Ausdruck unseres ganzen Wesens? |
Zur Ausstellung von Piet Mondrian in der Albertina (bis 19. Juni 2005) |
Ein Besuch der Ausstellung Piet Mondrian ist mehr als eine bereichernde Gelegenheit, einen wesentlichen Teil der Arbeit einer der Schlüsselfiguren der Moderne zu sehen, sondern erlaubt auch die künstlerische Entwicklung dieser Bewegung, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts dominiert hat, aus der Perspektive eines Künstlers zu erleben, der sie maßgeblich inspiriert hat: Piet Mondrian. Damit setzt die Albertina ihre ausgezeichnete Ausstellungsserie fort, die sie seit ihrer Wiedereröffnung zum meist besuchten Museum Wiens gemacht haben. Die Mondrian-Retrospektive präsentiert über 90 Gemälde aus 30 Museen und Sammlungen und ist als Entwicklungsprozess von seinen ersten figurativen Arbeiten bis zur totalen Abstraktion aus Linien und Farben zu verfolgen. Folgt man der Chronologie wird die künstlerische Entwicklung seines Oeuvres deutlich. Um aber seinen Entschluss für eine bestimmte Richtung zu verstehen, ist Mondrians einzige Publikation Neue Gestaltung (Neue Bauhausbücher, Gebr. Mann Verlag Berlin) aufschlussreich, in der er die Ideen, die seine Arbeit begleiten, klar definiert. Im ersten Absatz beschreibt er die Intention, die ihn von nun an begleitet: Die Logik verlangt, dass Kunst der bildliche Ausdruck unseres ganzen Wesens sei, also auch der gestaltete Ausdruck des Nicht-Individuellen
Visuell sind seine Zeichnungen wie Blühender Apfelbaum oder Der rote Baum Studien, die die magische Transformation zeigen, und mit denen er seinen Stil und seine Richtung fand. Zuerst handelt es sich um eine Stilisierung der Natur, um danach völlig mit ihr zu brechen. Der Mensch von heute hat nur widerwillig die Natur überschritten, schreibt Mondrian in seinem Quasi-Manifest der Moderne. Er präsentiert sie als Ausweg aus dem Chaos des natürlichen Lebens und die abstrakte Malerei als eine Befreiung aus seiner Konditionierung. Die anschließende Entwicklung zeigt einen Mondrian, der einen beinahe absoluten Grad an Abstraktion erreicht. Sein Universum besteht aus Farbflächen und Linien, die ihre Harmonie in einer zwingenden Beziehung zum Objekt finden, die das Objekt selbst sind. In diesem Zusammenhang empfiehlt der Biograf Michel Seuphor, die abstrakte Arbeit Mondrians als Ikonen einer metaphysischen Form der Malerei zu betrachten. Für die letzte Periode seines Schaffens ist diese Behauptung sicher richtig. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, ob sie kohärent ist mit der Definition der modernen Malerei, die Mondrian in seinem Buch Neue Gestaltung skizziert. Sind Mondrians späte Werke wirklich eine Kunst, die Ausdruck unseres ganzen Wesens ist?
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Gerardo Wolf Perez |
Submit am 24.03.2004
Online am Dienstag 24.03.2004
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