Tanz in Bozen –Bolzano Danza

Ein Festival der Novitäten

Auf ein Neues! Nach den Feierlichkeiten zum 20 Jahr-Jubiläum im Vorjahr hat auch der diesjährige Sommertanz (15. – 30.7.) viel Interessantes aufzuweisen. Während es im Neuen Stadttheater diesmal ausschließlich italienische Erstaufführungen gab, konnte man auch im parallel dazu ablaufenden Kursprogramm – veranstaltet vom Südtiroler Kulturinstitut unter der Leitung von Ulrich Roehm, Edith Wolf Perez und Sigrid Hafner - mit Neuem Aufwarten.

Spannende Begegnungen

Neben den arrivierten Ensembles des Grand Theatre du Genève und dem Ballet National de Marseille lockten Compagnien aus Ostteuropa zum Besuch ins Stadttheater. Die Schweizer Truppe (15.7.) hatte 3 Stücke mit im Gepäck. Seit den 60er Jahren nicht nur mit klassischem Tanz im Repertoire, ist das Ballett aus Genf offen für Zeitgenössisches. Der Japanische Choreograph Saburo Teshigawara ist ein Meister der dynamischen Bewegungsformen, die er gründlich erforschte. Jede Bewegung wird entwickelt, kultiviert in einer ganzen Abfolge, danach folgt ein statisches Verharren und Pausieren in ruhiger Harmonie bis zum nächsten Bewegungsimpuls. Mit „Para-Dice“ zeigte er seinen Stil in einer vollendeten Einheit aus Tanz, Musik und kontrastierendem Bühnenbild bzw. entsprechenden Kostümen.
Auch „Loin“ von Sidi Larbi Cherkaoui war ähnlich strukturiert, wirkte aber streckenweise zu repetitiv. Der Belgier wurde 2002 als Bester Nachwuchschoreograph mit dem Nijinsky-Award ausgezeichnet. Cherkaoui lässt die 22 TänzerInnen verschiedenen Begegnungen wahrbnehemen. Nähe und Distanz zwishcne Welten, Zeiten und Völkern sind im Bewegungsvokabular (angereichert durch akrobatischen Elemente), den Kostümen (Kimonoartiges bzw. Kittel), im gesprochenen bzw. gesungenen Text ausgedrückt. Wunderbare Port de bras herrschen vor, ist doch eine Armlänge die Individualdistanz zwischen 2 Wesen.
Das Mittelstück „Selon désir“ kann mit den beiden anderen Piecen nicht ganz mithalten. Der aus Kreta stammende Choreograph Andonis Foniadakis stellte das Göttliche dem Irdischen gegenüber, zeigte aber nicht viel Geschick in der Gestaltung der Gesamtkonstellation. Der Tanz, die bunten Kostüme die Bühnenausstattung (schwere, von oben herabreichende, sich hebende und senkende Monolithe? Lautsprecherboxen?), die Musik (Ausschnitte aus Matthäus- und Johannes-Passion) fügten sich nicht abgerundet zusammen.

Gewöhnungsbedürftiges aus dem Baltikum

Ganz anders das Von Krahl Theatre aus Estland mit einer eigenartigen Schwanesee-Version zu Ausschnitten aus Tschaikowskys entsprechender Ballettmusik (18.7.).“The Swan Lake“ (Choreographie: Sasha Pepelyaev; Idee und Video: Peeter Jalakas) ist eine wirre Performance, die mit 90 Minuten etwas zu lang geraten ist. Diese Collage aus Tanztheater, Schauspiel und Tanz sowie äußerst interessanten Videoüberblendungen geht von der Politisierung dieses Ballettklassikers anlässlich des revolutionsartigen Putsches von 1991 in Russland aus, als statt Nachrichten-Informationen ständig dieses Werk im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Alle Tabus dieses Handlungsballetts werden gebrochen, alle bisherigen Deutungen auf den Kopf gestellt. Durchgehende Geschichte gibt es hier nicht, aber Teile lassen sich erkennen: 3 Männer (Prinzen? Rotbärte? Politapparatschiks?) fliegen in Ölfässern auf die Erde/Bühne und verlassen sie am Ende nackt, indem sie sich mittels Projektionswand in Schwäne verwandeln und davonfliegen.. Es gibt je eine weißgekleidete (weißer Schwan?) und eine schwarzgekleidete (schwarzer Schwan?) Frau. Letztere weint ständig (indem sie einen triefenden Schwamm in einem Kübel ausdrückt, bis die Wasserstandsanzeige am Bühnenhintergrund den See betreffend bedenklich hoch steht). Besonders gut gelungen sind die Videosequenzen und deren Zusammenschnitte wie z.B. den so entstandenen 4 mal 4 kleinen Schwänen – die Einspielungen reichen von Originalausschnitten aus dem Schwanensee-Film mit Galina Ulanova, über sportliche Athleten bis zu Maschinen betreibende Arbeiter. Projeziert wird auf die verschiedensten Flächen – Bettlaken ebenso wie einen nackten Frauenrücken. Ölfässer, Eimer, Pölster, Leintücher und Tuchenten spielen als Requisite eine wichtige Rolle.

