Geglückter Neustart in Braunschweig

Mit vier Uraufführungen, einem Tanzfestival und vielen Vermittlungsprojekten geht es beim neuen Tanztheater am Staatstheater Braunschweig in dieser Saison noch abwechslungsreich weiter.

In Innsbruck begann sie eine neue Ära des Tanztheaters an Österreichs Landestheater. Nun ist Eva-Maria Lerchenberg-Thöny dabei, den hohen Norden Deutschlands mit ihrer eindringlichen Tanzsprache zu erobern. Zweimal hatte sie eine Einladung, als Ballettchefin nach Braunschweig zu kommen, bereits abgelegt, doch jetzt ist der richtige Moment für einen dortigen Neuanfang gekommen, findet sie.
Und der Erfolg sollte ihr Recht geben: dem neue Tanztheater ist am Staatstheater Braunschweig fulminanter Start geglückt. Das Ensemble spielt seine Einstiegsproduktion seit seiner Premiere am 27. Oktober vor ausverkauftem Haus - wie in Innsbruck, wo Eva-Maria Lerchenberg-Thöny mit enormem Engagement durchstartete und das Tanztheater als eine fixe, erfolgreiche Größe am Landestheater etablierte.
Mit fünf Premieren und einem Festival hat die neue Chefin in Braunschweig sich und ihren TänzerInnen in der ersten Saison jedenfalls ein mehr als ambitioniertes Programm verschrieben.

AND I LOVE YOU SO ... ?
Die erste Produktion in Braunschweig, „And I Love You So ...?“, basiert auf jenem Stück, mit dem sich Lerchenberg-Thöny 1994 vom Tiroler Landestheater verabschiedete. Ein idealer Einstieg für die TänzerInnen, die sich darin jeweils solistisch in einem Reigen der großen Gefühle präsentieren. Die Arbeit, die Lerchenberg-Thöny mit dem bunten 16-köpfigen Ensemble seit August leitet, wird gleich zu Beginn spürbar. Die TänzerInnen kommen einzeln auf die Bühne und müssen binnen weniger Augenblicke, mit sparsamen Gesten und Blicken ihren Charakter definieren: selbstbewusst und schüchtern, formal und leger, herausfordernd und vorsichtig, verklemmt und forsch, draufgängerisch und verlegen, freundlich und barsch, treffen sie im leeren Raum aufeinander. Und diese Eigenschaften werden auch ihre in ihre Soli und Duos getanzten Geschichten zu französischen Chansons von Edith Piaf oder Jacques Brel, zu Songs von Louis Amstrong bis zu Ice Cube bestimmen. Eines ist sicher: Das neue Braunschweiger Tanztheater ist eine internationale, bunte Truppe mit starken Persönlichkeiten. Natürlich haben jene TänzerInnen, die schon zuvor mit Lerchenberg-Thöny arbeiteten, ihren Stil (hohe Beine, weit sich ausbreitende Arme, lange Linien, die sich aus der Körpermitte entfalten) am Besten integriert, wie etwa die ausdrucksstarke Krisztina Pasztory und der unvergleichliche Jiri Kobylka. Von den „Neuen“ stechen an diesem Abend die zarte Kira Wortmann, die elegante Jana Ritzen, die junge, temperamentvolle Spanierin Sandra Munoz Lopez, die sympathische Brasilianerin Adrina Rodrigues de Souza sowie der behände Kubaner Alfredo Garcia Gonzales besonders ins Auge. Für alle aber gilt: sie zeigen Engagement und sind auf dem besten Wege, bei aller Verschiedenheit zu einem homogenen Ensemble zusammenzuwachsen. Das wird vor allem beim Abschlusslied, Hubert von Goiserns „Oben und unten“, deutlich. Riesenjubel im Publikum und Zugabe.

