GYULA HARANGOZÓ
DIE HERAUSFORDERUNG HAT MICH GEFUNDEN
"Die Herausforderung hat mich gefunden"
So antwortet der designierte Direktor des neu zusammenzuführenden Balletts der Wr. Staatsoper und Volksoper auf die Frage nach den Beweggründen, diese Aufgabe zu übernehmen: Ich fühle mich eigentlich in Budapest sehr wohl, aber das Angebot aus Wien war einfach überwältigend, was die Vorstellungszahl, Künstler und Finanzen betrifft. Ich kann alles bestimmen und das war die Voraussetzung für mich, den Posten des Ballettchefs zu akzeptieren.
Auch in Budapest leitet er eine geteilte Compagnie, kann daher das Grundkonzept für Wien übernehmen. Es gibt eine kleinen Operntruppe, die in erster Linie nur die Balletteinlagen in den Opernaufführungen bestreitet, das übrige Ensemble betanzt Staatsoper und Erkel Theater, manchmal sogar gleichzeitig am selben Abend. Der Erfolg gibt im recht: die Ballettvorstellungen sind gut ausgelastet und die Nachfrage nach Karten ist groß. Nach 10 Jahren in der ungarischen Metropole kann er sich den Wechsel nach Wien durchaus vorstellen. Wien liegt mir am Herzen, ich mag diese Stadt, meint er. In gewisser Weise ist das auch eine Heimkehr, war Gyula Harangozó doch jahrelang als Erster Solotänzer an der Wr. Staatsoper engagiert. Seine Frau Irina Lebedjewa war ebenfalls Tänzerin hier. Aus dieser Zeit kennt er auch die Verhältnisse und Gegebenheiten. Selbstverständlich pendelte er jetzt im Herbst ständig zwischen Budapest und Wien hin und her, um alle TänzerInnen so oft wie möglich im Training, den Proben und Vorstellungen zu sehen, damit er sich ein eigenes Bild von ihnen machen konnte. Außerdem studierte er die Kollektivverträge und informierte sich über die aktuelle Situation. Die künftige Organisationsstruktur, die von Hr. Sense entwickelt wird, soll mit ihm bis Jahresende abgesprochen werden, bis Ende Jänner das Konzept abgesegnet sein.
Ab 1.September muss alles funktionieren. Ist es da nicht problematisch, so kurzfristig einen Spielplan zu entwerfen?
Nein. Die freischaffenden Stars der Oper sind viel schwieriger zu koordinieren. Das Ballett ist im Haus und daher flexibel, ich kann es in die fertige Saisonvorschau einfügen, entgegnet Hr. Harangozó. Als Routinier stellt er bereits zum 11. Mal ein Repertoire für eine Spielzeit zusammen.
In der Staatsoper muss er in erster Linie auf die volle Kassa achten, wie er erläutert. Also werden hier die beliebten abendfüllenden Handlungsballette zur Aufführung gelangen. Man muss respektieren, was das Publikum sehen will, man kann ihm keine Zwangsjacke anziehen, resümiert er. Eine Unterscheidung in verschiedene Preiskategorien bei den einzelnen Aufführungen sieht er als Abwertung der Tänzerleistung. So will er die Preisklasse B für alle Vorstellungen, wobei die Plätze mit schlechter Sicht etwas günstiger werden sollten.
In der Volksoper will er die moderneren Piecen spielen sowie lustige Stücke wie z.B. La Fille mal gardee. Nachmittagsvorstellungen hängen u.a. von der verfügbaren Stundenzahl für die Haustechnik ab.
Auch die Serie der Jungen Choreographen möchte er fortsetzen. Hier sieht er es nicht als Schwierigkeit an, den passenden Aufführungsort zu finden, sondern mit wem eine Kooperation möglich ist. Tänzern die Möglichkeit zu bieten, sich als Choreographen in der Arbeit mit den eigenen Kollegen zu bewähren ist ihm ein wichtiges Anliegen. In Budapest hat er dafür eine Art Prüfung im Ballettsaal eingeführt, wo geklärt wird, ob man mit der Idee bereits auf die Bühne gehen kann. Derartige Regulative helfen letztendlich den Tänzern und fördern deren Kreativität, da bei positivem Ergebnis die Infrastruktur des Opernhauses als Unterstützung zur Verfügung steht.
