Österreichischer Ballettexport in Berlin

“ Lerne aus der Vergangenheit, lebe die Gegenwart und freue dich auf die Zukunft!“

Rainer Krenstetter, vielversprechender Spross einer Tänzerfamilie, wurde schon als Kind oft von seinen Eltern ins Theater mitgenommen. Die Bühne, das Licht, die Kostüme faszinierten ihn. So schien es naheliegend, den Weg der Ballettausbildung einzuschlagen. Es gab für ihn keinen richtigen Schlüsselmoment, ab wann er ernsthaft an eine Tänzerkarriere dachte, aber als er Vladimir Malakhov das erste Mal den Albrecht in „Giselle“ tanzen sah, war er sehr fasziniert. Seine Entscheidung für den Tanz stand fest. Die Eltern standen dieser Berufswahl positiv gegenüber, gaben allerdings zu bedenken, dass außer dem Glanz des Scheinwerferlichtes auch viel Mühsal und Verzicht so ein Leben begleiten. Als man Rainer bereits bei diversen Schüleraufführungen in Wien Ausstrahlung und Können bescheinigte, fühlte er sich nur bestärkt. Da kamen ihm die kritischen Anmerkungen seiner Eltern zuerst nicht sehr gelegen. Natürlich wäre es ihm lieber gewesen, sie hätten ihn, so wie er das bei seinen Kollegen erlebte, auch immer uneingeschränkt über Gebühr gelobt. Mit der Zeit verstand er aber, dass seine Eltern durch ihre offene Ehrlichkeit eine größere Hilfe und Unterstützung waren als immer nur alles gut zu finden. Diese konstruktiven Gespräche schätzt Rainer auch jetzt noch, wenn seine Eltern zu seinen wichtigen Rollendebuts nach Berlin reisen. Immerhin ist Rainer Krenstetter neben Gregor Hatala (tanzte ein Jahr als Solist beim Boston Ballet und ist Gastsolist an der Budapester Staatsoper) und Johannes Stepanek (derzeit als first artist beim Royal Ballet engagiert) der einzige österreichische Tänzer, der international reüssiert.
Auch bei einigen Ballettwettbewerben war der Jungtänzer sehr erfolgreich. Neben den beiden Siegen beim ÖTR-Contest 1996 und 1997 errang er den 2. Platz bei einem Wettbewerb in Brasilien (1998). Im darauffolgenden Jahr gewann er den Prix de Lausanne. Nach dem Erfolg in der Schweiz war er mit gemischten Gefühlen zum Wettbewerb von Luxemburg angereist. - Kann man als „unbeschriebenes“ Blatt doch ungezwungener antreten als in der Rolle des Favoriten. Ein Sonderpreis war die Bestätigung für sein Können.
Rainer Krenstetter hat eine ambivalent Einstellung zu Ballett-Contests. Einerseits findet er es wichtig, dass v.a. Ballettstudenten ihre Bühnenerfahrung sammeln und durch die Präsentation ihres Könnens ihren Stellenwert mit den Konkurrenten vergleichen. Andrerseits ist aber zu bedenken, dass eine gut getanzte Variation noch keinen guten Tänzer ausmacht, da neben ausgefeilter Technik erst Ausdruck oder Persönlichkeit durch einen langen Ballettabend tragen.
Als Preis beim Schweizer Prestige Wettbewerb hatte er sich für ein Stipendium an der Royal Ballet School entschieden. So wechselte er nach 7 Jahren an der Ballettschule der Wr. Staatsoper, wo Michael Birkmeyer, Harmen Tromp und Viktor Onoschko seine wichtigsten Lehrer waren, nach London, wo er seine Studien vervollständigte. Diese Zeit sieht er als sehr prägend an.
Nach einem Sommerengagement bei der Compagnie Europe Danse, bei der er ein sehr vielfältiges Programm von Forsythe über MacMillan und Duato bis Kylian zu tanzen bekam, wurde er von Renato Zanella an die Wr. Staatsoper geholt. Damit erfüllte sich ein Traum!
Natürlich hatte er immer hier auftreten wollen! Als zukunftsorientierter, aufgeschlossener Mensch und nach seinen frühen Erfahrungen der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit in London war er aber offen für weitere Angebote. Doch nie hätte er es sich träumen lassen, dass sein nächster Wunsch ebenfalls so rasch in Erfüllung gehen könnte! Zur Zeit der Einstudierung von „Verdi-Ballett: Ein Maskenball“ war Choreograph Vladimir Malakhov bereits im Gespräch für die Position des Ballettdirektors an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Eigentlich im Scherz fragte Rainer, ob er denn vortanzen müsse, wenn der Startänzer Ballettchef in der Deutschen Metropole würde? „Nein,“ antwortete da Herr Malakhov. „Ich würde dich so mitnehmen in meine Compagnie“. Einige Zeit später, bei den Proben zum Neujahrskonzert war es dann soweit. Rainer Krenstetter bekam einen Vertrag für Berlin angeboten und sagte selbstredend freudig zu.
Seit 2 Jahren tanzt er nun schon in Berlin. Obwohl er gewissenhaft und ehrgeizig ist, was seinen Beruf angeht, genießt er auch sehr das Privatleben. Seine Familie und seine Freunde sind ihm sehr wichtig. Zur Entspannung und als Ausgleich zur intensiven Probenarbeit geht er gern aus oder besucht Discos. „Nur wer glücklich und ausgeglichen ist, kann im Job alles hundertprozentig geben“, ist er überzeugt.
In Berlin fühlt er sich sehr wohl, er findet die Stadt und die Leute wunderbar, obwohl er seine Wurzeln noch immer in Wien hat und so oft es möglich ist, hierher zu Besuch kommt. So war er auch froh über die Gelegenheit zum Auftritt in der Fanny-Elßler-Gala am 21.1. im Theater an der Wien; auch für ein Künstlergespräch in der Gesellschaft für Musiktheater fand er Zeit. Im Gegenzug reisen seine treuen Wr. Fans zu allen seinen wichtigen Vorstellungen an. In Berlin zählen u.a. der Bauern-Pas de deux, der Goldene Gott und der Blauen Vogel zu seinen bislang bedeutendsten Partien. Ende Jänner debütierte er als Benno im „Schwanensee“, auch in der neuen „Cinderella“-Produktion (Premiere 7.3., Choreographie Malakhov zu Musik von Prokofjew) tanzt er mit und für die „Onegin“-Aufführungen der kommenden Saison ist er für den Lenski ausgewählt worden.
Nach seiner Ernennung zum Halbsolisten im Vorjahr ist er für die Saison 2004/05 designierter Solotänzer. Der Erfolg ist ihm aber nicht zu Kopf gestiegen. Natürlich will er eines Tages auch Erster Solist werden, aber wichtiger ist ihm derzeit, seine Partien ausdrucksmäßig noch intensiver zu gestalten und in führenden Rollen zu überzeugen. Auf tänzerische Vielseitigkeit legt er großen Wert. Piecen von Balanchine oder Kylian mag er besonders, sonst schätzt er Handlungsballette mit dramatischem Inhalt sehr. Eigene Ambitionen zu choreographischer Kreativität verspürt er (vorläufig) nicht.
Für seine Zukunft wünscht sich der noch nicht 22Jährige eine verletzungsfreie Karriere mit vielen neuen Herausforderungen, denn sein Lebensmotto lautet:“ Lerne aus der Vergangenheit, lebe die Gegenwart und freue dich auf die Zukunft!“.

Ira Werbowsky

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