25 Jahre Ballet Györ

Ein Traum wurde wahr

Die Gründung des Györ Ballet vor mittlerweile 25 Jahren klingt fast wie ein Märchen, entschied sich doch die Abschlussklasse der Staatlichen Ungarischen Ballettakademie des Jahrgangs 1977 dafür, zusammen zu bleiben und eine eigene Compagnie zu gründen. Da in Györ gerade ein neues Theater gebaut wurde, schien dieses Haus ideal als künftige Heimstätte. Tänzerisch ausschlaggebend waren die Choreographien „Sacre“ und „Firebird“ von Maurice Béjart, die bei den jungen ungarischen Tänzern nachhaltigen Eindruck hinterließen. So kontaktierten sie Iván Markó, Tänzer bei Béjart, und boten ihm den Direktorenposten des neugegründeten Ensembles an. Auch die Stadtverwaltung von Györ gab grünes Licht für dieses Vorhaben. „Unser aller Traum erfüllte sich,“ erzählt János Kiss. „Woran niemand geglaubt hatte, war auf einmal Tatsache. Es gab eine neue Compagnie in Ungarn!“ Am 2. November 1979 wurde mit der ersten Premiere die „Geburt“ dieses neuen Ballettkindes gefeiert. Iván Markó trat dabei erstmals als Choreograph in Erscheinung. Bereits im darauffolgenden Monat gab es die erste Einladung für ein Gastspiel – nach Mailand, an die Scala. Obwohl von öffentlicher Seite niemand ernsthaft an ein langes Bestehen der Truppe geglaubt hatte – Györ schien als Industriestandort nicht prädestiniert für Balletttanzkunst – setzte sich die junge aufstrebende Compagnie durch und etablierte sich. 1983 wurde eine eigene Ballettschule gegründet, in der einerseits die Tänzer des Ensembles unterrichteten und andrerseits der eigene Nachwuchs ausgebildet wurde.

Alles lief hervorragend, bis Iván Markó im Mai 1991 die Compagnie verließ und alle Rechte für seine zwischenzeitlich auf eine ansehnliche Zahl angewachsenen Choreographien mitnahm. Das war ein enormer Schlag für die Truppe, die sich jedoch nicht unterkriegen ließ. So schnell wollte man nicht aufgeben, man begann eben ein zweites Mal bei der Stunde Null. Mit viel Selbstvertrauen sollte wieder glücken, was schon einmal gelungen war. Die TänzerInnen baten János Kiss die Leitung zu übernehmen und so nahm er die Geschicke seiner ehemaligen KollegInnen in die Hand – bis heute äußerst erfolgreich. Zuversichtlich sagte er auch zu, die Eröffnungsfeier anlässlich des Papstbesuches in Budapest zu gestalten. “Ich war jung,“ meint er rückblickend. „Ich war mir nicht ganz bewusst, worauf ich mich da einließ.“ Immerhin hatte die katholische Kirche Ungarns damit das Györ Ballet beauftragt, die tänzerische Gestaltung im NEP-Stadion zu übernehmen. In knapp 2 Monaten Vorbereitungszeit wurde „Die Legende der Hl. Margarete“ erarbeitet und am 19.8.1991 trat das neue Györ Ballet erstmals öffentlich auf – vor 60.000 Gläubigen im Fußballstadion der Hauptstadt. Ein voller Erfolg!

Es dauerte aber weitere 2 Jahre, bis man genug Repertoire beisammen hatte, um wieder auf Tournee gehen zu können. Viele Choreographen, die die Compagnie von früher kannten, waren bereit, auch weiterhin mit den Tänzern zu arbeiten. Auch das hauseigene Publikum, das ja ganz auf Iván Markó eingestellt gewesen war, hielt der Truppe die Treue. Der Fortbestand war gesichert! In den Jahren seit der Krise gab es mittlerweile Auftritte in fast ganz Europa sowie in den USA. So wird es z.B. 2005 eine Tournee durch die BRD und Österreich geben.

