Stuttgart Compagnie mit neuen Aufgaben
Nachdem er bereits 1998 zum Ersten Solisten avancierte, suchte er für sich wieder neue Herausforderungen. Er kam zum Vortanzen nach Stuttgart und blieb als Corps de ballet-Tänzer. Schon bald erregte er Aufsehen, wie z.B. in Uwe Scholz´s Siebter Sinfonie oder als Mortimer in David Bintleys Edward II, so dass auch in seiner neuen tänzerischen Heimstätte die Ernennung zum Solisten (2001) sowie zum Ersten Solisten (2004) nicht lange auf sich warten ließ. Trotz seines athletischen Körperbaues ist er gleichermaßen als Danseur noble wie als Charakter einsetzbar. Ich habe das Glück, sowohl den Romeo als auch den Tybalt zu tanzen, ist er über seine Vielseitigkeit erfreut. Besonders die Bösewichte liegen ihm. Als er mit Christian Spuck für dessen Lulu probte, verlangte man von ihm, er solle Lulu töten. Also hab ich mein Bestes gegeben, sie zu ermorden, lacht er spitzbübisch. Danach waren einige seiner Kollegen sehr vorsichtig im Umgang mit ihm
Wandlungsfähigkeit und Vielseitigkeit als Plus
Er tanzt alle männlichen Hauptrollen in den großen Handlungsballetten und ist auch in den modernen Stücken oftmals eingesetzt, wie derzeit in Sacre von Glen Tetley oder demnächst in Christian Spuck´s neuester Schöpfung Der Sandmann. Die großen Partien in den Cranko-Balletten (Onegin, Romeo, Petrucchio) hat er bereits alle intus. Er ist immer bemüht, mit seiner Ausdrucksstärke das Publikum zu berühren. Die neoklassischen Stücke sind ihm persönlich aber am liebsten, wie die Piecen von Kylián oder Bintley. Als zukünftige Aufgabe wäre er sehr glücklich, von John Neumeier für die Stuttgarter Kameliendame besetzt zu werden. Nach dem Stanley aus Endstation Sehnsucht ergäbe das für Jelinek eine weitere Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Choreographen.
Musik als Hobby
In seiner knappen Freizeit geht er gern ins Fitness-Center. Die von ihm früher ausgeübten Sportarten wie Basketball, Kung-Fu, Karate und Boxen hat er aus Zeitgründen aufgegeben. Dafür begann er letzten Urlaub zu surfen, auch fotografieren mag er. Musik fasziniert ihn besonders. Bei seinen Besuchen in Prag bei Familie und Freunden kann es daher durchaus vorkommen, dass er in Discos als DJ (!) aktiv wird. Das gefällt dem Allround-Talent als entspannender Ausgleich besonders.
Ira Werbowski
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