Grenzen überschreiten

Als Kuratorin des Festivals Österreich TANZT von 15. bis 21. Juni im Festspielhaus St. Pölten lädt Editta Braun zu interkulturellen Begegnungen ein.

Die Kuratorin des heurigen Festivals „Österreich tanzt“, Editta Braun, selbst weitgereiste Company-Leiterin, sucht diesmal nach Antworten auf Fragen über Migration und globale Vernetzung. Grenzen überschritten haben nicht nur MigrantInnen, die nun in Österreich leben, sondern auch KünstlerInnen, die von Österreich aus in die Welt reisten und wieder heimgekehrt sind. Immer geht es darum, die eigene Identität zu bewahren und für fremde Einflüsse offen zu sein. Wie Künstlerinnen und Künstler von der Begegnung mit fremden Kulturen beeinflusst werden, wie Migrantinnen und Migranten ihr künstlerisches Potenzial ausschöpfen können; wie sich die Globalisierung - fatal oder beglückend - in der Kunst widerspiegelt. Lauter Fragen, die in vielfältigen Programmpunkten aufgeworfen und vielleicht auch beantwortet werden.
Braun und ihre Assistentin, die Tänzerin Anna Müller, wollen ihr Publikum erreichen und haben deshalb ganz im Sinne ihres Mottos einen angenehmen, familiären Rahmen geschaffen. Im Café des Festspielhauses, für die Festivalzeit in „Café Ahmad & Co“ umbenannt, wird der jordanische Künstler nicht nur arabische Schmankerl servieren, sondern seine Gäste auch mit spontanem Gesang und Trommelschlag unterhalten und überdies eine „Soupe de protest“ (die Videoinstallation des Tänzers und Choreografen Roderich Madl) reichen. In der „trashbar“ will Janett Sumbera mit ihrer Installation zum Nachdenken über aller Art von Mist (oder was eben als Mist betrachtet wird) einladen. Die Fotografin Bettina Frenzel zeigt die Flüchtigkeit des Tanzes mit Bildern, in denen sie sich mit Licht und Farben, mit Bewegung und Stillstand auseinandersetzt. In der Reihe „danse fugitive“ erfasst Frenzel die Bewegung im Moment und lässt sie dennoch nicht erstarren.

Traiskirchner Kunststücke
Mit Sorgfalt sind auch die abendlichen Vorstellungen ausgewählt. Dem Motto gemäß stehen im Zentrum die „Traiskirchner Kunststücke“, zwei Produktionen der Tänzerinnen / Choreografinnen Sylvia Both und Lina Maria Venegas, die künstlerische Talente der MigrantInnen entdeckt und gelenkt haben. Both hat in der Wohnheim für Asylwerbende in Greifenstein das Stück „Deine-Meine-Unsere“ erarbeitet und wird bei der Vorführung (17. und 18.6., 19.30 Uhr) auch selbst mittanzen. Lina Maria Venegas hat in der größten österreichischen Betreuungsstelle für Asylwerberinnen in Traiskirchen gearbeitet und mit acht Jugendlichen ein „Auswärtsspiel - Juego fuera de casa“ inszeniert und wird dieses mit ihrem Team ebenfalls an zwei Abenden (20., 21.6., 19,30 Uhr) aufführen. Noch zittern beide Künstlerinnen, wer am Abend da sein wird. „Es könnte sein, dass die eine oder der andere abgeschoben wird und dann doch nicht mitmachen kann“, umreißt Braun auch den abenteuerlichen Charakter des künstlerischen Experiments. Both und auch Venegas sind jedoch von der Probenarbeit so angetan, dass sie - übrigens auf Aufforderung der „Heim“-Leitung - auch nach dem Festival mit den MigrantInnen weiter arbeiten wollen.

