Abschlußveranstaltung des Projekts "Tanz aus der Reihe"

Lümmeln mit Showqualität

Der Wettergott oder ist es doch eine Wettergöttin? – egal, jedenfalls schien die Sonne als sich am 26. Mai über 200 SchülerInnen mit ihren LehrerInnen (darunter auch ein Mann!) und Choreografinnen im Choreografischen Zentrum Linz einfanden, um den Abschluss eines ambitionierten Projektes zu feiern: „Tanz aus der Reihe“ initiiert vom ÖKS.

Schulen aus ganz Österreich waren vertreten, von Burgenland (mit Liz King als choreografischen Tutor) bis Vorarlberg. Seit Mittag wurde geprobt, Punkt 15.30 fiel der Startschuss für die Schlussveranstaltungen. Zu Blöcken von jeweils vier Schulen zeigten die SchülerInnen Kurzstücke, die sie mit ihren Choreografinnen erarbeitet hatten. Das Spektrum reichte von kleinen choreografischen Experimenten mit Showqualität, über kurze Stücke mit Tanztheaterflair bis hin zur strukturierten Improvisation von SchülerInnen des Musikgymnasiums aus Feldkirch in Vorarlberg, die mit der Improvisationskünstlerin Brigitte Jagg zusammen arbeiteten. Dort wurde klassenübergreifend gearbeitet, denn: „Mir war es wichtig, dass alle SchülerInnen auf freiwilliger Basis kommen“, sagt Jagg. Da in ihren eigenen Werken spielt Musik eine wichtige Rolle, wollte sie eine kleine Live-Band mit einbinden. Für alle, etwa 20 TänzerInnen sowie fünf MusikerInnen, war es ein Sprung ins kalte Wasser, da einige zwar Bewegungserfahrungen hatten, aber zum ersten Mal mit Improvisation zu tun hatten.
In den Einheiten, die die Choreografin zur Verfügung hatte, arbeitete sie sehr physisch mit dem Körper und ging dann erst ins Improvisieren. Wichtig dabei war ihr, dass auch die Musiker am Körper- und Bewegungstraining teilnahmen, anfänglich mit Widerstand. Schwierig war es, so Jagg, die beiden Gruppen füreinander zu sensibilisieren „es war für alle ein großer Lernprozess. Nach Ende des Projektes wäre es so richtig los gegangen, da haben die SchülerInnen gerade mal begriffen, worum es geht. Die Arbeit war ein Risiko, aber hat viel Spaß gemacht, doch im Prinzip ist es ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Denn gerade im Tanz ginge es um kontinuierliche Aufbauarbeit.
Andere Choreografinnen gingen themenzentriert vor und griffen Material aus dem Schulalltag auf, wie zum Beispiel die Choreografin und Tänzerin Susanne Chambalu, die im Sportgymnasium St. Pölten mit einer Klasse aus der Bildnerischen Erziehung, mit dem einzigen Lehrer in diesem Projekt, zusammen traf. Ihre Schwierigkeiten sah sie vor allem in den äußeren Strukturen. Nicht immer stand der Turnsaal für das Training zur Verfügung, so musste im Zeichensaal gearbeitet werden. Außerdem wurde das Projekt an dieser Schule als zusätzliches Feature zum regelmäßigen Unterricht geplant, das heißt die SchülerInnen kamen in ihrer Freizeit. Daher war es besonders erfreulich, dass von den ursprünglich 16 SchülerInnen 10 an dem Projekt teilnahmen, darunter auch zwei Burschen. Anfänglich war es nicht leicht das Interesse der SchülerInnen zu wecken. Chambalu nahm bekanntes Bewegungsvokabular auf: „Lümmeln –da hatte ich auf einmal ihre Aufmerksamkeit.“ Anhand einer bekannten „Haltung“ baute sie ihre Stunden auf. Sie arbeitete mit einfachem Bewegungsvokabular wie gehen, sitzen, stehen und ziehen und baute daraus eine kleine Choreografie. Ob ihnen ‚Tanz’ dadurch tatsächlich näher gebracht wurde, bleibt unklar, jedoch, meinte der Lehrer, seien die SchülerInnen umgänglicher geworden, und diese wiederum meinten, ihr Lehrer netter. Zumindest im Umgang miteinander hat sich der ‚Tonfall’ geändert.
Der laute Jubel, mit dem die SchülerInnen die Choreografinnen bedachten, zeigte, dass sich die Mühe trotz aller Widerstände durchaus gelohnt hatte.
Es ist wunderbar, dass es solche Maßnahmen immer wieder gibt. Bereits vor Jahren hat die Künstlerin, Choreografin und Tänzerin Aurelia Staub ein solches Projekt, allerdings auf den Wiener Raum beschränkt, durchgeführt.
Im Unterschied zu Aurelia Staubs Projekt wird dieses Mal eine Abschlussstudie von Universitätsassistentin Dr. Maria Dinold und zwei ihrer Studentinnen verfasst. Sie werden anhand eines Fragebogens die Veränderungen bezüglich des Körperkonzepts der SchülerInnen als auch die Erfahrungen der ChoreografInnen erheben, nicht jedoch, ob sich auch die ästhetische Auffassung von Tanz bei den SchülerInnen verändert hat – Resultate wird es allerdings erst im September geben.
Dass Tanz und Bewegung auf Körperwahrnehmung, soziale Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie auf die Befindlichkeit des bzw. der einzelnen seine Auswirkungen hat, ist klar. Offen hingegen bleibt, inwiefern man/frau jene Leute in Entscheidungspositionen davon überzeugen kann, dass diese Art von Bewegung zum einen für eine gesunde Entwicklung wichtig ist, und zum anderen, auch den Geist für eine Kunstform öffnet, die Ausdruck einer Lebenshaltung ist.
Leider – so auch Brigitte Jagg – sind solche Projekte zeitlich beschränkt und in der kurzen Phase ist es gerade möglich, den Jugendlichen einen kleinen Einblick in den zeitgenössischen Tanz zu geben und sie mit neuen Erfahrungen und Körpersensationen zu konfrontieren. Nach Ende des Projektes kehrt man jedoch zum ‚business as usual’ zurück!?

Weitere Beiträge:
"Tanz aus der Reihe" Podiumsdiskussion
Im Gespräch mit Esther Linley zu "Tanz aus der Reihe"
"Tanz macht Schule"

Gabriele Haselberger

Submit am 14.06.2004

 

Online am Dienstag 14.06.2004

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