Viel wird derzeit über Kündigungen und neue Verträge gemunkelt. Wie wird die neue Compagnie zusammengesetzt sein?
Über konkrete Namen spricht er (noch) nicht. Fürs erste möchte er die Mitglieder beider Ensembles möglichst komplett übernehmen.
Auch die Leitung der Ballettschule wird in seinen Händen liegen. Aber um die kann ich mich erst im zweiten Jahr kümmern, alles auf einmal umzustrukturieren ist zu viel, setzt er Prioritäten. 90 Vorstellungen pro Saison wurden ihm zugesagt, davon 50 55 in der Staatsoper. Drei bis vier Premieren soll es im Jahr geben.
Auf jeden Fall gibt es am 9. Jänner ein Vortanzen. Ältere Kollegen will er mit Stückverträgen weiter binden, da seiner Meinung nach ein erfahrender Tänzer eine wahrheitsentsprechendere Ästhetik zeigt als wenn ein Junger auf alt geschminkt wird. Das Gehalt der Volksoperntänzer soll den übrigen angeglichen werden.
Die Administration könnte man zusammenziehen, dann gibt es für beide Häuser nur ein Hauptbüro. Das ist wie beim Zusammenleben in einer Ehe man spart Geld, wenn man die Kosten teilt, als Single zahlt jeder allein mehr, erklärt er seine Sparmaßnahmen.
Gasttänzer will er eher für ganze Ballettabende statt für Kurzauftritte bei Galas verpflichten. Bleibt man doch meist bei der Fülle an gebotenem Programm nach ein bis zwei Pas de deux weniger eindrucksvoll in Erinnerung als wenn man eine Rolle einen Abend hindurch gestaltet hat. Hier ist der Eindruck entschieden nachhaltiger.
Wie sieht es mit eigenen Choreographien aus? Hat ihm der überwältigende Erfolg seiner Schneewittchen-Version Lust auf mehr gemacht?
Obwohl als Sohn von Gyula Harangozó sen., dem bedeutenden ungarischen Choreographen, Charaktertänzer, Gründer und Direktor des ungarischen Nationalballetts erblich vorbelastet, verspürte er bislang nie selbst den Drang zur Kreativität. Auf der Suche nach einem passenden Sujet für ein Ballett eigens für Kinder, aber auch für Erwachsene, stieß er auf das Märchen vom Schneewittchen und den 7 Zwergen. Da er von der in Kiew gesehenen Fassung nicht begeistert war, entstand auf dem Rückflug nach Budapest flugs ein eigenes Konzept samt Libretto. Im Ballettbüro klappte alles, so hatte er den Rücken frei, seine Ideen in die Tat umzusetzen. Es war wie wenn man sich mit seinem Hobby von der tagtäglichen Arbeit ausruht, erinnert er sich an die Entstehungszeit. In Kentaur fand er einen kongenialen Partner für die Bühnenausstattung und Rita Velich schuf entzückende Kostüme. Die Musik stammte von Tibor Kocsák, der ursprünglich ein Musical aus dem Stoff hatte komponieren wollen. Ab der Premiere am 27.November wurde im Erkel-Theater eine Woche lang en suite mit täglich ausverkauften Vorstellungen gespielt, das Publikumsinteresse war überwältigend.
Als Ballettdirektor in Wien braucht er laut Vertrag nicht zu choreographieren, bestenfalls die Opernballeröffnung tänzerisch gestalten. Bevor er jedoch dieses Gefühl, unbedingt wieder choreographieren zu müssen, nicht wieder verspürt, will er es auch nicht mehr versuchen trotz des erfolgreichen Erstlings. Sehr wohl könnte er aber Inszenierungen von Ballettwerken vornehmen.
In Wien will Gyula Harangozó sich in erster Linie mit seiner Arbeit für die Compagnie profilieren.
Ira Werbowsky
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