Der Kampf mit dem weißen Ritter

Am 27. April zeigt Tanztheater Homunculus in der Choreografie von Karin Steinbrugger „Giftige Flügel“, ein Stück über sexuellen Kindesmissbrauch. Wie kann man diese Thematik auf die Bühne setzen ohne plakativ zu werden, fragte tanz.at?

Laura spielt mit den anderen, aber irgendwie ist sie doch nicht da. Sie sitzt abseits, in sich versunken. Dann lacht sie wieder, scherzt, redet. Als ein Freund sie berührt, rückt sie ganz schnell weg. Sie ist so wie die anderen, aber - irgendetwas ist anders.
Das Tanzstück „Giftige Flügel“ erzählt die Geschichte von Missbrauch und Grenzüberschreitung aus der Perspektive des betroffenen Mädchens Laura. Ihre Verletzlichkeit, ihre Ängste, ihr Rückzug, ihr Schutzbedürfnis, ihr Zorn stehen im Mittelpunkt der Aufführung, die vor allem auf die Sprache der Bilder vertraut. Und es sind starke Bilder, die Karin Steinbrugger, Tänzerin und Choreografin beim Tanztheater Homunculus, wählt, jedoch gewürzt mit Witz, Buntheit und auch ein bisschen Leichtigkeit. Entlastend – wenn man an die Schwere der Thematik denkt. Das tut gut, und nicht nur der/dem ZuschauerIn, sondern auch Betroffenen.
Sexueller Missbrauch rührt an, regt auf und entfacht Diskussionen. Oft ist Missbrauch ein gut gehütetes Familien-Geheimnis. Der Täter kommt meist aus dem engeren oder weiteren Familienkreis. Er macht das Kind zu einem Objekt, benützt seine Abhängigkeit und sein Vertrauen, um die eigenen ‚Gelüste’ zu stillen, so erzählt Lilly Axster, Autorin, Regisseurin und seit acht Jahren Mitarbeiterin bei dem Verein Selbstlaut, Verein für Prävention von sexuellem Missbrauch.
Karin Steinbrugger lud Axster ein, sie fachlich und dramaturgisch bei der Erarbeitung des Stückes zu unterstützen. Ausgangspunkt der Inszenierung ist ein Text des Autors Heinz Janisch, der schon für Steinbruggers Produktion „Red Caps“, eine Variation des Rotkäppchen-Motivs, inszeniert für ein junges Publikum, die textliche Vorlage lieferte. Der Stoff interessierte sie und war aufgrund seiner Problematik auch eine choreografische Herausforderung. Ihr war es ein Anliegen, ihn in seiner ganzen Komplexität zu erfassen und gleichzeitig einen sensiblen Umgang zu finden, das heißt, die Problematik nicht eins zu eins auf die Bühne zu stellen.

