ALESSANDRA PASQUALI: EINE ITALIENERIN IN BERLIN
Seit dieser Spielzeit tanzt Alessandra Pasquali beim Staatsballett Berlin. Die gebürtige Südtirolerin aus Bozen wechselte nach 12 Jahren beim Wiener Staatsopernballett in die deutsche Metropole.
Mut zu Neuanfang
An meinem letzten Geburtstag habe ich mir etwas Neues gewünscht, hatte aber keine klare Vorstellung, was ich damit gemeint habe, berichtet sie über ihren Wechsel von Wien nach Berlin. Tags darauf rief mich Vladimir Malakhov an und hat mir einen Vertrag angeboten und ich habe zugegriffen! Obwohl sie sehr glücklich über dieses unerwartete Angebot war, überlegte sie doch sehr gründlich, es anzunehmen, handelte es sich doch um eine sehr einschneidende Lebensentscheidung. Sie freute sich riesig über die schicksalhafte rasche Erfüllung ihres Geburtstagswunsches. Aber dennoch ging sie schweren Herzens vom Wiener Staatsopernballett weg. Sie hat sich in einem Dutzend Jahre hier in Wien sehr wohl gefühlt und viele Freunde gefunden. Nach so langer Zeit noch einmal einen Neuanfang bei einer anderen Compagnie zu wagen, fiel ihr zunächst nicht leicht, doch mittlerweile hat sie sich in Berlin samt ihrer Katze gut eingelebt. Sie genießt in den wenigen freien Stunden gern die pulsierende Großstadt.
Vertrautheit in der neuen Stadt
Der Zufall wollte es, dass sie ihre Wohnung genau neben Rainer Krenstetter bezog, ihrem aus Wien stammenden Kollegen beim Staatsballett. Ich war im Sommer für ein Wochenende in der Stadt, um mir Wohnungen anzusehen. Als die Maklerin bei einem Objekt sagte, dass nebenan auch ein Tänzer wohnen würde, griff ich doppelt gern zu, als ich den Namen hörte, freut sie sich auch jetzt noch über die unmittelbare Nachbarschaft. Ihr Kollege war sprachlos, als er die neue Nachbarin Ende August sozusagen kennen lernte. Die Überraschung war gelungen! Sie haben in Wien schon miteinander getanzt und freuten sich beide sehr über diese unerwartete Schicksalsfügung.
Bolzano Danza als ausschlaggebender Impuls
Ihre Tänzerkarriere verdankt Alessandra Pasquali eigentlich Bolzano Danza, dem Sommertanzfestival ihrer Heimatstadt. Ihre Mutter, die aus Australien stammte und der Liebe wegen in Italien geblieben war, arbeitet dort als Dolmetscherin. Wie so viele andere kleine Mädchen nahm auch sie dort Ballettunterricht, ihr Lehrer Frank Freeman erkannte ihr Talent und schlug ihr eine professionelle Ausbildung an der Elmhurst Ballet School in England vor. In dieser äußerst strengen Schule nach dem Royal Akademischen System verzehrte sie sich vor Heimweh nach ihrer Familie. Sie war nur glücklich, wenn sie in den Ferien wieder zu Hause war. Dann kam die große Krise, sie wollte mit dem tanzen aufhören und ein normales Leben als Teenager führen. Ihr Lehrer Freeman wusste sie richtig zu packen: Wie du willst, es ist deine Entscheidung. Aber wenn du jetzt aufgibst, wirst du nie wissen, wie gut du gewesen wärst. Mit diesem Satz kehrte erneut der Ehrgeiz zurück und sie schloss ihre Ausbildung mit einem Diplom ab. Aus Dankbarkeit ihrem ersten Lehrer gegenüber und um über die Theaterpause in Form zu bleiben - nahm sie weiterhin jahrelang jeden Sommer Ballettunterricht bei Bolzanao Danza, auch als sie bereits in Wien unter Vertrag stand.
