Neue Ballettkreation für Wien
Ivan Cavallari: Handlungsballette als chreografische Herausforderung
Die erste Premiere des Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper wird von Ivan Cavallari gestaltet. Am 19.November hat sein Tanzstück Tschaikowski Impressionen Uraufführung an der Volksoper. Seit September ist der sympathische Italiener in Wien und probt mit den TänzerInnen. Sein Konzept war längst fertig, bevor er im Ballettsaal mit der Einstudierung begann, hatte er doch schon seit langem geplant, ein Ballett über den russischen Komponisten zu kreieren. Seiner ursprünglichen Idee nach wollte er Tschaikowski mit Shakespeare-Themen tänzerisch umsetzen, jedoch hatte ihn die Musik zu The Tempest nicht überzeugt. So orientierte er sich schließlich an den Theorien über Tschaikowskis Tod und war da vor allem von der Möglichkeit eines erzwungenen Selbstmordes mit Gift fasziniert.
Der Komponist als Hauptfigur in einem Ballett
In seinem zweiaktigen Stück wird in Rückblenden das Leben Tschaikowskis ablaufen, findet sich der geniale russische Komponist in den Figuren seiner Ballette wieder. Natürlich ist auch der Briefwechsel mit Nadeshda von Meck ein wesentliches Thema. Um der Vielschichtigkeit Tschaikowskis gerecht zu werden, führt Ivan Cavallari nicht nur die Figur des Alter Ego ein, auch Gesang und Sprache haben ihren wichtigen Platz in dieser Tanzkreation. Nach der Pause wird dann im Werk mit einer überraschenden Wende der Gegenwartsbezug hergestellt.
Die tänzerische Stilrichtung reicht von neoklassisch bis modern, sieht doch Cavallari das klassische Training als unverzichtbare Basis für jedwede Mobilität im Körper an. In den diversen Besetzungen wird es für die Zuschauer ein Wiedersehen u.a. mit Tamás Solymosi als Tschaikowski und Christian Rovny als Alter Ego geben. Man darf jedenfalls gespannt sein!
Die Einladung von Ballettdirektor Gyula Harangozó an ihn für diese Zusammenarbeit erfolgte in Budapest, als Cavallari dort John Cranko´s Onegin einstudierte. Durch den Wechsel von Harangozó nach Wien und die Übernahme der neu konstituierten Compagnie ergab es sich, dass diese Kooperation nun hier statt in der ungarischen Metropole umgesetzt wird.
Handlungsballette als choreographische Herausforderung
Ivan Cavallari ist es ein besonderes Anliegen, abendfüllende Ballette mit Inhalt zu schaffen. Neue Handlungsballette fehlen ihm in der Tanzwelt. Auch als Tänzer hatte er immer einen besonderen Bezug zu den Handlungsballetten. Hier hat er sich stets als Einheit mit dem Ballett gefühlt, war in der Verkörperung der Rolle außer mit dem Tanz und dem Schauspiel immer mit seiner Seele involviert. Man muss 100%ig dabei sein, setzt er hohe Maßstäbe an. Handlungsballette sind für einen Choreographen eine ganz besondere Herausforderung und diese Richtung ist es, die ich für mich nehmen möchte, erläutert er sein kreatives Vorhaben. Der Fortgang der Geschehnisse muss seiner Meinung nach ohne Studium des Programmheftes deutlich nachvollziehbar sein, ist er sich der Schwierigkeit der selbstgestellten Aufgabe durchaus bewusst.
