Das Österreichische Theatermuseum krankt an der Contradictio in adiecto. Theater, das ist lebendig, leidenschaftlich, unmittelbar, mitunter laut und oft auch peinlich, jedenfalls immer anhaltende Kommunikation zwischen Publikum und Akteurinnen. Museum, das ist genau das Gegenteil. Dennoch benötigt auch das Theater dieses Heiligtum der Musen, den Ort der Erinnerung, diese Aufbewahrungshallen des Vergangenen. Also hat auch Österreich ein Theatermuseum, doch kann sich dieses im Bewusstsein eines möglichen Publikums nicht so richtig positionieren. Hie und da ein Andachtsraum für verblichene Stars, der ehemalige Verehrerinnen anzieht, oder eine Ausstellung von Puppen zu Ehren einer verdienten und kreativen Theaterdirektorin. Dann schließt sich wieder die Dornenhecke, Dornröschen schläft weiter. Wach geküsst wurde es für einen Sommer durch ein Jubiläum, das laut genug gar nicht gefeiert werden kann: Les Ballets Russes traten vor 100 Jahren zum ersten Mal im Pariser Théâtre du Châtelet als Compagnie auf. Getanzt wurde damals Ballette von Michel Fokine, darunter auch Les Sylphides; aufgetreten sind die Stars des St. Petersburgers Mariinski Theaters, Tamara Karsawina, Vaclav Nijinsky, Anna Pawlowa. Was das Ballett betrifft stimmt also die Zeitrechung, auch wenn der Impresario Sergej Diaghilew schon ab 1906 mit Fleiß daran gearbeitet hat, russische Kultur mit Ausstellungen und Konzerten (Saison Russe) westeuropäischem Publikum nahe zu bringen. Mit den Ballets Russes aber schoss er den Vogel ab - 20 Jahre lang begeisterten die Russen mit ihren Gesamtkunstwerken (Choreografie, Tanz, Bühnenbild, Kostüme, Musik) die Theaterwelt. Wie passend die Vogel-Metapher für Leistung, Erfolg und Begeisterung, ist auch in der Ausstellung zu sehen. Vögel, ob Schwäne, Hähne, Feuervögel, flattern und fliegen nicht nur in russische Märchen, sondern tauchen auch im uvre der Ballets Russes in verschiedenen Varianten auf, wie Nicole Haitzinger, mit Claudia Jeschke gemeinsam Kuratorin der Ausstellung, im Katalog feststellt.
Jeschke und Haitzinger, deren rechercheintensive Arbeit im Frühjahr bereits im Theater Museum zu sehen war, haben sich ein besonderes Ziel gesetzt. Nicht Erinnerung oder Hommage an die große Zeit des russischen Tourneeballetts, sondern die Darstellung der russischen Bildwelten in Bewegung und auch die Auswirkungen des Westens und die weitverzweigten Tourneebewegungen auf die Ästhetik der Kompanie. Gelungen ist das mit einer farblichen Dreiteilung der Bilder (Kostümentwürfe , Skizzen, Bewegungsstudien und Zeichnungen) der Erinnerung. Mit der papierenen Replik duftigen weißen Kostüm von Léon Bakst für Anna Pawlowa in Michel Fokines Choreographie Der Schwan (Der Sterbende Schwan) hat die Ausstellung einen Blickfang, der sofort in die weißen Bildwelten im ersten Raum. Danach wird es bunt. Originale und in Papier (überaus kunstvoll) nachgebildete Kostüme, in frischen Farben gemalte Kostümentwürfe zeigen die russische Bildwelt, wie man sie auch aus Ausstellungen der bildenden Kunst kennt. In der letzten Fase wurden die Bühnenbilder und Kostüme wieder einfarbig, der Konstruktivismus beeinflusste auch die Bühne. Der Abschluss ist zukunftsweisend: 1928, ein Jahr vor Dhiagilews Tod, zeigte der Russe George Balanchine zur Musik des Russen Igor Strawinsky Apollon Musagète, ein Spiel ohne Handlung (Strawinsky) für drei Tänzerinnen und einen Tänzer ganz in Weiß, nur eine Holztreppe als Dekoration und Requisit. Wieder hat eine neue Ära des Balletts begonnen. So sieht man in der durch Videos auch ein wenig bewegten Ausstellung nicht nur die russischen Bildwelten zwischen 1909 und 1929 sondern wird sich auch der endlosen Schleife bewusst, dieser immerwährenden Bewegung, die die Welt des Tanzes zusammenhält. Ohne Marius Petipas Dornröschen keine Sylphides und keine Ballets Russes; ohne diese wiederum kein Balanchine, der die neue Zeit einläutete und den Boden für Ji_i Kylián , John Neumeier und William Forsythe aufbereitete, die heute auch schon Väter sind. Möglich wurde die Ausstellung so richtig erst durch die Hebung des Eisernen Vorhangs. Erst nach 1990 standen die Sammlungsstätten in Russland auch westlichen Wissenschaftlerinnen o(und Besucherinnen) offen. Wichtige Kooperationspartner dieser vom Münchener und Wiener Theatermuseum gemeinsam gestalteten Schau waren das St. Peterburg State Museum of Theatre and Music und in Moskau das A. A. Bakhrushin State Central Theatralic Museum, die staatliche Tretyakov Galerie und weitere Institutionen. Einige Memorabilia hat auch die Stiftung John Neumeier hergeborgt. Neumeier ist ein fleißiger Sammler und zudem, wie könnte es anders sein, Nijinksi-Verehrer. Besondere Mühe hat sich das Team der Kostümschule des Moskauers Künstlertheaters gegeben. Die Puppen mit den papierenen Kostümen, die sich als Repliken auf dem Karussell im bunten Raum drehen, geben einen lebhaften Eindruck von der zauberhaften Pracht der Aufführungen, die bis heute nicht verblasst ist.
Mehr über Schwäne und Feuervögel und die russischen Bildwelten auf der Bühne der Ballets Russes ist im gleichnamigen Katalog zur Ausstellung zu sehen und zu lesen.
Schwäne und Feuervögel. Die Ballets Russes 1909-1929, bis 27. September im Österreichischen Theatermuseum, Palais Lobkowitz, Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien. Täglich außer Montag, 10-18 Uhr. www.theatermuseum.at
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