Warum ‚Giftige Flügel’?
‚Giftige Flügel’ sind ein starkes Bild, meint Karin Steinbrugger. Zum einen stellen sie Schutz dar, zum anderen machen sie Protagonistin Laura (getanzt von Indira Nunez) ‚wehrhaft’. Denn diese Flügel sind nicht leicht und flaumig, sondern spitz und stachelig, nicht aus Federn, sondern aus Drahtbügeln und ehemaligen Jalousienblätter gebaut (Ausstattung: Martin Kuscher) und dienen auch als Waffe. Sie helfen Laura beim Kampf gegen den weißen Ritter (getanzt und dargestellt von Max Steiner), der Freund von Lauras Mutter. Das Kostüm ist gut gewählt, wirkt interessant und lustig. Trotzdem Laura eingeklemmt scheint, gibt das Kostüm ihr eine besondere Qualität, die sie von ihrer Umwelt und ihren FreundInnen unterscheidet und sie auch zu etwas Besonderem macht. Axster dazu: Sexuell missbrauchte Kinder werden oft stigmatisiert, aber sie sind nicht nur das missbrauchte Opfer, man vergisst, dass sie eben auch Kinder sind, die lachen, die weinen, die Hunger haben, die wütend sind. Es gibt vollkommen unterschiedliche Umgangsweisen mit dem Missbrauch, nicht nur den Rückzug, sondern auch die Wut, den Kampf, das Toben. Die Opfer sind die GeheimnisträgerInnen in der Familie, und besitzen dadurch auch Macht, die sie als Kinder jedoch maßlos überfordert.“
Der Choreografin war es wichtig, diese Aspekte in der Umsetzung des Stoffes miteinzubeziehen und die Betroffenen, die im Publikum sitzen, nicht noch einmal diesen traumatischen Gefühlen auszusetzen, „weil es kann passieren, wenn man so eine Geschichte in Szene setzt, und diese beängstigende, traumatisierende Situation wiedergibt, dass das Kind eine Sekundärtraumatisierung erfährt“ meint Axster im Gespräch. Darum entschied sich Steinbrugger für eine Darstellung, in der sich Realität und Traum miteinander vermischen und Laura aktiv und handlungsfähig wird. In der Inszenierung ist Laura mit Metall-Flügeln ausstaffiert und kann dadurch auch die Mächtige sein. Eine starke Darstellung, meint Axster, weil es eben eine Wunschvorstellung sei und es nicht dem Bild entspräche, das üblicherweise von Opfern transportiert wird. Meist wird nur die Ohnmacht gezeigt und alle anderen Anteile, die bei den Betroffenen genauso vorhanden seien, vernachlässigt. Steinbrugger hingegen verleiht in ihrer Interpretation Laura verschiedene Tönungen und präsentiert sie in ihrer ganzen Vielschichtigkeit, je vielschichtiger, desto besser.
Um der Schwere der Thematik zu begegnen und ihr ein wenig die Schärfe zu nehmen, kommen auch durchaus witzige Situationen vor, wie etwa die Begegnung der beiden Erwachsenen, die versuchen auf einem Matratzen-Sofa einander näher zu kommen, und aufgrund der Tücke des Objekts aber immer wieder scheitern. Bühnenbild und Kostüme sind so gewählt, dass sie auflockern und Leichtigkeit und Unbekümmertheit einbeziehen.
Denn niemand, die Betroffenen mit eingeschlossen, wollen nur Betroffenheit sehen, ist Axster überzeugt.

Wie geht man mit dem Ensemble an das Thema heran?
Um dem Ensemble (Martina Haager, Eva Müller, Gisa Schafzahl, Kun-Chen Shih und Natalie Trs) den Einstieg in die Thematik zu erleichtern standen am Anfang des Probenprozesses Gespräche mit Axster und den TänzerInnen.
Steinbrugger gab Stimmungen und Gefühle vor, die als Ausgangspunkt zur Entwicklung der Bewegungsstrukturen dienten. Anhand dieser Vorgaben erarbeitete sich das Team improvisatorisch Teile des Stückes, die Steinbrugger wiederum in choreografische Zusammenhänge setzte. Dabei mischte sie theatrale Elemente mit Tanzelementen. Mittlerweile hat sich die Geschichte vom ursprünglichen Ausgangstext entfernt, verändert und sich weiter entwickelt.
Musikalisch wurde Steinbrugger von Musiker und Komponist Martin Kratochwil unterstützt. Die Szenen wurden mit Video aufgenommen und Kratochwil setzte die Musik sehr genau, damit werden die TänzerInnen und die verschiedenen Stimmungen gezielt unterstützt.
Steinbrugger möchte mit dem Stück keine Antworten oder Lösungen oder gar Umgangsweisen vorgeben, sondern möchte zur Diskussion anregen, Räume aufmachen und Gedanken eröffnen. Und – so Steinbrugger – ermutigen und ermuntern, aktiv zu werden.
Im Sinne der Prävention wurde der Probenprozess selbst von einer Workshopreihe an einer AHS sowie von offenen Proben für interessierte Schulklassen begleitet und LehrerInnen hatten die Möglichkeit an einem Workshop teilzunehmen. Mitglieder des Vereins Selbstlaut stehen im Anschluss an das Stück für Fragen zur Verfügung.


Termin:
Dschungel Wien
27. – 30. April & 9. – 13. Mai
Karten: 01 / 522 07 20-20 oder tickets@dschungelwien.at

Verein Selbstlaut
1090 Wien, Berggasse 32 / 4, Tel: 01 / 810 90 31
mailto: selbstlaut@telering.at

Gabriele Haselberger

Submit am 18.04.2006

 

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