Neue Karriere als Choreograph
Natürlich hat er bereits viele kleine Piecen für verschiedene Ensembles und Anlässe geschaffen. Auch in diesen Stücken ist er darum bemüht, nicht nur Schritte zu zeigen, sondern Atmosphäre aufzubauen, eine kurze Geschichte zu erzählen. Dazu setzt er gern Bühnenbild und Kostüme ein, er ist weniger ein Verfechter des nackten abstrakten Tanzens. Für seine langjährige Partnerin Sonia Santiago entstand per Sonia (1999), das vielfach auch in anderen Besetzungen getanzt wurde. Für das Stuttgarter Ballett choreographierte er den Pas de deux Fishy (1998) mit Bridget Breiner für eine Veranstaltung der Jungen Choreographen der Noverre-Gesellschaft. Später wurde dieses Werk dann vom Theater in St.Quentin /Paris übernommen. Zur Eröffnung einer Franz MarcAusstellung in der Staatsgalerie Stuttgart schuf er im Auftrag der Landesbank Baden Württemberg das Stück Gelb, Blau, Rot (2000). Für das Ensemble in Lodz (unter der damaligen Leitung von Giorgio Madia) lieferte er einen Beitrag zum Verdi-Abend Giuseppe. Für Mannheim entstand 2001 Schiffbrüchige. Einen Riesenerfolg feierte er in China mit seiner ersten großen abendfüllenden Kreation - Der letzte Kaiser (2002), mit der man auch in Europa auf Tournee war. Diese 2 aktige Mammutproduktion, wie er es selbst nennt, ist mit 60 und 70 Minuten Spielzeit als Aktlänge sehr ausführlich geraten. Die Chinesen waren von diesem Werk so begeistert, dass es insgesamt mit 6 Preisen ausgezeichnet wurde, darunter für die beste Choreographie des Jahres, den besten Tänzer und die beste Compagnie.
Überraschender Rückzug als Tänzer von der Bühne
Der ehemalige Erste Solotänzer des Stuttgarter Balletts hatte mit Ende der Spielzeit 1999/2000 völlig überraschend seine Tänzerkarriere beendet. Der in Bozen geborene hochbegabte Ballettschüler wurde noch während seiner Ausbildung an der Ballettschule des Teatro alla Scala (Mailand) von seinen Lehrern mit einem Stipendium nach Moskau an die Bolshoi-Ballettschule geschickt, wo er sein Diplom machte. Nach einer Saison in Mailand an der Scala wechselte er nach Stuttgart.
In 14 Jahren Engagement in der weltberühmten deutschen Compagnie interpretierte er alle bedeutenden Rollen des Repertoires. Ich tanzte unter anderem Albrecht und Hilarion, ich war Onegin ebenso wie Lenski und Fürst Gremin, ich trat als Petrucchio auf und als Lucentio, verkörperte den Prinz Desiré und die Carabosse, erinnert er sich gern an diese Zeit zurück. Diese letztgenannte Rolle hatte er auch in seiner Abschiedsvorstellung am 26.Juli 2000 inne. In der von ihm so fulminanten sinnlich-erotischen Interpretation der bösen Fee, die als verletzte, gekränkte Frau sich für die Zurückweisung rächt, sah ihn sein Publikum zum letzten Mal auf der Bühne.
Bewusster Wechsel in ein neues Metier
Tänzerisch hatte er für sich einen Plafond erreicht, der für ihn nicht mehr überbietbar schien. Er suchte nach neuen Herausforderungen und wagte den Schritt in eine neue Zukunft zu einem für einen Tänzer altersmäßig sehr frühen Zeitpunkt. Einerseits wollte er von der Bühne abtreten, so lange er noch in Bestform war und andererseits entschied er sich deshalb so früh zu gehen, damit er noch genug Zeit hätte, sich anderweitig weiter zu entwickeln. Damit hatte er ganz bewusst einen Schlusspunkt in seiner aktiven Tänzerlaufbahn gesetzt. Besser man ist auf den unvermeidlichen Abgang vorbereitet, als man wird davon plötzlich überrascht. Ich wollte kreativ bleiben, erklärt er seinen Entschluss. Andere Perspektiven mit offenen Augen sehen und meine jahrelang erworbenen Erfahrungen an andere Tänzer weitergeben, damit sie nicht Zeit mit Fehlern verlieren, die vermieden werden können. Seither arbeitet er als Pädagoge, ist u.a. ständiger Gastlehrer bei den Ballettensembles in Stuttgart und Prag. Aufträge für Choreographen führten ihn bereits um die ganze Welt. Vielfach studiert er auch Cranko-Ballette ein. In dieser Funktion wird es mit ihm auch im Frühjahr in Wien ein Wiedersehen für Onegin geben.
Zunächst gilt es aber als Choreograph mit den Tschaikowski Impressionen das Wiener Publikum zu erobern!
Ira Werbowsky
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