Von Baobabs und der Kunst zu tanzen
"Der afrikanische Tanz ist für mich ist die Mutter aller Tänze"
Ab 13. Oktober gastiert die südafrikanische Bühnenshow "African Footprint" im Wiener Ronacher. Einen anderen Zugang zum afrikanischen Tanz wählt die senegalesische Tänzerin Germaine Acogny in ihren Choreografien, Gabriele Haselberger traf sie zum Gespräch.
Das erste Mal begegnete ich der Pfeife rauchenden Germaine Acogny bei den Internationalen Tanzwochen als Dozentin für afrikanischen Tanz. Das zweite Mal saß ich ihr in einem Interview gegenüber als sie mit ihrer Compagnie Jant Bi in der Regie von Susanne Linke beim Impuls Festival 2001 zu Gast war. Heuer im Sommer sah ich sie beim Tanzsommer Bozen erstmals auf der Bühne. Tchourai, 2001 mit der aus dem Benin stammenden und in Frankreich tätigen Choreografin Saphiatou Kossoko entstanden, ist der Name des Weihrauchs, den die senegalesischen Frauen zur Purifikation ihrer Häuser verbrennen. Die Luft im Bühnenraum ist voll davon. Ganz hinten auf der Bühne sitzt die Tänzerin, Pfeife rauchend, wartend. Langsam erhebt sie sich, nähert sich dem Behälter mit Weihrauch und fällt in Trance, erinnert sich an ihr Dorf, ihre Orientierungslosigkeit in Körper und Geist, an ihre Reise in ein fremdes Land, an ihr Kind und an den einmal kommenden Tod. Doch nur wenig zeigt Acogny vom afrikanischen Tanz, seiner Energie und Dynamik. Hauptsächlich bedient sie sich theatraler Mittel wie Gesten und Grimassen, um ihre Botschaft dem Publikum zu vermitteln. Der Tanz wird dadurch behäbig, holprig, düster und langatmig. Am Ende schwingt sie ihre Arme wie die Flügel eines Vogels, der in die Freiheit fliegt. Welche Geschichte erzählt der zum Schrei geöffneten Mund, die weit aufgerissenen Augen?
Germaine Acogny, geboren im Senegal, studierte klassischen modernen Tanz in Frankreich, ehe sie als künstlerische Direktorin an die Schule Mudra Afrique in Dakar (1977 1982) kam, die Maurice Béjart und Senegals Präsident Seghor ins Leben gerufen haben. Nachdem die Schule aus finanziellen Gründen geschlossen wurde, setzte die zur Zeit in Frankreich lebende Acogny den Weg der tänzerischen Begegnung von Afrika mit Europa fort und initiierte 1996 ein ähnlich ambitioniertes Projekt, dessen Schwerpunkt auf afrikanischen Tanzformen lag, aber mangels Geld unter freiem Himmel veranstaltet wurde. Erst 1998 wurde ihr Traum, die Eröffnung eines eigenen, fixen Tanzzentrums wahr. Gemeinsam mit ihrem Mann Helmut Vogt, der finanziellen Unterstützung verschiedener französischer Kulturinstitutionen, dem Goethe-Institut in Dakar und der Nationallotterie in Senegal errichtete sie die Lecole des sables Schule für traditionellen und zeitgenössischen Tanz. Wir kehrten zurück ins Senegal, in ein kleines Fischerdorf, erinnert sie sich an Damals. Wir besaßen dort ein großes Stück Land in der Nähe des Meeres mit Baobabs und Savanne und bauten dort unser Studio auf, dessen Dach den Schwingen eines Vogels ähnelt. Wir haben, wenn wir tanzen, vom Studio aus einen wunderbaren Blick auf die Natur, das ist für mich wichtig. Denn der afrikanische Tanz hat für mich viel mit der Natur und dem Kosmos zu tun. Ja, hier können wir tanzen, atmen, fühlen, träumen und kreativ sein. Des Sables ist die erste Schule, in der traditioneller afrikanischer Tanz gelehrt wird. In einem Land, in dem es viele verschiedene Gruppen und Compagnien gibt, ein absolutes Novum. Und, so beobachtet Acogny, ändert sich seit der Errichtung auch die Wertschätzung von Tanz. Im Jahr 2000 veranstaltete sie zum ersten Mal das Kay Fece Dance Festival, auf dem die verschiedensten Tänze vertreten waren: vom traditionellen bis hin zum zeitgenössischen. Aber wie in allen anderen Ländern Afrikas - gibt es für Tanz keine staatliche Unterstützung. Acogny hofft auch hier mithilfe ihres Engagement etwas in Bewegung bringen zu können.
