Tanzen und Bühnentanz

Gedanken anlässlich des Videos zu 20 Jahre Tanz in Bozen

Zur Feier des 20-jährigen Jubiläums von Bolzano Danza / Tanz in Bozen produzierte der italienische Fernsehsender RAI in Zusammenarbeit mit dem Festival ein Video, das aufgrund seines Inhalts auch als eine Dokumentation der Probleme und Alternativen des heutigen Tanzes gesehen werden kann. Bedauerlich, dass es nur für das Fernsehen gemacht wurde und nicht gekauft werden kann.

Ulich Roehm, einer der Initiatoren des Projektes, beschreibt Bozen zu Beginn der 80er Jahre als einen Ort, der auf der Tanzlandkarte keine Relevanz hatte, als in Europa der Tanz als Kunstform zunehmend Fuß fasste. Zwei Projekte wurden parallel entwickelt: ein Festival und eine Serie von Intensivkursen für Amateure bis hin zu Professionellen, um Bozen in diesem Europa des Tanzes zu positionieren. Diese Zielsetzung wurde gänzlich erfüllt.

Doch die Situation des Tanzes in Europa im Jahr 2004 ist nicht der Boom der achtziger Jahre. Interessanterweise rollt die Dokumentation die aktuelle Situation anhand einer professionellen klassischen Ballerina aus Bozen auf, die eine einfache Geschichte erzählt: Alessandra Pasquali erfuhr ihre ersten professionellen Kontakte zum Tanz in den Kursen des Tanzsommers Bozen, verfolgte daraufhin ihre berufliche Karriere in verschiedenen Städten Europas und ist zur Zeit Tänzerin beim Wiener Staatsopernballett. Eine Geschichte, die es zu rechtfertigen scheint, den Tanz nach Bozen gebracht zu haben.

Ist es wirklich so? Kann die Tatsache, den Tanz in eine europäische Stadt zu bringen, nur unter dem professionellen Aspekt verstanden werden? Und was ist mit den hunderten anderen Besuchern der Kurse passiert? Welche Bedeutung hatte die Teilnahme an den Kursen für sie? Ist der Tanz eine Aktivität, die nur in der ästhetischen Dimension auf der Bühne einen Sinn ergibt?

Obwohl die Ballerina uns bis zum Ende begleitet, so erhält man in den dreißig Minuten der Dokumentation von Dozenten und Studenten doch verschiedene Antworten auf diese Fragen. Besonders interessant ist die Aussage einer Teilnehmerin der Flamencokurse, die sagt, dass Flamenco für sie ein Moment tiefer Meditation ist. Man könnte meinen, dass jede andere Sache besser zum Meditieren geeignet ist als der Flamenco, vor allem wenn man an die Klischeehaftigkeit einiger Präsentationen der letzten Jahre denkt. Doch wenn man über die Rüschenkleider und Torerohosen hinaus seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge richtet, durchschreitet man ein Portal in eine einzigartige Poesie, die nicht nur Worte umfasst, sondern auch Bewegung und zweifelsohne eine Art von Meditation bedeuten kann: der Rhythmus der Füße, die die Erde anfrufen, das Klatschen, das Freude hinausschreit und die Stimme, die sich in den Lamento der Vergangenheit flüchtet.

Dennoch, das Video präsentiert Bewegung ausschließlich in der ästhetischen Form des Bühnentanzes. Die teilweise chaotisch-experimentellen Bewegungen im Studio sind schwierig als Bild einzufangen und die Macher der Dokumentation beschlossen, diese Herausforderung nicht anzunehmen.

Die Szenen und Momente, die man aus zwanzig Jahren Festival zusammentragen kann, sind wunderschön und die Namen der Choreografen, die man nach Bolzano gebracht hat, beeindruckend.

Aber wird der Bühnentanz aus der Notwendigkeit zu tanzen geboren, aus jenem Zustand, der uns mit einem tiefen und archaischen Aspekt unserer conditio humana verbindet oder gehorcht er ausschließlich der ästhetischen Kreation und erhält er seine Rechtfertigung nur durch die Aufführung auf der Bühne?

Dreißig Minuten Dokumentation über 20 Jahre Arbeit sind nicht genug für eine einfache Antwort, aber sicher ist diese Frage ein Thema, das relevant für die Zukunft des Tanzes, oder einer Zukunft des Tanzes ist.

Doch zurück zur Realität von 2004: Bozen kann stolz sein, was es im Tanz erreicht hat. Die Verbindung mit dem Tanz hat die Grenzen erweitert, Barrieren überwunden und die Probleme einer komplexen Gesellschaft mit verschiedenen Sprachen hintan gestellt. Vielleicht kann ja diese einzigartige Form der Kommunikation, die der Tanz darstellt, in einem Europa aus 25 und mehr Staaten, beim Prozess des Zusammenwachsens helfen.

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Gerardo Wolf Perez

Gerardo Wolf Perez

Submit am 06.08.2004

 

Online am Dienstag 06.08.2004

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