Auch wenn sich noch keine Wehmut breit macht, der Abschied ist nicht mehr weit. Wenn Sigrid Gareis das letzte Halbjahr ihrer Intendanz im Tanzquartier einleitet, ist davon nichts zu spüren. Immerhin sind noch fünf Inseln zu bereisen und erst auf der letzten, der 10. in dieser Saison, wird Abschied gefeiert. Zugleich wird dann, am 25. Juni 2009, mit einem Theorieband der Blick in die Zukunft gerichtet. The future will be confusing heißt der von Gareis und Krasimira Kruschkova herausgegebene Band (in Deutsch und Englisch). Er wird Gedanken und Vorstellungen von KünstlerInnen, VeranstalterInnen und TheoretikerInnen enthalten und mit Lecture Performances auf DVD auch sinnliches Vergnügen bieten. Bis aber die achtjährige Ära Gareis, zugleich die Gründungsoktav des Tanzquartier Wien, mit Glanz und Gloria beendet wird, wird noch fleißig gearbeitet, hinter, vor und auf der Bühne. Auf der Bühne etwa wird Alain Platel mit Les Ballets C de La B zu Gast sein und seine Kreation, pitié, basierend auf Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion, zeigen (6., 7.3.). Mathilde Monnier und La Ribot unterhalten mit Gustavia (18.4.), der bereits bei ImPulsTanz erfolgreichen Burleske über die Kunst der Verwandlung, das Leben als Frau und die Möglichkeiten des Tanzes. Die Monnier kommt übrigens auf die Insel Nummer 8, auf der Musen, Meister und Monster hausen. Wie alle anderen Inseln liegt auch diese nicht im Meer sondern mitten im Tanzquartier und ist eigentlich kein Ort sondern ein Begriff, Synonym für Schwerpunktthema. Also, Mathilde Monnier ist eine Meisterin, Stephanie Cumming eine Muse. Als Tänzerin ist sie aus Chris Harings Ensemble Liquid Loft nicht wegzudenken und doch ist die Frage, wer wen verändert, der Haring die Cumming oder die Cumming den Haring, oder beide zusammen, Liquid Loft oder umgekehrt, schwer zu beantworten. Muse Cumming versucht es performativ, mit dem Lecture-Solo Redneck to Cyborg: A Shared Transformation (18.4.). Wer das Monster auf dieser, dem Training, den TrainerInnen, kurz allem, was tanzend abseits der abendlichen Vorführungen passiert gewidmeten Insel ist, wage ich nicht zu sagen. Vermutlich steckt dieses ohnehin in jedem und jeder, die mit Tanz direkt oder indirekt zu tun haben. Sei's drum, auf der Insel 8 treten außerdem auf: Doris Uhlich mit ihrer Tanzperformance Spitze (29.4.), Pichet Klunchun mit About Khon, einer Auseinandersetzung mit dem traditionellen thailändischen Maskentanz und seine Wirkung auf Europa, wofür möglicherweise Jerôme Bel steht, der sich mitten unter den Kohn-TänzerInnen bewegt (24.4.). Als Meisterin ist wohl auch Milli Bitterli einzuordnen, die mit einer Choreografie für fünf Frauen über Emotionen und Körperarbeit erzählen will. Auf Englisch klingt das Vorhaben gleich verständlicher: Motions need Muscels, sagt die Meisterin und lässt die Körper im Bühnenbild von Katharina Heistinger vom 8. bis 10. April Energie, Gefühle und Bewegung zeigen. Weiters finden auf der Insel öffentliche Meisterklassen, Vorträge und eine Outdoor-Performance zum Mitmachen von Amalia Altenburg und Philipp Ruthner (17.4.) statt. Etwas schwieriger wird es sein, die Insel 7 zu erobern. Auf der geht es um Skizzen zu Tanz und Gesellschaft durch die KuratorInnen, Codename Gravity. Das Projekt stellt die Frage, wie sich der zeitgenössische Tanz im Kräftefeld von Kunst und Gesellschaft bewegt. Hoffentlich leichtfüßig, vom 16. bis 28. März. Was neben den Vorträgen, Aktionen und Filmprogrammen gezeigt wird, sind lediglich Entwürfe, Skizzen also. Und dieser Entwurfscharakter der Skizzen gibt Einblicke in das, was im künstlerischen Werk oft nicht mehr sichtbar ist. Zugleich ermöglicht das Format der Skizze spezifische Momentaufnahmen gesellschaftlicher Empfindungen (sagen die KuratorInnen Sigrid Gareis und Joachim Gerstmeier vom Siemens-Arts Programm.) Skizzieren werden Cuqui Jerez, Amanda Piña / Nadaproductions, Marijs Boulogne, Vera Mantero, Christine Gaigg / 2nd Nature und Mette Ingvartsen. Auf der 9. Insel wird über Manifeste, Programme, Notationsweisen, Handlungsanweisungen und sonstige Instruktionen vor allem geredet. Instruktionen verraten ist das Motto, unter dem auch die Performances (von Chris Haring, Janez Jan_a, Oliver Frlji_, Krööt Juurak, Laurant Chetouane) zu verstehen sind. Die Insel kann vom 25. Mai bis 6. Juni besucht werden. Das erste Ziel beim Inselhopping ist Insel Nummer 6, eine quasi literarische Insel, Island: From a Piece
, auf der sich eine Idee von Boris Charmatz etabliert hat, der sich in seinem neuen Stück La danseuse malade - Die kranke Tänzerin mit dem literarischen (nicht dem tänzerischen) Werk von Tatsumie Hijikata, japanischer Schriftsteller und Erfinder des Butoh, befasst. Rund um die Performance von Charmatz (14.2.) sind bis 21. Februar, eine szenische Lesung von PerformerInnen, ein Themenabend mit anderen PerformerInnen und die Vorführung des Films Ne touchez pas la hache von Jacques Rivette (nach einer Erzählung von Balzac) samt anschließendem Palaver (15.2., Stadtkino, 11 Uhr) als Materialien arrangiert. Und weil es allgemein Anklang gefunden hat, wird auch das Projekt Künstlerinnen machen Öffentlichkeitsarbeit für das Tanzquartier weiter geführt. Für März / April hat Valie Export als Motiv für Plakate und andere Drucksorten eine Schere gewählt, die einen Filmstreifen durchschneidet. Außerdem hat die Präsidentin des Freundevereins des Tanzquartiers fünf kleine Skulpturen aus Scheren hergestellt, niedliche Scherentänzerinnen , die später verkauft oder versteigert werden. Der Erlös soll dem Verein BART zugute kommen, der sich dem Nachwuchs für Tanz und Performance verschrieben hat. Auch der Bundespräsident zeigt sich den Flötentönen aus dem Tanzquartier geneigt und hat die Tänzerinen und Tänzer aus dem TQ in die Hofburg eingeladen. Geplant ist die tanzende Erforschung und Eroberung der Zimmerflucht im obersten Stockwerk der Präsidentschaftskanzlei. Die Projekte für diesen Parcours werden nach einer öffentlichen Ausschreibung von Sigrid Gareis, Chris Haring und Meinhard Rauchensteiner (Präsidentschaftskanzlei) ausgewählt. Datum für dieses gewagte Unterfangen, steht noch keines fest.
http://www.tqw.at/
|