Für János Kiss ist es wichtig, dass die Compagnie ständig ihren tänzerischen Horizont erweitert. Auf der Basis des klassischen Trainings ist es nicht sehr schwierig, andere Tanzstile auszuprobieren bzw. Choreographen zur Schaffung neuer Piecen zu interessieren und zu inspirieren. War früher in erster Linie die markante Handschrift von Iván Markó ein typisches Kennzeichen der Compagnie, so setzt János Kiss jetzt verstärkt auf Vielseitigkeit, was letztlich seinen TänzerInnen (und dem Publikum) zugute kommt. „In der heutigen Zeit ist Offenheit erstrebenswert, daher bemühen wir uns um ein weitgestreutes Repertoire, das viele verschieden Stilrichtungen beinhaltet und uns damit ein vielschichtiges Profil gibt“, erläutert er die Richtlinien .- Damit können nicht nur die mannigfaltigen Facetten der TänzerInnen optimal präsentiert werden, sondern auch das treue Publikum bekommt dadurch immer Interessantes geboten. In mehr als 90 Vorstellungen pro Jahr reüssiert die aus 30 TänzerInnen bestehende Truppe im In- und Ausland. Das Budget setzt sich aus 70% Unterstützung von Stadt und Land und 30% aus den Einnahmen des Kartenverkaufs zusammen. Jährlich gibt es 2 neue Produktionen. „Es ist nicht einfach die Balance zu finden – das Publikum will vom Dargebotenen gefesselt sein, aber nur konventionell sein ist künstlerisch uninteressant,“ so János Kiss über die Schwierigkeit der Programmgestaltung.

Kiss ist nicht nur Manager, er leitet auch Proben und gibt Training. Außerdem ist er gewählter Präsident der Ungarischen Tanz-Assoziation. Er ist überzeugt davon, dass man nur im Miteinander Erfolg haben kann. Ein wichtiger Schritt in dieser Richtung war die Gründung des Nationalen Tanztheaters in Budapest, das im Gebäude eines ehemaligen Klosters bzw. Theaters am Burgberg untergebracht ist. Als „Haus des Tanzes“ wird hier den einheimischen sowie ausländischen Gruppen Gelegenheit für Auftritte gegeben.

Als Co-Veranstalter des ungarischen Tanzfestivals, das im Zweijahresrhythmus abgehalten wird und heuer Ende Juni bereits zum 4. Mal in Györ stattfand, ist er stets bemüht, nicht nur alle Richtungen des Tanzes zu präsentieren, sondern auch internationale Gäste einzuladen. Diese verbindende Gleichberechtigung von klassischem Ballett bis Tanztheater und von Volkstanz bis Performance macht den Reiz der Veranstaltungen aus. Sowohl auf der großen Bühne als auch im Studiotheater wird getanzt; Eröffnung und Abschluss sind als Open Air konzipiert. Erstmals gab es heuer auch ein eigenes Kinderprogramm. Dieser Aspekt soll in den nächsten Jahren noch verstärkt werden. In einem angeschlossenen Symposion diskutierten jeweils Vertreter der internationalen Presse mit ungarischen Tanzschaffenden. „Dieser rege Gedankenaustausch hilft uns sehr, uns in der Tanzwelt zu positionieren und zu behaupten,“ erklärt János Kiss. „Der Tanz ist uns allen gemeinsame, wichtige Ausdrucksform“, meint Janos Kiss abschließend.


