Sir Kenneth MacMillan
MacMillans kreativer Zugang beschäftigt sich damit, die Welt der Gefühle durch Bewegung sichtbar zu machen
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Der britische Choreograf Kenneth MacMillan ist einer der großen Choreografen von Handlungsballetten des 20. Jahrhunderts. Wenige Tanzschöpfer erforschten menschliche Beziehungen in derart komplexer und tragischer Tragweite wie er es mit seinen Figuren tat, ob sie aus der Literatur stammten, seiner eigenen Vorstellung entsprangen oder historische Persönlichkeiten waren.
Am 11. Dezember 1929 im schottischen Dunfermline geboren, begann Kenneth MacMillan seine Ballettausbildung bei Phyllis Adams in Great Yarmouth. Nach neun Monaten bewarb er sich um ein Stipendium an der Sadler's Wells (heute Royal) Ballet School in London, und wurde aufgenommen. Nach lediglich vier weiteren Jahren Studium wurde er Gründungsmitglied des Sadler's Wells Theatre Ballet, wo er bereits seine ersten choreografischen Experimente startete, die die Direktorin des Royal Ballet, Dame Ninette de Valois so sehr überzeugten, dass sie ihn 1955 mit der Choreografie von Strawinskis Danses Concertantes beauftragte.
Er war ein guter klassischer Tänzer und erhielt ein Engagement beim Royal Ballet in Covent Garden, kehrte dann aber zum Sadlers Wells zurück und gab das Tanzen immer mehr zugunsten seiner eigentlichen Berufung als Choreograf auf.
Eine lebenslange künstlerischer Partnerschaft verband ihn mit der kanadischen Tänzerin Lynn Seymour, deren dramatische Intensität er bei seiner Umsetzung der Kafka-Geschichte The Burrow (Der Bau) entdeckte. Mit ihrer intensiven Darstellung der Rollen, die MacMillan für sie kreierte etwa in The Invitation oder in Anastasia - wurde sie zu einer der größten dramatischen Ballerinen unserer Zeit.
Mit bemerkenswerter Leichtigkeit wechselte MacMillan von abstrakten Balletten wie Diversions und Symphony zu großen Ensemblearbeiten wie The Rite of Spring. 1965 choreografierte er mit Romeo und Julia sein erstes abendfüllendes Ballett, das mit Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn in den Titelrollen verfilmt wurde. Diesem folgten das epische Ballett Anastasia, Manon, Mayerling, Isadora und The Prince of the Pagodas. Er schuf viele einaktige Ballette wie Elite Synchopations, My Brother, My Sisters, La Fin du jour, Valley of Shadows, Gloria, Different Drummer und The Judas Tree für das Royal Ballet, wo er von 1970 bis 1977 Direktor und von 1977 bis 1992 Principal Choreographer war.
Eine beachtliche Anzahl von Originalchoreografien kreierte er für das Stuttgarter Ballett (Las Hermanas, Song of the Earth, The Sphinx und Requiem) und für das Ballett der Deutschen Oper Berlin (Anastasia, Olympiad, Miss Julie und andere), dem er von 1966 bis 1969 als Ballettdirektor vorstand. Von 1984 bis 1989 war er Artistic Assoiate beim American Ballet Theater und von 1989 bis 1992 in gleicher Position beim Houston Ballet. Außerdem war er als Theaterregisseur und für das Fernsehen tätig. Seine letzte Choreografie machte er für die Produktion von Carousel am Natioanl Theatre, für das er am Broadway einen Tony Award erhielt.
Kenneth MacMillan wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet: 1975 ernannte ihn die Universität Edinburgh zum Ehrendoktor. 1978 erhielt er den Evening Standard Ballet Award, 1979 den Queen Elizabeth II Coronation Award der Royal Academy of Dancing, 1980 den Krug Award for Excellence für Mayerling, 1980 und 1983 den Society of West End Theatres Award. 1983 wurde Sir Kenneth MacMillan zum Knight of the British Empire geadelt.1992 erhielt er den Laurence Olivier Award für die beste Tanzproduktion für The Judas Tree, 1993 wurde er mit dem gleichen Preis posthum für sein Lebenswerk geehrt. Er starb im Oktober 1992 an einem Herzinfarkt während der ersten Vorstellung der Wiederaufnahme von Mayerling mit dem Royal Ballet.
Das britische Autorenduo Peter Brinson und Clement Crisp beschreibt seinen Stil wie folgt: MacMillans kreativer Zugang beschäftigt sich damit, die Welt der Gefühle durch Bewegung sichtbar zu machen
Denn MacMillan ist ein großer Poet von Leidenschaft, von dunklen, unglücklichen Wünsche und Frustrationen und von Selbstbetrug. Er kann uns den nagenden Appetit und unterschwellige Bedürfnisse zeigen, Einsamkeit und sexuelle Triebkraft, die die Gesellschaft meistens mit oberflächlichen guten Manieren maskiert. MacMillan drückt es in glühend klaren Bewegungen aus, agiert als Psychoanalyst seiner Charaktere und treibt sie unerbittlich in dramatische Situationen, in denen ihre wahren Gefühle und ihr Leid sich in einem ausdrucksstarken Tanz entladen müssen.
Doch eines muss hier festgehalten werden: MacMillans einzige Möglichkeit, seine Sicht der Welt zu kommunizieren war durch Bewegung und zwar die Bewegung auf Basis der klassischen Tradition, in der er aufwuchs. Diese gibt ihm die formale Disziplin, die seine Tanzfantasie formt, kanalisiert und leitet. All seine Ballette sind klassisch, da sie die Palette und Möglichkeiten der akademischen danse decole ... erweitern. Darin liegt die Stärke von MacMillans Handwerk und die notwendige Basis für seine abenteuerlichen und höchst poetischen Ballette.*
* Peter Brinson and Clement Crisp: The Pan Book of Ballet and Dance, Pan Books, London 1980
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