Bemerkenswerte Gäste aus Osteuropa

Das Polish Dance Theatre (19.7.; Studiotheater) trägt zwar den Begriff “Tanztheater” im Namen, doch die gezeigten feinen Kammertanzstücke hatten stark tänzerischen Charakter. „Barocco“ – ein Auftragswerk für die Biennale de la Danse in Lyon 2004 - erinnert ein wenig an Kylian´sche Finesse. Zur Musik von Bach benutzt der Choreograph Jacek Przybylowicz einen zeitgenössischen, ästhetischen Bewegungsstil, in den er barockanmutende Bewegungsornamente einflicht. Das sechsteilige Stück weist unterschiedliches Tempo und verschiedene Dynamik auf. Soli, Pas de deux und Gruppen wechseln einander ab, die Farbe Rot zieht sich durchs gesamte Stück (Kostüme, Bühneneinrandung mit Blumen). Ebenso gelungen „The Dove´s Necklace“, das im arabisch-orientalischen Kontext steht. Przybylowicz, der 8 Jahre Solist bei der israelischen Kibbutz Contemporary Dance Company war, zieht aus seinen dortigen Erfahrungen kreativen Nutzen für seine eigenen Werke. Seinen Namen sollte man sich jedenfalls merken. Die Finnin Virpi Pahkinen kann mit diesem Erfolg nicht ganz mit. Sie nahm sich die Regieführung von Ingemar Bergmann zum Vorbild, kann aber die Spannung in „Zefirum“ nicht durchgehend im Publikum halten. Die Idee von der ägyptischen Gottheit/Statue und dem Volk ist gefällig, aber mit 20 Minuten zu lange konzipiert.
Allgemein fällt auf, dass die Compagnien aus dem ehemaligen Ostblock in den letzten Jahren einen Quantensprung in ihrer künstlerischen Weiterentwicklung machten. Der Hunger nach Neuem ist äußerst bemerkenswert, der Fleiß nachzuholen um den Anschluss zu finden, immens. Auf weitere erfreuliche Ergebnisse der tänzerischen Arbeit darf man gespannt sein.

Innovation und Bewährtes im Kursprogramm

Zu den beliebten und bewährten DozentInnen der vergangenen Jahre wie u.a. Gillian Anthony, Elaine C. Holland (beide Ballett), Anne-Marie Porras (Jazz), Brigitta Luisa Merki (Flamenco), Andy Lemond (Funky-Jazz, Hip Hop) und Dick O´Swanborn (Musical und Jazz) gesellten sich einige Debutanten nach Bozen. Die PädagogInnen wurden heuer wieder bei einem Eröffnungsabend (17.7.) im Haus der Kultur „Waltherhaus“ den TeilnehmerInnen vorgestellt.
Der Spanier Vicente Saez – er gastierte zuletzt 2003 mit dem Frauensolo „Ruah“ bei Bolzano Danza – unterrichtete seinen zeitgenössischen Tanzstil, der von der Atmung als Auslöser für dynamische Bewegung, vor allem Spiralen, ausgeht. In Choreographie/Komposition gab er seinen eifrigen Schülerinnen Anleitung für Improvisation. Was für ein erhebendes Gefühl, einmal mit einem international renommierten Choreographen arbeiten zu dürfen ohne einer professionellen Compagnie anzugehören.
Durch Kaleiula Kanaeo wurde exotisches Flair in den Workshops verbreitet. Sie unterrichtete sowohl Hula Kahiko (traditioneller hawaiianischer Tanz) als auch Hula Auwana (moderner hawaiianischer Tanz) und stellte damit sozusagen als tanzende Botschafterin ihrer Heimat die alten Kulturüberlieferungen Hawaiis einer sehr interessierten Frauengruppe vor.
Chesse Rijst begeisterte alle bei Jazz und Musical. Nancy Lushington vereinte in ihrer Person 2 Tanzwelten. Aufgewachsen mit klassischem Ballett und geschult in Modern Dance (May O´Donnell Technik) leitete sie hier auch Unterrichtsstunden für beide Tanzrichtungen, die mit viel Animo angenommen wurden.

Allroundkünstler und Altmeister

Eine Sonderstellung nahm diesmal Bob Curtis ein. Obwohl er im September unglaubliche 80 Jahre alt wird, ist seine Energie und sein Engagement für den Tanz unerschöpflich. Seine Afro-Contemporary-Stunden sind jedes Mal Highlights. Heuer präsentierte er sich auch als Maler mit der Ausstellung „Paintings to live with“ im Foyer des Studiotheaters. Die Bewegung ist nicht nur ein Grundthema im Tanz, sie findet sich auch in seinen farbkräftigen Acrylbildern. Ihre abstrakte form strahlt kraft aus. Eigentlich war Bob Curtis ja bereits Maler, bevor er sich dem Tanz zuwandte. Beide Kunstrichtungen begleiteten ihn durch sein leben. Somit konnten die Fans des Tänzers und Choreographen Curtis als Erinnerungsstück ein Werk des Malers Curtis erwerben und somit ein wenig von dem Allroundmeister zu sich nach Hause tragen- eben Bilder, mit denen man leben möchte.

Tanz für jeden Geschmack

Als besonderes Gustostückerl für Spezialisten galt wohl das 3tägige Seminar für Tango argentino (15. – 17.7.), das von Patricio Polly, Esteban Moreno und Claudia Codega sowie Ezequil Paludi und Sabrina Masso betreut wurde. Bei einer Milonga konnte man das Können der Tangostars bewundern.
Zur Abrundung des ohnedies sehr umfassenden Programms wurde den Besuchern des Tanz- und Kursfestivals in Bozen noch Gelegenheit geboten, entweder im festival café nach den vorstellungen den Abend gemütlich ausklingen zu lassen oder bei Live-Musik selbst aktiv zu werden.
Bei 2 Terminen auf dem Waltherplatz konnte jedermann das Tanzbein nach Belieben schwingen: Bei Gesellschaftstanz (20.) bzw. Samba und Afro-Brasiliansichen Tänzen (26.).

Ira Werbowsky

Submit am 29.07.2005

 

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