Eine Compagnie feiert Geburtstag: Silberjubiläum für das Ballet Györ

Der 25.Geburtstag des Györ Ballet wurde am 5. November mit einer großen Gala gefeiert, zu der auch die ehemaligen Gründungsmitglieder eingeladen werden. Zuvor wurde im Nationaltheater noch eine Fotoausstellung eröffnet, in der die vergangenen 25 Jahre im Bild eindrucksvoll festgehalten sind. Auch eine Portraitreihe der ehemaligen und derzeitigen Compagniemitglieder ist zu sehen. Diese Fotos sind auch alle im umfangreichen Programmheft enthalten.
Die Festvorstellung wurde ungewöhnlich eröffnet – alle derzeit engagierten TänzerInnen waren im Dunkel der Bühne schemenhaft zu erkennen – sitzend, dehnend, stehend, wie sich Tänzer eben auf ihren Auftritt vorbereiten. Jeweils ein Tänzer wurde dann von einem Scheinwerferspot erfasst, stellte sich namentlich vor und sagte dazu, wie lange er schon Ensemblemitglied ist. Zuletzt János Kiss, der Direktor, der ja seit der Geburtstunde mit dabei ist. Dann wurde in einer Überblendung ein Kurz-Film gezeigt, von den letzten Vorbereitungen bzw. der Schluss-Aufführung der Akademie-AbsolventInnen von 1979: die gesamte Klasse hatte damals einhellig beschlossen, nach Györ an das neugebaute Theater zu gehen und dort eine eigen Compagnie zu gründen: die Geburtstunde des Györ Ballet.
Im Programm des Abends, das fast 4 Stunden dauerte, dann ein Einblick in das breitgefächerte Repertoire. Werke von international tätigen und bekannten Choreographen wie Robert COHAN (madonnenhafte Frauengestalten in Stabat Mater), Robert NORTH (fulminantes Männerensemble in Troj Games) oder Marie BROLIN-TANI (Pas de deux aus Macbeth mit Virág SOTHY und László VELEKEI) waren eben so vertreten wie Piecen aus den eigenen Reihen. Schöpferisches Arbeiten mit den KollegInnen wird geschätzt und gefördert: Barbara BOMBICZ erarbeitete Das Labyrinth der Furcht, angeregt durch Picassos „Guernica“. Selbst die Mutter verkörpernd, war Levente LUKÁCS ihr ein machtvoller Stier. In der Rose des Paracelsus von Ottó DEMCSÁK wurde man in finstere, mittelalterliche Zeit versetzt – ein offener Kamin mit prasselndem Feuer, klobiger Tisch mit Stühlen und ein Mann als Alchimist. Neben dem Choreographen als Paracelsus war Gábor SZIGETI als Teufel und M.Lilla HORVÁTH als Rose zu sehen. Im fröhlich-flotten Ausschnitt aus Purim (Choreographie: Fomin WILLIAM und István „Putto“ JUHOS) ein sehr schwungvoll tanzendes Ensemble mit Szabina CSERPÁK und Balázs PÁTKAI als Solopaar. Ein ganz besonderer Augenblick voller Gefühle das gemeinsame Auftreten der beiden die Compagnie prägenden Diektoren: János Kiss begrüßte Iván MARKÓ, der in einer sehr bewegenden Rede seine Erinnerungen an die Jahre in Györ Revue passieren ließ. Als Reverenz an Markó durfte dessen Ungarisches Festival Ballett mit Kain und Abel ein neueres Stück des ehemaligen Bejart-Tänzers zeigen.
Emotional auch das Finale der festlichen Veranstaltung: nachdem alle TänzerInnen in Kostümen aus den verschiedenen Produktionen aus dem Repertoire erschienen waren, gesellten sich auch Kinder aus der angeschlossenen Ballettschule dazu: Gegenwart und Zukunft des Tanzes symbolisierend. Statt einer Geburtstagstorte brachte Direktor Kiss brennende Lichter, die an die TänzerInnen verteilt wurden. Zu recht sehr stolz auf „ihre“ Compagnie feierte das Publikum seine TänzerInnen mit langanhaltendem Applaus.
Die Ehrung der verdienten ehemaligen und jetzigen Mitglieder des Györ Ballet durch den Bürgermeister war der Schlusspunkt eines sehr stimmungsvollen Abends, der mit einem Festessen in den Foyers des Theaters endete.– Boldog Születésnapot! Happy Birthday!

Ira Werbowsky

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