Spuren lesen |
Walter Heun stellt sich als neuer Intendant des Tanzquartier Wien mit einer Reihe integrativer Ideen und einem entschlackten Programm vor |
Von der Ära Heun will der neue Intendant im Tanzquartier Wien nicht sprechen, sondern lieber von einer Tätigkeit und die sieht er darin, die Geschichte aufzugreifen, weiterzuführen und zu entwickeln. Das Motto der ersten Saison Sie machen sich keine Vorstellung soll die Bereitschaft zur permanenten Überraschung signalisieren. Bei seiner Antrittspressekonferenz überzeugte Walter Heun als sympathischer und eloquenter Redner, der seine Ideen klar präsentieren kann und mit einer Programm-Struktur, die im Vergleich zu den letzten Jahren deutlich entschlackt und gut strukturiert wirkt - mit weniger Aufführungen für die einzelnen Performances.
Natürlich denkt Heun über die Publikumssituation des Tanzquartier Wien nach - die ja zuletzt eher traurig war. Ziel sei es, den Kreis des Tanzquartier-Publikums erweitern - nicht im Sinne der Quote, sondern vielmehr durch gezielte Angebote an verschiedene Zuschauersegmente. Gastfreundschaft ist dabei der Schlüsselbegriff für ZuseherInnen und KünstlerInnen, sagt Heun. Wobei er diesen Begriff durchaus dialektisch versteht, bedeute er doch einerseits, Freunde willkommen zu heißen und ihnen mit Offenheit zu begegnen, andererseits auch ein permanentes Verhandeln um Gastrecht, Macht und Territorium. - Also doch kein Kuschelkurs.
Die zahlreichen PodiumsteilnehmerInnen an der Pressekonferenz - MitarbeiterInnen des Tanzquartier Wien, KoproduktionspartnerInnen, KünstlerInnen - machten deutlich, dass Heun ein Teamplayer ist. So überrascht es nicht, dass Vernetzung und Integration in seiner Tätigkeit eine wichtige Rolle spielen. Die ersten großen Koproduktionen seiner Intendanz sind das Gastspiel der Trisha Brown Company mit ImpulsTanz am 2. und 3. Oktober sowie Good Night & Good Luck. Die erste Tanznacht Wiens mit brut am 10. Oktober. Von 18 bis 24 Uhr werden an diesem Abend im Tanzquartier, im Dschungel, im Leopoldmuseum und an weiteren Orten im Museumsquartier Ausschnitte aus Werken heimischer ChoreografInnen zu sehen sein und danach wird weitergefeiert. Diese lange Nacht des Tanzes der österreichischen Tanz- und Performanceszene soll jedes Jahr stattfinden - nächstes Jahr im brut.
Dass zur integrativen Entwicklung auch dazu gehört, die Aufgabenbereiche im Tanzquartier Wien - Theorie, Performance und Workshops - näher zusammenzubringen, lässt sich in dem Programm der ersten Monate von Heuns Amtszeit noch nicht wirklich nachvollziehen.
Denn zwischen der Präsentation des Performance-Programms, das unter dem Motto Spuren-Lesen steht, durch die Dramaturgin Sandra Noeth und des Theorieteils unter der Leitung von Krassimira Kruschkova mit drei Vorträgen zum Thema Metaphern im Tanz lassen sich kaum Bezüge herleiten. Von den Aufführungen sind Saburo Teshigawara / Karas (23. und 24. Oktober), Paul Wenninger / Kabinett and Co. sowie Christine Gaigg / 2nd Nature Dance Group in Kooperation mit dem Festival Wien Modern (19. bis 21. November) die Höhepunkte der nächsten zwei Monate.
(Leider konnte ich die Vorstellung des Trainingsprogramms unter der Leitung von Katrin Roschangar nicht mehr verfolgen. Wirklich bedauerlich, dass dieser essenzielle Bereich für den Tanz am Ende der Pressekonferenz drankam.)
Walter Heun beginnt also seine Tätigkeit mit einem Programm, das eher der Tradition, die Sigrid Gareis als bisherige Intendantin für das Tanzquartier Wien definiert hat, folgt als ein neues Profil anzustreben.
Da könnte ein Partner wie das Wiener Staatsopernballett eine ganz andere Facette in das Programm bringen. Allein dort fehlt es an der Offenheit - ein Umstand für den auch der Wiener Stadtrat Mailath-Pokorny scharfe Worte fand. Aber auch dort findet ein baldiger Wechsel an der Spitze statt und - wer weiß? - vielleicht wird ja Manuel Legris ein weiterer Kooperationspartner von Walter Heun. |
Edith Wolf Perez |
Submit am 09.09.2009
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