Tanzunion Afrika
Acogny studierte auch die traditionellen Tänze des schwarzen Kontinents, allerdings auf jene ihres Heimatlandes beschränkt, da aufgrund der vielfältigen Stämme, die in Afrika leben auch die Tanzkultur sehr unterschiedlich ist.
Der afrikanische Tanz ist für mich ist die Mutter aller Tänze. Wir haben unsere Tradition, das ist nicht Folklore, sondern unser sogenannter klassischer Tanz. Viele sagen, afrikanischer Tanz habe keine Technik, das ist falsch. Viele sagen, dass den Afrikanern der Tanz im Blut liegt. Allerdings ist das, was viele Afrikaner, die nach Europa kommen, machen, für mich kein afrikanischer Tanz. Er verfügt über eine komplizierte Technik. Afrikanischer Tanz, wenn du ihn kennen lernst, bedeutet die Energie der Wurzeln, der Natur auf zu nehmen. Es gibt sehr viel verschiedene Stile, in manchen wird gesprungen, in manchen werden besonders die Hüften bewegt, in anderen die Wirbelsäule. Im Vergleich zum Westen jedoch, meint Acogny, ist in Afrika die Bewahrung der Tradition sehr wichtig, was auch in den Tänzen seinen Ausdruck findet. Denn wenn du weißt, woher du kommst, kannst du dich nicht verlieren. Zur Veranschaulichung zieht Germaine Acogny ein Beispiel aus der Natur hinzu: Der Baumriese (Baobab, typischer Baum im Senegal, Anm. der Red.) steckt seine Wurzeln so weit in die Tiefe, dass man ihn nicht ausreißen kann. So wollen wir es mit dem Tanz halten, wer tief in der Tradition verwurzelt ist, kann Elemente aus unterschiedlichen Kulturkreisen aufnehmen und wird zum eigenen Stil finden. Nachdenklich setzt sie hinzu: Es sind nicht die Weißen, die ästhetische Maßstäbe an schwarze Tänzer anlegen sollen, sondern ich sage ihnen immer: Ihr seid euer eigener Maßstab. Ihre Aufgabe jedoch sieht sie vor allem darin: nicht die Unterschiede zu sehen, sondern nach dem Ausschau zu halten, was die Tanz-Kulturen verbindet. Wenn ich tanze, dann suche ich immer nach den Ähnlichkeiten, nach den Übereinstimmungen im Tanz. Ja, das ist mein Weg. Sie selbst ist das beste Beispiel dieser Synergien. Ich lernte westlichen Tanz und ich lernte afrikanischen Tanz, ich nahm die Essenz der Tänze, mischte alles miteinander und entwickelte meinen Stil, der Graham-Technik mit afrikanischen Isolationen verbindet. So wird Tanz ein wichtiger Beitrag zur Völkerverständigung Rassismus ist ein kulturelles Problem, das heißt wenn die Menschen über die Kulturen einander verstehen können, dann hätte der Rassismus keine Chance, ist sie überzeugt. Die Bestätigung ihrer These sieht sie darin, dass mittlerweile viele europäische TänzerInnen nach Afrika kommen und Inspiration und Austausch suchen. Über den Körper ist es möglich, kulturelle und nationale Schranken zu überwinden, denn der Körper ist wahrhaftig.
Gabriele Haselberger
© http://www.tanz.at