DIE PREMIEREN
So heiter werden die folgenden Produktionen, die sich Lerchenberg-Thöny für ihre erste Saison vorgenommen hat, wohl nicht mehr sein. Erstens hat die Choreografin immer gesellschaftspolitische Themen gewählt, um sie mit ihrem einzigartigen Tanzstil zu verkörpern. Für Lerchenberg-Thöny ist Tanz „sprechende Bewegung“, jedoch nicht in einem pantomimischen Sinn, sondern durch den Tanz. Sie ist eine der wenigen zeitgenössischen ChoreografInnen, die mit ihren Bewegungen Geschichten mit einem hohen emotionalen Impakt erzählen kann. So wird auch ihre nächste Choreografie von „Carmen“ am 8. März keine bunte Spanien-Hommage werden. Vielmehr geht es in Lerchenberg-Thönys Fassung um die Dissonanz der Außen- und Innenwelt, die sich auch in der Musik widerspiegelt. Der Carmen-Suite von Rodion Schchedrin steht eine für diese Inszenierung kreierte Komposition von Georg Zeitblom gegenüber.
Zweitens blickt die gebürtige Tirolerin bisher nicht nur auf eine vielgestaltige Karriere als Tänzerin und Choreografin zurück (siehe Biografie), sondern war zwischendurch auch Kinderbuchautorin, Regisseurin und Journalistin. Die Erfahrungen aus dieser Zeit, die sie etwa anlässlich einer Reportage über jugendliche Obdachlose gemacht hat, motivierten sie zu dem Stück „Endstation Straße“, in dem fünf TänzerInnen des Tanztheaterensembles aus Gesprächen mit obdachlosen Jugendlichen ihre (Tanz-)Geschichten entwickeln werden (Premiere: 11. April 2008).
Auch die Produktion „Jagdszenen“ basiert auf einem realen Vorfall und wird die Geschichte des algerischen Asylbewerbers Omar Ben Noui aufgreifen, der 1999 in Brandenburg von einer Gruppe Jugendlicher zu Tode gehetzt wurde (Premiere 30. Mai 2008).
Unter dem Titel „Isolation“ kommen am 12. April 2008 zwei Stücke der Gastchoreografen Patrick Delcroix (Frankreich) und David Williams (Australien) auf die Bühne des Staatstheaters Braunschweig.

TANZWELTEN 2008
Diese Uraufführung von „Carmen“ ist auch Auftakt für das Festival Tanzwelten 2008, das von 8. bis 16. März seinem Namen alle Ehre macht, ist dort doch zeitgenössischen Tanz zu sehen, der in Europa weitgehend unbekannt ist. Etwa die Beijing LDTX Modern Dance Company aus China, die Compagnie Woenyo aus Togo, das Terence Lewis Contemporary Dance Company aus Indien und die eine ägyptisch-französische Choreografie von Mohamed Shafik und Laurence Rondoni. Aus Österreich stammen die Choreografien auf Grundlage des Lebenswerks von Hanna Berger, „Hanna Berger Retouchings“, die im Juni 2006 im Festspielhaus St. Pölten uraufgeführt wurden, aus Dänemark reist das Danskdanseteater an. Ergänzt wird das Programm mit Publikumsgesprächen und Fachdiskussionen.

TÄNZERALLTAG ÖFFENTLICH
Dem Publikum Einblick die Arbeitsalltag von Tänzern zu geben, ist übrigens ein gelebtes Anliegen des Ensembles, das in regelmäßigen Veranstaltungen in kleinem Rahmen (im Ballettsaal) in Form von „Tanztees“ oder in größerem Rahmen (in Theater als Tanztheater-Matineen stattfinden. Dazu gehört auch eine umfassende Vermittlungsarbeit an und mit Schulen, die besonders in dem oben erwähnten Projekt „Endstation Straße“ ihren Niederschlag findet, das in enger Zusammenarbeit mit obdachlosen Jugendlichen sowie einer Klasse einer Braunschweiger Schule entstehen wird.
Am Staatstheater Braunschweig wird es in punkto Tanz mit Eva-Maria Lerchenberg-Thöny abwechslungsreich, herausfordernd und - last but not least und im besten Wortsinn - unterhaltsam werden!

www.staatstheater-braunschweig.de

Edith Wolf Perez

Submit am 13.12.2007

 

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