Getanzte Erinnerungen

Mit dem Festival „Berührungen“ erinnert die Initiatorin und künstlerische Leiterin Andrea Amort an die große Zeit der tanzenden Moderne vor 100 Jahren.

Tanz in Österreich hat einen festen Stellenwert. Tendenz: steigend. Sechseinhalb Millionen gibt die Stadt jährlich für Tanz und Performance aus und getanzt wird nicht nur im Tanzquartier. Auch im WuK, im Brut, im Kosmos und nicht zu vergessen einen langen Sommermonat beim ImPulsTanz Festival. Und auch im Odeon. Im Oktober extensiv und sowohl zurück als nach vorn blicken. Mit dem Festival „Berührungen. Tanz vor 1938 - Tanz von heute“.
So reich und lebendig war die heimische Tanzszene nicht immer. Nach dem 2. Weltkrieg herrschte Ebbe auf den Tanzbühnen des Landes. Erst dem Tanztheater Wien /Liz King und Team) und dem Ensemble homunculus (Manfred Aichinger / Nikolaus Selimov) erwachte vor etwa 30 Jahren die Szene. Wieder. Wieder, weil es auch davor schon, vor dem Großen Krieg, ein Leben mit dem Tanz gab. Der freie Tanz könnte heuer seinen 100. Geburtstag feiern, hätten nicht die Nazis Tabula rasa gemacht. Einerseits durch die Vertreibung und Ausrottung jüdischer KünstlerInnen, andererseits auch durch künstlerische und ästhetische Vorgaben, denen sich auch die Verbliebenen nicht beugen wollten. Die Namen der Tanzpionierinnen - Grete Wiesenthal und Gertrud Bodenwieser, Isolde Klietmann, Margarethe Wallmann, Cilli Wang, Hanna Berger oder Rosalia Chladek - der 20er und 30er Jahre sind in keinem Archiv verzeichnet. Es existiert überhaupt kein Tanzarchiv in Wien. Doch es leben noch immer SchülerInnen, die sich erinnern, Nachfahren, die eine Brücke schlagen wollen, vom Vorgestern zum Heute.
Eine, die unermüdlich und akribisch die tänzerische Vergangenheit Wiens (und Österreichs) erforscht und immer wieder ins Gedächtnis ruft, ist die Tanzspezialistin (und Kurierkritikerin) Andrea Amort, Schülerin des Ausdruckstänzers Andrei Jerschik. Mit dem von ihr geleiteten Festival „Berührungen im Wiener Odeon suchen Tänzer und Tänzerinnen, Choreografinnen und Choreografen den Anschluss an die einst so reiche Blüte treibenden Wurzeln.
Da beschäftigt sich Renato Zanella mit der Tänzerin, Choreografin und als Ballettchefin der Wiener Staatsoper seine Vorgängerin Margarete Wallmann; Nikolaus Adler (homunculus) eignet das neue Stück „Oedipus Is Complex" seiner verstorbenen Lehrerin Rosalia Chladek zu und Fanny Brunner erarbeitet gemeinsam mit Rose Breuss „Das fremde Mädchen“, eine Tanztheater Performance, die hinter das Lächeln der Grete Wiesenthal schauen wird. Unter Amorts künstlerischer Leitung entstand der wunderbare Abend „Hanna Berger: Retouchings“ mit Ottilie Mitterhuber, einer Schülerin Bergers, als lebendige Zeugin. Die Hommage an Berger mit TänzerInnen des Tanztheaters homunculus wurde beim Festival „Österreich tanzt 06“ uraufgeführt und hat am 5. Oktober in Wien Premiere.
Ein besonderer Abend ist der 1921 in Wien geborenen Tänzerin Wera Goldman gewidmet. Wie ihre 1977 verstorbene Lehrerin Gertrud Kraus floh sie nach Israel und kehrt doch wieder in ihre alte Heimat zurück. Die Benefiz-Gala am 22. Oktober für Goldman steht unter der Regie von Bernd R Bienert, der die getanzten Gedanken unterschiedlicher ChoreografInnen ordnet und am Ende Wera Goldmann selbst auf die Bühne bittet. Sie wird den Psalm vom guten Hirten als Friedensbotschaft interpretieren und außerdem das Ehrenzeichen der Stadt Wien erhalten.
Rund um die Tanzabende hat Amort ein reiches Rahmenprogramm geplant: Filmnachmittage im Admiral Kino, Vorträge in der Alten Schmiede, Filmshowings im Tanz*Hotel in der Zirkusgasse und einen geführten Spaziergang durch den 2. Bezirk, wo einst nicht nur das jüdische Theaterleben blühte, sondern neben dem Odeon mehrere Tanzensembles beheimatet sind.
Mit dem Festival „Berührungen. Tanz vor 1938 - Tanz von heute“ erwecken die KünstlerInnen der Gegenwart die großen Namen der Vergangenheit wieder zum Leben. Sie reichen ihren Lehrerinnen und Vorgängerinnen sozusagen die Hände, berühren ein Kapitel Tanzgeschichte, das vom Vergessen bedroht ist.

http://www.odeon-theater.at/54.0.html
"Berührungen"
Tanz von 1938 - Tanz von heute
Vom 5. bis 31. Oktober 2008
im Odeon, Taborstraße 10, 1020 Wien
Karten und Informationen: 01/ 21 65 127

Ditta Rudle

Submit am 01.10.2008

 

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