Die Abendvorstellungen
Die österreichischen KünstlerInnen, die das übrige Abendprogramm bestreiten, überschreiten und überschritten ebenfalls Grenzen, geographische, gedankliche, thematische. Helene Weinzierl erzählt mit ihrer CieLaroque eine wahre Geschichte aus dem Iran. In „habibi problem“ endet eine Liebe endet tödlich (17.6., 20 Uhr). Nikolaus Adler (company homunculus) zeigt seine Version des Leidensweges von Oedipus. Adler macht sich choreografische Gedanken um Schicksal und Schuld, Vorsehung und Unschuld. Antworten gibt es keine, denn: „oedipus is complex (18.6., 20 Uhr).
Der Freitagabend wird mit einem Tanzfilm eröffnet. Julia Mach und Klaus Obermaier setzen sich in interaktivem Design mit der Wechselwirkung zwischen Musik, Tanz und Raum auseinander und haben als Basis für ihre komplexe Produktion (Brucknerhaus Linz und Ars Electronica Future Lab) Igor Strawinskys Ballettmusik „Le Sacre du Printemps“ gewählt. Im Großen Saal setzt sich danach die ehemalige Forsythe-Tänzerin Teresa Ranieri mit Schmerz, körperlich oder seelisch, auseinander. „In the Land of P …“ ist eine Performance über die Frage, ob wahre Kunst nur aus tiefem Leid entstehen kann. Dabei riskiert Ranierei (dem heurigen Motto gemäß zwischen den Welten von Frankfurt und Linz, Italien und Portugal lebend) auch einen ironischen Blick auf den Umgang mit Schmerz und Leiden Beendet wird der Abend mit dem jungen Chinesen Jianan Qu, der in „Surface“ den Unterschied zwischen China und Österreich thematisiert: „Wie eine riesige Wand aus Wasser“.
Wie an jedem Abend, so soll das Publikum auch an diesem nicht sofort ins Café Ahmad & Co zum Digestif eilen, sondern noch eine Weile mit den Künstlern und Künstlerinnen plaudern, Fragen stellen, Lob oder Tadel spenden. (19.6, Film, 19.30 Uhr, Performancebeginn: 20.15 Uhr.)
Nach den „Traiskirchner Kunststücken 2“, versuchen Roderich Madl /Pilottanzt (Choreografie) und die Breakdance/Urban Styles-Virtuosin Silke Grabinger (Tanz) zu zeigen, was den Kunstkörper in Aufführungen von der Darstellung des Körpers im Alltag unterscheidet. Unterbrochen, gebrochen oder auch unterstützt wird Grabingers Performance unterschiedlicher Tanzsstile von Vladi Tchapanovs experimenteller Musik, Videointerventionen und einer Liveperformance der Beatboxcrew Massive Beats. Danach, wenn alle Fragen zum Stück beantwortet sind, lädt Christian Felber, Mitbegründer und internationaler Referent von Attac Österreich, zum öffentlichen Gespräch zum Motte des Festivals, „crossing borders“, ein. Felber ist nicht nur Aktivist und Publizist sondern arbeitet auch als Tänzer, etwa mit der Cie. Willi Dorner. (20.6., 19.30 Uhr)
Den letzten Abend hat sich die Editta Braun Company selbst vorbehalten. Mit dem Tanztheaterstück „Coppercitiy 1001“, einer Episode aus den von Scheherazade in 1001 Nächten erzählten Märchen, hat Editta Braun mit ihrer Company nicht nur geographische Grenzen überschritten (entstanden in Alexandria und Salzburg, wurde das Stück auch in Kairo, Lahore, Amman und El Kef in Tunesien gezeigt), sondern auch stilistische und kulturelle. Thematisiert wird in Coppercity, der Kupferstadt, die Schuld, die durch Schweigen und Wegschauen, entsteht. Das Spezielle an diesem Stück ist aber die Zusammenarbeit von Künstlern aus der christlichen und solchen aus der islamischen Welt. Kein einfaches Unterfangen, wenn man über Recht und Unrecht, Gewalt und Schuld ein gemeinsames Stück plant, zumal niemand aus der Company arabisch spricht. Davon, dass eine Übereinkunft gelungen ist, kann sich das Publikum am Sonntagabend überzeugen. Zwischen „Traiskirchner Kunststücke 2“ und „Coppercity 1001“ zeigt Anna Maria Müller im Haydn Saal den Kurzfilm „K08“, in dem die Tänzerin und Mitarbeiterin der Editta Braun Company, den Körper als Prägungsfeld von Religion und Kirche im Spannungsbogen zwischen Christentum und Islam zeigt. Nicht schwer zu erraten, dass dieses Solo aufgrund eigener Erfahrung in den Ländern entstand, wo Anna Maria Müller Kontakte gepflegt und getanzt hat. (21.6., 19,30 Uhr)

Die Workshops
Wie jedes Jahr sollen nicht nur wenige tanzen und viele zuschauen, sondern in den Workshops auch viele Tanzfreudige selbst in Bewegung geraten. Zeitgenössischer Tanz, Hip Hop, African Dance, Capoeira und Bollywood Dance stehen zur Auswahl. Auch junge TänzerInnen von österreichischen Ausbildungsstätten sind wieder eingeladen. Im Choreografie LAB von Manfred Aichinger werden sie trainieren und danach - gänzlich ungewohnt - unter freiem Himmel bewegen. Die öffentlichen Performances rund um das Festspielhaus finden vom 17.-19. 6., jeweils um13.30 Uhr statt.
Zuletzt soll noch erwähnt werden, das Kuratorin Editta Braun mit dem Festival auch ein persönliches Fest feiern darf: Ihre Company wird heuer 20 Jahre alt. Aus diesem Anlass hat Editta Braun auch ein Buchprojekt verwirklicht: „Tanz Kunst Leben. 20 Jahre editta braun company“ (und zugleich 20 Jahre Tanzgeschichte) ist von Gerda Poschmann-Reichenau herausgegeben und wird zur Eröffnung des Vorstellungsteiles des Festivals am 17.6. um 18.30 Uhr vorgestellt.

Österreich tanzt, 17. bis 21.6., 2009. Workshops ab 15.6., Festspielhaus St. Pölten.
www.festspielhaus.at


Ditta Rudle

Submit am 06.06.2009

 

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