Wien als Karrierestart
Der zweite Mensch, der ihr Ballettleben nachhaltig beeinflusst hatte, war Anne Wooliams. Beim Vortanzen in Wien fühlte sie sich schlecht, war enttäuscht von ihrer wie sie dachte - mäßigen Leistung und war sich sicher, die Chance verspielt zu haben. Doch die damalige Wiener Ballettdirektorin nahm Alessandra Pasquali unter Vertrag. Ich suche eine Persönlichkeit, keine gewöhnliche Tänzerin, sagte sie zu mir, erinnert sie sich.
In den vergangenen Jahren tanzte sie 1998 zur Halbsolistin ernannt - viele schöne Rollen, darunter am liebsten eine von Aschenbrödels fiesen Schwestern, die Prinzessin vom Blauen Vogel in Dornröschen, eine Freundin von Raymonda, den Bauern Pas de deux in Giselle und die Giovanna Bassi in Malakhov´s Verdi-Ballett: Ein Maskenball.
Gastspiele mit dem Staatsopernballett führten sie u.a. nach Madrid, weiters gastierte sie in Berlin, Moskau, Jekaterinenburg, Rom, Spoleto, Istanbul und Sarajewo. Gern denkt sie auch an ihren Auftritt 1999 im Bozener Alten Theater im Haus der Kultur zurück.
Berlin als Herausforderung
Von Vladimir Malakhov, ihrem jetzigen Ballettchef, ist sie sehr begeistert. Obwohl neu im Ensemble, bekam sie bereits viele interessante Partien übertragen, darunter ein der beiden Kurtisanen in Manon sowie einen der 4 kleinen Schwäne. Das war schon ein sentimentales Gefühl, da sie als Kurtisane bereits in Wien auf der Bühne gestanden war. In der aktuellen Dornröschen-Produktion von Malakhov hat sie als Cinderella eine Rolle kreiert. Bei den kleinen Schwänen musste sie sehr aufpassen, da sie die Wiener Nurejew-Fassung im Blut hat, in Berlin aber die Schwanensee-Version von Patrice Bart auf dem Spielplan steht, in der es viele kleine Änderungen gibt.
Weitere Rollenübernahmen stehen auch schon bevor. In "Sinfonie in D" von Jiri Kylian tanzt sie einen Pas de deux. Bei einer internen Audition für William Forsythe's "Second Detail" mit Premiere im März wurde sie für die erste Besetzung ausgewählt. Sie freut sich schon sehr darauf, dass sie dann gemeinsam mit Polina Semionova, Beatrice Knop und Nadia Saidakova) unter den 6 Mädchen und 6 Burschen für dieses Stück ist.
Tanz als große Liebe
Ballett ist für Alessandra Pasquali ein Lebensgefühl, das 24 Stunden andauert. Man bezahlt für jede Zigarette, jedes Gläschen Wein, jedes zu lange aufbleiben, erklärt sie. Trotzdem liebt sie alles am Tanz die künstlerische Herausforderung, die tägliche Disziplin, die Logik der Bewegungen. Für Ballett braucht man neben den körperlichen Voraussetzungen Musikalität, Glück und Intelligenz, meint sie. Wenn nur eines dieser Dinge fehlt, hat man keine Chance. Nach jeder Ballettaufführung bekommt man dann vom Publikum den Dank für die harte Arbeit zurück, für den maximalen persönlichen Einsatz, sieht sie sich belohnt. Dann kann ich auf mich stolz sein, ohne damit überheblich sein zu wollen, denn man weiß immer selber am besten, wie gut man in der Vorstellung war, meint sie. Daher schätzt sie ihre Arbeit jeden Tag aufs neue. Der Gedanke daran zu tanzen, lässt am Morgen die bei jedem Tänzer manchmal auftauchenden kleinen Schmerzen verfliegen und gibt ihr sofort die Lust und Liebe am Ballett zurück.
Ira Werbowsky
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