Tanz, Vollmundig wie alter Wein
|
Tanzen, singen, lieben: Mit Mozart /Concert Arias Un moto di gioia beschließt das Theater an der Wien das Mozartjahr. |
Turbulent und farbenfroh nähert sich das Mozartjahr im Theater an der Wien seinem Ende. Un moto die gioia eine Bewegung der Freude nennt Anne Teresa De Keersmaeker ihre Choreografie zu Konzertarien von Mozart. Das erotische Getändel und flinke Getrippel im Oval eines Parkettbodens ist schon vor 15 Jahren für das Festival von Avignon entstanden und aus dem Gastspielrepertoire der Compagnie Rosas nicht mehr wegzudenken. Der Zusammenarbeit von ImPulsTanz und dem Theater an der Wien ist es zu verdanken, dass das sinnliche Verwirrspiel endlich auch in Wien zu sehen ist. Bedenken, dass das Werk schon etwas angegraut sei, lässt de Keersmaeker nicht gelten. Im Gegenteil, meint sie, es ist gereift wie alter Wein. Die emotionale Aktualität entsteht jeden Abend neu und durch die jungen Tänzerinnen erhält das Stück einen guten Generationenmix. Dennoch muss die erfolgreiche Choreografin zugeben, dass es harte Arbeit war, das Stück nicht im Museum verstauben zu lassen. Ein Vorteil des sinnenfrohen Spektakels mit Tanz und Gesang ist die Live-Musik. Allessandro De Marchi dirigiert die Wiener Symphoniker. Die Sängerinnen Patrizia Biccirè, Olga Pasichnyk und Iwona Sobotka sind samt der Pianistin Claire Chevallier ins Geschehen integriert, müssen die Neckereien der Tänzerinnen und Tänzer lächelnd ertragen und einiges an schauspielerischem Talent aufbringen während sie Mozarts Liebeslieder singen. Wie bei allen ihren Stücken geht De Keersmaeker von der Musik aus. Ungewohnt sind die spaßigen Geschichten und erotischen Anekdoten, die sie erzählt. Ihre berühmten Choreografien Rosas danst Rosas etwa, In Real Time oder, zuletzt in Wien gesehen, Dun soir un jour sind Tanz pur, abstrakt nur auf Musik und Raum konzentriert. In diesem Stück aber, sagt De Keersmaeker, habe ich nicht nur Musik sondern auch Text. Da muss man reagieren, eine Antwort geben, ohne zu verdoppeln. Das war eine echte Herausforderung. So erzählt sie von Männern, die mit aus den Kniehosen hängenden Hemden aus dem Betten springen, lässt lüsterne Damen als dressierten Hündchen über die Bühne hoppeln und verliebte Jünglinge vergeblich werben. Es wird geflüstert und gebalzt, verführt und abgewiesen, geseufzt und geschnurrt und schließlich übereinander gepurzelt. Mozart selbst tritt zwar nicht auf, bleibt unsichtbar und doch überaus präsent, treibt seinen Schabernack mit Männlein und Weiblein und sitzt kichernd unter dem Klavier, zwickt die eine und den anderen ins Hinterteil und flüstert Vulgäres ins Ohr. Spannung entsteht durch die Genauigkeit der sehr schnellen Bewegungen, im Raum zwischen Berühren und Nichtberühren. 14 Jahre residierte De Keersmaeker mit Rosas als ständige Kompanie am Brüssels Théatre Royal de La Monnaie, wo einst Maurice Béjarts Ballett des XX. Jahrhunderts seinen Sitz hatte. Mit Ende der Spielzeit 05/06 wurde sie in die freie Wildbahn entlassen. Das hat große finanzielle Konsequenzen, auch für die Pflege des Repertoires. Es ist das erste Mal, dass es an der Brüsseler Oper keinen fixen Platz für ein Tanzensemble gibt. Es wird weiterhin Tanz geben, aber die Möglichkeiten einer Aufführung mit Livemusik und auch die auf Tournee zu gehen, sind sehr reduziert. Die Entscheidung der Direktion ruft in Anne Teresa De Keersmaeker keinerlei freudige Bewegung hervor.
Mozart / Concert Arias Un moto di gioia, 16, 17., 19., 20. Dezember, 19.30 Uhr, Theater an der Wien. www.theater-wien.at/
|
Ditta Rudle |
Submit am 14.12.2006
All rights reserved © http://www.tanz.at
|