Aktionstag für den Tanz

Symposium „Zeit des Tanzes“ des Österreichischen Tanzrates am 2. 12. 2006 in Wien

Der österreichische Tanzrat (ÖTR) unter der Leitung seines engagierten Präsidenten
Karl Musil lud am 2. Dezember 2006 Tanzpädagogen, Studiobetreiber, Vertreter von Ballettschulen, Theaterschaffende, Journalisten, Tänzer und last but not least Tanzfans zu einem Aktionstag für den Tanz in den Medienraum der Ballettschule der Wiener Staatsoper.
Ein erfreuliches Ergebnis gleich zu Beginn: Die Veranstaltung war gut besucht, der Saal voll mit Interessenten aus verschiedenen Tanzsparten.
Die Begrüßung erfolgte durch die Ehrenpräsidentin des ÖTR Marika Lichter, Musicalstar und in Österreich nicht zuletzt durch zahlreiche Auftritte im Fernsehen bekannt, und
Gyula Harangozó, Direktor des Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper. Karl Musil moderierte die Referate, Podiums- und Publikumsgespräche einfühlsam.
Zu Beginn erläuterte Martin Puttke die Tanzsituation in Deutschland und konnte nicht zuletzt anhand akribisch recherchierter Zahlen nachweisen, wie viele Tänzerstellen in Deutschland in den letzten Jahren innerhalb kürzester Zeit abgebaut wurden. Er warnte vor Begriffen, die Politiker grundsätzlich scheinbar wertungsfrei in den Raum stellen, die in letzter Konsequenz jedoch die Existenz des Tanzes in Deutschland bedrohen. Als Beispiel sei hier auf den Begriff „Fusion“ verwiesen, der u. a. in Berlin viele Tänzerstellen kostete (gleichzeitig verwies Martin Puttke auf den künstlerischen Erfolg des Staatsballetts Berlin). Welche Auswirkungen die Fusion der beiden Wiener Ballettcompagnien von Staats- und Volksoper hat, wurde in der anschließenden Diskussion nicht angesprochen. Bleibt zu hoffen, dass Martin Puttkes Appell an die österreichische Tanzszene, sich zu einer über Einzelinteressen stehenden Gemeinschaft zusammenzuschließen, um sich gegenüber Politikern und in der Öffentlichkeit besser behaupten zu können, nicht unerhört verschallt.
Im Anschluss berichteten die Kritikerin und Tanzwissenschaftlerin Andrea Amort und der freie Choreograph Bernd Bienert über Tanz und die Medien. Während Bernd Bienert die Befindlichkeiten eines Tanzschaffenden gegenüber der Kritik nicht ohne humorvoller Seitenhiebe erläuterte, berichtete Andrea Amort von der Geschichte der Tanzkritik in Österreich und von der derzeit besonders schwierigen Situation, dem Tanz in den Tageszeitungen den gebührenden Platz einzuräumen. Silvia Kargl (Autorin dieses Berichts und u. a. freie Mitarbeitern der österreichischen Tageszeitung Salzburger Nachrichten) verwies auf eine Umfrage bei den Lesern des Kulturteils der Salzburger Nachrichten, in der Tanz mit Abstand an letzter Stelle des Leserinteresses landete.
Nach der Mittagspause sprach Silvia Kargl auf dem Podium mit der bekannten österreichischen Kulturmoderatorin Barbara Rett, die aufgrund ihrer persönlichen Initiative wiederholt Tanzbeiträge im Fernsehen durchsetzte und auch als Tänzerin in der erfolgreichen „Dancing Stars“-Serie des ORF viel Publikumszuspruch fand. Barbara Rett bestätigte den zuvor gewonnen Eindruck, dass die Berichterstattung über Tanz immer schwieriger wird. Erste Tendenzen für eine umfangreiche Programmreform beim österreichischen Fernsehen im Frühjahr 2007 lassen erkennen, dass die Kulturberichterstattung grundlegend reformiert und neu ausgerichtet wird. Auch dieses Faktum sollte die österreichische Tanzszene zu einem verstärkten Engagement in der Öffentlichkeit bewegen.
Der nächste Schwerpunkt galt der Situation an den Ballettschulen. Gertraud Maar berichtete über den Tanz in privaten Studios und wies darauf hin, dass in der österreichischen Gesetzgebung weder der Tänzerberuf verankert ist noch eine einheitliche anerkannte Ausbildung für Ballettlehrer vorgeschrieben wird. Nach wie vor genügt ein Gewerbeschein zur Eröffnung eines Tanzstudios. Jolantha Seyfried, geschäftsführende Leiterin der Ballettschule der Wiener Staatsoper, und Ilse Öhlinger, Direktorin des mit der Ballettschule kooperierenden Gymnasiums in Wien, berichteten über Tanz als Berufsausbildung. Große Probleme bereiten der mangelnde Zuspruch von Buben und das Erlernen von Disziplin, deren Bedeutung auch den Eltern oft nicht wichtig genug scheint. Ebenso sprachen
Nikolaus Selimov, Abteilungsvorstand für Ballett und Tanzpädagogik an der Konservatorium Wien Privatuniversität, und Gabi Wahba, Fachgruppensprecherin für Tanz an den Wiener Musikschulen, über die Attraktivität und die Bedeutung eines vielseitig ausgerichteten Tanzunterrichts, der letztendlich jeder Berufsausbildung zugute kommen sollte. Martin Puttke regte daraufhin eine Diskussion an, ob es für Jugendliche psychisch belastend und somit schädlich sein könnte, von Anfang ihrer Tanzausbildung an damit konfrontiert zu sein, diesen angestrebten Beruf evtl. nie ausüben zu können. Eine wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema könnte hilfreich sein darüber fundierte Erkenntnisse zu bekommen. Ein Lichtblick für Wahba: an 2 Wiener Volksschulklassen wird anstelle der Turnstunde Tanz unterrichtet.
Dr. Rolf Fröhlich, auf Tanz und Sport spezialisierter Chirurg, referierte über Tanz und Medizin. Das Wissen um die körperlichen Voraussetzungen für Tanz findet in Österreich nach wie vor zu wenig Beachtung.
Ingeborg Tichy-Luger, Präsidentin des Ballettclubs der Wiener Staats- und Volksoper, widmete ihren Beitrag dem Thema Tanz und Sponsoren. Ihren Erfahrungen zufolge ist das Engagement von in der Öffentlichkeit bekannten „Stars“ für Sponsoren attraktiv, selbst wenn diese nicht aus der Tanzszene kommen.

Silvia Kargl

Submit am 14.12.2006

 

All rights reserved © http://www.tanz.at

Zum Seitenanfang