Tanzen und Denken – Versuch einer dialektischen Synthese

In seinem Vorwort zu den heurigen Linzer Tanztagen titelt der Programm-Verantwortliche Wilfried Steiner provokant „Tanzen oder Denken?“

Das mag vielleicht an seiner doppelten Berufsausübung liegen, denn Wilfried Steiner ist nicht nur Tanz-, Theater und Kleinkunstpromotor im Posthof Linz (seit 1999), sondern auch Schriftsteller. Die Doppelfunktion übte der promovierte Germanist und Anglist auch während seiner zehnjährigen Tätigkeit als Leiter der ARGE Kulturgelände Nonntal aus. Prämiert mit diversen Preisen, etwa dem Georg-Trakl-Förderungspreis oder dem Österreichischen Staatsstipendium für Literatur, befindet sich sein letzter Roman im Stadium der Endredaktion: „Der Weg nach Xanadu“erscheint im September im Hardcover im Insel-Verlag, danach als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag. Der Roman, der nach sieben Jahren fertig geworden ist, bezieht sich nicht auf das Xanadu von Olivia Newton-John und oder Orson Wells, sondern auf den romantischen Dichter Samuel Taylor Coleridge, bei dem Xanadu in „Kubla Khan“ zum ersten Mal erwähnt wird.

(Programminfo Linzer TanzTage siehe Festivals / On Stage)

Du teilst Deine Zeit als Schriftsteller und Tanz-, Theater und Kleinkunstpromotor. Was hat Vorrang?

„Ich bin der klassische Ferienschreiber, sozusagen. In den Sommermonaten, im Jänner und zu Ostern wird heftigst an den Texten gearbeitet. Wenn die Saison losbricht, ist an so etwas nicht zu denken. Allein die Vorstellung, Jan Fabre anzuschauen, heimzugehen und einen Roman weiterzuschreiben, ist einfach nicht denkbar.

In Deinem Vorwort zu den Linzer Tanztagen nimmst Du Bezug auf eine aktuelle Debatte im Tanz- und Performance-Bereich. Ist es schwieriger geworden Tanz zu programmieren in den letzten Jahren?

Das glaube ich doch, weil einfach verschiedene Entwicklungen da sind. Die Theater ringsum klagen ja über Auslastungsprobleme. Ganz banal gesagt, gibt es den gesellschaftlichen Wunsch nach eher „leichterer“ Unterhaltung, das Anspruchsvolle an sich ist etwas im Schwinden begriffen.

Gleichzeitig gibt es aber auch die Überintellektualisierung, bei dem der Tanz zum Stillstand kommt. Liegt für Dich darin die Herausforderung?

Mein Versuch ist ein dialektisches Denkmodell darzulegen. Man hat auf der einen Seite den Pol der totalen, intellektuellen, poststruktualistischen Wertfestlegung, wo nur mehr auf einer Metaebene über Tanz verhandelt wird und wo der unmittelbare Zugang zu einer sinnlichen Tanzästhetik schon vorne herein suspekt ist. Der andere Pol ist: Lassen wir uns vom Tanz unterhalten, schauen wir uns schöne Körper an und genießen die schönen Bewegungen, aber möglichst keinen Überbaudiskurs. Das sind die beiden Pole, die ich sehe. Ich würde eine dialektische Synthese vorschlagen, bzw. versuche ich Beispiele von Produktionen zu zeigen, wo das meiner Meinung nach gelungen ist.

Du hast etwa Künstler wie Nigel Charnock und Jan Fabre eingeladen, die immer grenzüberschreitend arbeiten. Ist das für Dich ein Krite)?rium?

Es ist immer dort sehr spannend, wo der traditionelle Tanz verlassen wird. Wir haben heuer erstaunlicherweise durchgängig Produktionen, wo andere Kunstformen mit dem Tanz interferieren. Beim Tommy Kitti gibt es den wunderbaren dritten Teil „Grey Tone“, wo er mit einem Pianisten auf der Bühne ist. Bei Charnock gibt es ein live Quartett plus einer Improvisationsgeschichte mit Michael Riessler (Saxophonist und Klarinettist, Anm.d.Red.). Bei Fabre gibt es als „Vorspann“ einen Film mit Wim Vandekeybus und dann nimmt das Solostück mit seiner neuen Tänzerin (Valeria Garré, Anm.) seinen Lauf. Bei Anthony Rizzi kommen Videoeinlagen vor, beim Hans Hof Ensemble ist Theater und Live Musik dabei. Das heißt, alle diese Produktionen sind Beispiele dafür, wie ein engerer Tanzbegriff durch Einbeziehung anderer Kunstformen erweitert wird – das ist natürlich etwas, was mir immer sehr interessant erschienen ist.

Beim Tanzproduktionspreis 2002 werden diesmal zwei Produktionen ausgezeichnet. Das sind Produktionen, die Du nicht selbst aussuchst, sondern die von einer Jury gewählt werden. Wie passen sie in Dein Programm?

Mir gefallen beide Produktionen sehr gut und im Kleinen stellen sie wieder einen dialektischen Pol dar. Toulons Arbeit ist einfach eine schnelle, vom Salsa geprägte, sehr dynamische Choreografie, während bei Saskia Hölbling diese Studien über nackte Körper, über Torsi etwas Skultpurales haben und „other features“ eine sehr entschleunigte Produktion ist. Und obwohl ich das gar nicht auf meine Fahnen schreiben kann, weil es eine Entscheidung der Jury war, die ich aber in beiden Fällen sehr goutiert habe, weil so an an diesem Abend sehr gegensätzliche Formen von Tanz gezeigt werden.

Was ist das Tanztagelabor mit Pilottanzt?

Das Tanztagelabor ist dafür gedacht, dass wir ganz frische, interessante,)? österreichische - und im Speziellen oberösterreichische – Produktionen zeigen wollen, wann immer es geht. Der Traum ist, dass die Uraufführungen bei uns sind, das gelingt nicht immer, zum Beispiel bei Pilottanzt, denen durch die Förderung der Stadt Wien eher nachhaltig empfohlen wird, die Uraufführungen in Wien zu spielen. Wir haben also von „Bits and Pieces“ die zweite Aufführung nach der Uraufführung in Wien. Aber Sinn des Labors ist es, spannende Entwicklungen im österreichischen Tanz möglichst mit einer Uraufführung zu präsentieren.

Soll das immer im Rahmen der Tanztage passieren oder das ganze Jahr über?

Es gibt zwei große Schwerpunkte, wo wir das machen. Der andere Schwerpunkt ist das Heimspiel, wo wir heuer auch zwei Tanzproduktionen gezeigt haben. Beim Heimspiel steht der Fördergedanke noch stärker im Vordergrund. So haben wir heuer etwa die allererste Produktion der in Linz ansässigen Tänzerin und Choreografin Monika Huemer gezeigt. Das wäre etwas, was ich nicht unbedingt bei den Tanztagen zeigen möchte. Das passt ins Heimspiel. Allerdings verschwimmen die Grenzen. Wenn zum Beispiel eine Compagnie, die in Linz beheimatet ist, wie X.ida, einen Februar-Termin viel lieber hätte als einen im April, kann man das auch im Heimspiel als Produktion, die vor Ort entstanden ist, zeigen. Die Abgrenzungen sind zwar da, aber nicht ganz streng. Aber ja, das Tanztagelabor und das Heimspiel sind sicher die Hauptpräsentationsforen für österreichischen Tanz bei uns.

Edith M. Wolf Perez

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